Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Walter Koch

Inschriftenpaläographie des abendländischen Mittelalters und der früheren Neuzeit. Früh- und Hochmittelalter

(Oldenbourg Historische Hilfswissenschaften), Wien/München 2007, Oldenbourg, 264 Seiten, 247 Abbildungen, 4 Karten, 1 CD-ROM

Rezensiert von Karl Borchardt (München)      PDF-Datei


Inschriften sind eine durch moderne Baumaßnahmen und Umwelteinflüsse stark gefährdete, aber auch für die nachantiken Perioden der Geschichte wichtige Quellengattung. Ihre wissenschaftliche Aufbereitung kommt vielfach einem Rettungswerk gleich. Besondere Verdienste darum hat sich in den letzten Jahrzehnten der jetzige Münchener Emeritus Walter Koch erworben. Auf der Grundlage seiner Lehrveranstaltungen an den Universitäten München und Wien legt er hier eine gelungene Einführung in die epigraphischen Schriftformen des lateinischen Europas von ihren spätantiken Wurzeln bis zum Übergang von den romanischen zu den gotischen Buchstaben im 13. Jahrhundert vor.
Das Werk ist reich bebildert. Die abgebildeten Inschriften sind stets transkribiert und knapp erläutert. Richtlinien und Muster für Editionen sowie ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis runden den Band ab. Zusammen mit der beigefügten CD-ROM stellt er ein hervorragendes Instrument zum Selbststudium dar für alle, die mit Inschriften aus diesen Perioden konfrontiert werden. Hervorzuheben ist nicht zuletzt die europäische Ausrichtung, die über die von den fränkischen Großreichen der Merowinger und Karolinger erfaßten Gebiete hinaus den britischen Inseln, der iberischen Halbinsel, Süditalien und Polen ihr gebührendes Gewicht zuerkennt.
Welche Stücke ausgewählt und präsentiert werden, hängt natürlich von Forschungsstand ab, nicht zuletzt vom Fortschreiten nationaler Editionsreihen wie der Deutschen Inschriften, des Corpus des Inscriptions de la France Médiévale oder des Corpus Inscriptionum Poloniae. Nicht mehr genauer berücksichtigt werden konnte zum Beispiel die als im Druck befindlich erwähnte Arbeit von Sebastian SCHOLZ, Die Wiener Reichskrone, in: Hubertus SEIBERT/Jürgen DENDORFER (Hg.), Grafen, Herzöge, Könige, Ostfildern 2005, 341-362, die aus epigraphischer Sicht einen wichtigen Beitrag zu der zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert schwankenden Datierung dieses herausragenden Objekts liefert.
Wie bei einem so ehrgeizigen und nicht zuletzt typographisch durch die vielen eingefügten Zeichnungen komplexen Unterfangen gar nicht anders zu erwarten, gibt es ab und an kleinere Fragen: S. 184 Abb. 195 müßte wohl ... PRO CC L IIIo SOLIDIS MORL(ANENSIBVS) aufgelöst werden, ähnlich S. 193 Abb. 207 ... UMB(ER)TI ARCHIEP(ISCOP)I VIENN(ENSIS). Auf S. 191 Abb. 205 fällt erst beim zweiten Blick auf, daß nicht von VII, sondern tatsächlich von VIIII ID(VS) AP(R)IL(IS) die Rede ist, was vielleicht einer Erwähnung wert gewesen wäre.
Der eigentliche Wert der Publikation aber liegt in der mustergültigen Beschreibung der Buchstaben, Ligaturen, Enklaven und verschiedenartiger, oft höchst komplexer Zierformen. Hier wird ein Standard gesetzt, hinter den künftige Forschungen nicht zurückfallen dürfen. Mit Spannung zu erwarten wäre daher eine Fortsetzung zur Inschriftenpaläographie des späteren Mittelalters, der Renaissance und des Barock, denn gerade aus landesgeschichtlicher Sicht dürften die meisten Inschriften, mit denen man es zu tun bekommt, aus diesen Perioden stammen.

Erschienen am 21.08.2008

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