Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Claudio Donati / Helmut Flachenecker (Hg.)

Le secolarizzazioni nel Sacro Romano Impero e negli antichi Stati italiani: premesse, confronti, conseguenze. Säkularisationsprozesse im Alten Reich und in Italien: Voraussetzungen, Vergleiche, Folgen

(Annali dell'Istituto storico italo-germanico, Contributi 16), Bologna/Berlin 2005, Mulino/Duncker & Humblot, 337 Seiten

Rezensiert von Manfred Eder (Osnabrück)      PDF-Datei


Auf Anregung von italienischen, deutschen und österreichischen Historikern veranstaltete die Cusanus-Akademie Brixen mit Unterstützung des Zentrums für italienisch-deutsche Studien in Trient vom 6. bis 8. März 2003 eine Tagung zu den Säkularisationsprozessen im Alten Reich und in Italien an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Die 14 dort gehaltenen Vorträge - sechs in deutscher und acht in italienischer Sprache - werden in vorliegendem Band dokumentiert, der von Einleitungen der Herausgeber eröffnet wird. Das Anliegen der Beiträge sei es, so Helmut Flachenecker, "Grenzen [zu] öffnen, den Blick für scheinbar gleiche, bei näherem Hinsehen jedoch grundsätzlich verschiedene Vorgänge in zwei Großregionen Mitteleuropas [zu] schärfen, um somit Impulse von außen für die, besonders in Deutschland heftige Diskussion über die Bewertung der Ereignisse 1802/03 zu geben" (S. 24). Die zum Vergleich herangezogenen Großregionen sind Oberdeutschland auf der einen sowie Österreich, die Lombardei, Venetien und die Toskana auf der anderen Seite. "Damit sollten auch zwei Wissenschaftstraditionen, die italienische wie die deutsche, in Beziehung gesetzt und zu einem wissenschaftlichen Diskurs angeregt werden" (S. 23). Im Laufe der Diskussionen in Brixen traten jedoch - wie Flachenecker zusammenfaßt - hinsichtlich der jeweiligen Ausgangssituation signifikante Unterschiede zutage, so im Amtsverständnis der Bischöfe, in der Finanz- und Wirtschaftskraft der Bistümer, in der Bedeutung und Zusammensetzung der Domkapitel, in der Einflußnahme des Papsttums (die in Italien ungleich größer war), in der Rolle der Oberhirten im Rahmen des Elementarschulwesens und in der Sozialstruktur der Inhaber von Kirchenämtern und -pfründen. Überdies liefen die Säkularisationsvorgänge - vor allem bedingt durch die habsburgische Herrschaft - im nördlichen Italien früher ab als im Deutschen Reich, wo wiederum der Kontinuitätsbruch größer war: "Aus einem weitgehend katholisch dominierten Reich wurde ein protestantisch geführter deutscher Staatenbund." (S. 24)
Der erste Beitrag von Harm Klueting bietet sodann einen Überblick zu den Territorial- und Klostersäkularisationen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert und fragt nach der Legitimität des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803. Die folgenden vier, aus den Quellen gearbeiteten italienischsprachigen Aufsätze widmen sich der staatlichen Vermögensverwaltung im Herzogtum Mailand in der Frühen Neuzeit (Giorgio Dell'Oro), den Kompetenzen der kirchlichen Gerichte in Italien bis zum beginnenden 19. Jahrhundert (Elena Brambilla), dem Wirken des Erzbischofs von Brescia, Angelo Maria Kardinal Querini (1728-1755, Daniele Montanari), und den Diözesen Venetiens im 18. Jahrhundert, insbesondere im Blick auf die Verwaltung und Verwendung von Stiftungen "ad pias causas" (Giuseppe Del Torre). Kurt Andermann nimmt "Die geistlichen Staaten Südwestdeutschlands am Vorabend der Säkularisation" unter die Lupe und tritt dabei dem weitverbreiteten Vorurteil entgegen, die weltlichen Staaten seien damals den geistlichen voraus gewesen. Helmut Flachenecker schildert "Die Säkularisationsvorgänge in fränkisch-bayerischen Hochstiften" und geht dabei auch auf die durch eine kurze toskanische Herrschaft (1803-1805) bedingte Sonderentwicklung in Eichstätt ein. Umberto Mazzone beschreibt wesentliche Konsequenzen des Einfalls Napoleons in den Kirchenstaat und Mauro Nequirito die Situation der Kirche im Trentino beim Übergang vom Heiligen Römischen Reich zur napoleonischen Herrschaft. Eine österreichische Spezialität beleuchtet William D. Godsey Jr., nämlich die Möglichkeit der dortigen Hocharistokratie, nach dem Wegfall der Kirche als Versorgungsinstitut beim Militär ein standesgemäßes Auskommen zu finden und Karriere zu machen. Um Österreich geht es auch im Beitrag von Antonio Trampus, näherhin um die innere Entwicklung der Kirche des Alpenlandes und die Beziehung zum Wiener Hof in der Zeit des Josephinismus. Erwin Gatz gibt einen knappen Überblick "Zum Umbruch der Pfarrei im Kontext der Säkularisation" und vergleicht dabei die Folgen für die Pfarreien im Reich, in Österreich und in den an Frankreich gefallenen linksrheinischen Gebieten.
Die letzten beiden Aufsätze weiten den Blick nochmals vom Speziellen zum Übergreifenden. Dominik Burkard umreißt die ekklesialen, das heißt wirtschafts-, macht- und territorialpolitischen Folgen und die ekklesiologischen Konsequenzen (Resakralisierung, Theologisierung, Pragmatisierung, Zentralisierung) der Säkularisation, die auch in einer Graphik (S. 320), der einzigen Illustration des Bandes überhaupt, dargestellt werden. Paolo Prodi schließlich schlägt einen großen Bogen von der Alten Kirche über die Gregorianische Reform bis hin zu Totalitarismus und Globalisierung im 20. Jahrhundert, um die tiefgreifende Veränderung im Verhältnis von Kirche und Staat aufzuzeigen.
Insgesamt ist unter den zahlreichen Sammelbänden, die im Umfeld des 200-jährigen "Jubiläums" der Säkularisation von 1803 erschienen sind, dieser sicher einer der gelungensten und anregendsten - insbesondere aufgrund der vergleichenden Perspektive. Der Eindruck wäre vollends positiv, wenn nicht drei wünschenswerte Dinge fehlen würden, nämlich Register, Autorenverzeichnis und Kurzzusammenfassungen der Beiträge in der jeweils anderen Sprache.

Erschienen am 13.03.2008

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