Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Jürgen John / Horst Möller / Thomas Schaarschmidt (Hg.)

Die NS-Gaue. Regionale Mittelinstanzen im zentralistischen "Führerstaat"?

(Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Sondernummer), München 2007, Oldenbourg, 483 Seiten

Rezensiert von Heinz Hürten (Eichstätt)      PDF-Datei


Die Mittelinstanzen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei sind aus ihrer ursprünglichen Funktion als Untergliederungen der Partei rasch zu regionalen Machtzentren des nationalsozialistischen Regimes geworden; aus Verwaltungseinheiten der NSDAP wurden NS-Gaue, außerhalb des "Altreichs" sogar "Reichsgaue", staatliche Verwaltungsbezirke, in denen die Ämter des Reichsstatthalters und des Gauleiters zu einer realen Identität verschmolzen, nicht mehr (wie sonst oft) lediglich in Personalunion vereinigt wurden. Für das Verständnis des nationalsozialistischen Herrschaftssystems und die Stellung Hitlers darin ist deshalb die Klärung von vorgegebener Funktion und selbstbestimmtem Handlungsspielraum der Gaue von entscheidender Bedeutung. Dieser von der Forschung bislang noch nicht mit hinreichender Tiefe und Breite nachgegangenen Fragestellung widmete sich im September 2005 eine von den Herausgebern organisierte Tagung in der Berliner Niederlassung des Instituts für Zeitgeschichte. Ihre Ergebnisse werden in diesem Band präsentiert.
Der Ertrag der rund zwei Dutzend nach Themengruppen gegliederten Referate, deren mehrere meist durch den kritischen Kommentar von dritter Seite ergänzt wurden, lässt sich nicht in einer glatten Formel verdichten. Vielmehr zeigt sich eine Fülle von einzelnen Aspekten, die bis heute eine über Ansätze hinausreichende Typologie der Gaue verhindert haben. ("Vorüberlegungen" dazu stellt Detlef Schmiechen-Ackermann S. 234-253 an, dem jedoch von Michael Kißener entgegengehalten wurde, dass bei aller vielleicht noch zu entdeckender "Selbstständigkeit und Eigenheit der Gaue" doch nicht übersehen werden dürfe, "dass am Ende der Handlungsspielraum auf die engen Grenzen beschränkt blieb, die die nationalsozialistische Ideologie und die zentralen Instanzen des Führerstaates vorgaben", S. 363.)
Aber eben dieser Handlungsspielraum, der "Regionalismus" innerhalb des nach außen totalitär und monolithisch wirkenden Regimes ist das zentrale Thema des Bandes. Im ersten Abschnitt "Grundfragen" bemühen sich Schaarschmidt, John, Hachtmann und B. Gotto um Entwicklung und Klärung einer hierfür geeigneten Begrifflichkeit, ohne jedoch den Kommentator Michael Ruck letztlich überzeugen zu können, der für die neu entwickelten Modelle weiterreichende Quellen verlangt (S. 99).
Auch in den Abschnitten "Politikfelder", das heißt "Rassenpolitik und Euthanasie", "Wissenschaft, Kultur, Bildung", zeigt sich die Schwierigkeit, den systemischen Ort der Gaue exakt zu bestimmen. Denn einerseits besaßen manche Gauleiter neben ihren regionalen Aufgaben Leitungsfunktionen auf oberster Ebene, so dass nicht eindeutig zu klären ist, ob sie "Regionalpotentaten oder Akteure auf Reichsebene" (Susanne Heim) waren.
Der dritte, größte Abschnitt "Die NS-Gaue - Gauverwaltung und Gau-Porträts" bietet wie schon die vorhergehenden eine Fülle von Informationen, die gelegentlich einander direkt widersprechen (wie hinsichtlich der Existenz und Funktion der von Peter Hüttenberger in seiner grundlegenden Dissertation beschriebenen "Gauclique", dem informellen Leitungs- und Helfergremium des Gauleiters), jedenfalls noch weit davon entfernt sind, eine überzeugende Typenbildung möglich zu machen. Zu Recht erscheint unter anderem die Individualität des Gauleiters als beachtenswerter Faktor für die Ausgestaltung des ihm übergebenen Gaues. Dies macht freilich die Bemühung um die Klärung der Frage nach der Stellung der Gaue im nationalsozialistischen Herrschaftssystem noch ein Stück schwieriger. Denn eine von der Persönlichkeit der Leitungsfigur unabhängige Struktur hätten die Gaue wohl erst nach einem mehrfachen Personalwechsel an ihrer Spitze erkennen lassen können. Die Erforschung der Gaue teilt auch in diesem Punkt die Problematik einer strukturellen Analyse des sich rasch entwickelnden, aber nie zu einem Abschluss gelangten nationalsozialistischen Regimes im Ganzen.
Trotz der Überfülle von neuen Kenntnissen, die der Band vermittelt, bleiben einzelne weiße Flecken im Bild der Gaue. Dies ist gewiss zu einem Teil mindestens auf den Mangel an Quellen zurückzuführen, aber wohl auch auf die Begrenzung der Fragestellung. Die Stellung zu den Kirchen kommt zwar gelegentlich zur Sprache, wird aber nicht als "Politikfeld" genommen und bleibt bei den meisten "Gau-Porträts" unerwähnt. Dies fällt besonders auf in dem Kapitel "Expansion und regionale Herrschaftsbildung" im Gau Tirol-Vorarlberg (Michael Wedeking). Denn hier beanspruchte die nationalsozialistische Führung ohne jede Rechtsgrundlage grundsätzlich Mitsprache bei der Bestellung des Bischofs von Innsbruck, da er Einfluss auf "Volksgenossen" besitze. Sie erkannten den Ernannten nicht an und sperrten ihm die Bezüge. "Herrschaftsbildung" erfasste eben auch die Systeme der Sinndeutung, wie es in einem totalitären Regime nicht anders sein kann.
Wenn der Band eine schlüssigen Beschreibung der regionalen Herrschaftsträger im nationalsozialistischen Regime auch (noch?) nicht liefern kann, muss ihm nichtsdestoweniger attestiert werden, dass er sie in einer nicht übertroffenen Dichte und Detailkenntnis vor Augen führt, was ihm den Dank aller Leser sichern wird.

Erschienen am 27.02.2009

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