(Publikationen der Akademie der Augustiner-Chorherren von Windesheim 7), Paring 2007, Augustiner-Chorherren-Verlag, 695 Seiten
Rezensiert von Claudius Stein (München) PDF-Datei
Die vorliegende Münchener theologische Doktordissertation ist ein unwahrscheinlich materialreiches, mit immensem Fleiß erstelltes Buch. Es verdeutlicht eindringlich, dass es sich bei dem Pollinger Augustiner-Chorherrn Eusebius Amort - trotz seiner eklektischen Arbeitsweise - um einen der bedeutenderen Theologen in der Epoche der Aufklärung handelt. Amort wurde bisher vornehmlich unter systematisch-theologischen Aspekten, vor allem als Moraltheologe, untersucht, sein Leben fand hingegen nur am Rande oder in kleineren Aufsätzen und Abhandlungen Berücksichtigung. Die Verfasserin strebt folglich eine "kritisch-biographische Darstellung" an: "In der vorliegenden Arbeit geht es nicht nur um eine äußere Lebensbeschreibung Eusebius Amorts, vielmehr sollen seine mannigfaltigen, europaweiten Querverbindungen gebührend gewürdigt werden." (S. 107) Die Quellenlage für dieses Vorhaben ist als günstig zu bezeichnen, da sich der außerordentlich umfangreiche Nachlass Amorts ziemlich vollständig in der Handschriftenabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek erhalten hat; insbesondere ist hier auf die Korrespondenz Amorts, gewichtiger Teil des Pollinger commercium litterarum, aber auch auf seine zahlreichen ungedruckten Manuskripte zu verweisen. Ihre souveräne Beherrschung der lateinischen Quellen erlaubt der Verfasserin eine minutiöse Auswertung dieses Bestandes, wie sie vor ihr wohl nur Richard van Dülmen für seine Doktorarbeit über den Pollinger Propst Franziskus Töpsl, Freund und Mitstreiter Amorts, geleistet hat. Allerdings muß konstatiert werden, dass mit einer solchen Herangehensweise an das Thema keine kritische geistes- und theologiegeschichtliche Gesamtbiographie Amorts entstehen konnte - was aber anscheinend auch nicht in der Intention der Verfasserin lag. Der Wirkungsgeschichte Amorts im einzelnen nachzugehen - in liberal-katholischen Kreisen (J. N. Sepp) galt er als Döllinger des 18. Jahrhunderts -, bleibt weiterhin ein Desiderat der Amort-Forschung.
Im Leben und Wirken Eusebius Amorts spiegelt sich exemplarisch die Kirchengeschichte der ersten drei Viertel des 18. Jahrhunderts wider, sowohl was die allgemeine als auch was die spezielle Entwicklung (im süddeutschen Raum) betrifft. Es seien hier nur die entsprechenden Stichwörter zu den im Buch - teilweise unter Berücksichtigung der schwierigste theologische Fragestellungen auf Latein abhandelnden Werke Amorts - ausgebreiteten Themenfeldern genannt: Auseinandersetzung um die Verfasserschaft der "Imitatio Christi", Streit um die "Mística Ciudad de Dios" der Maria de Agreda, Kontroversen um Jansenius und Febronius, Moralstreitigkeiten (Probabilismus). In seiner Eigenschaft als Theologe des Augsburger Fürstbischofs Joseph Landgraf von Hessen-Darmstadt - während seines römischen Aufenthalts 1734/1735 war er Theologe des Kardinals und Protektors der lateranensischen Kongregation der regulierten Chorherren Niccoló Maria Lercari gewesen - war Amort maßgeblich für die Unterrichtsinhalte des (1747 gegründeten) Priesterseminars Pfaffenhausen verantwortlich, hatte sich zudem mit den Causae der Crescentia Höß von Kaufbeuren und des Gegeißelten Heilands auf der Wies zu beschäftigen und nicht zuletzt das volksfromme Schrifttum und Brauchtum von abergläubischen Inhalten und Praktiken zu säubern. Nachdem Amort also im Zentrum der theologisch-wissenschaftlichen Auseinandersetzungen seiner Zeit stand, ist es nicht verwunderlich, dass er einmal den Widerstand der Gegenkräfte am eigenen Leib zu spüren bekam, zumal er selbst mit seinen Gegnern nicht gerade schonungsvoll umging. Von den Franziskanern am kurbayerischen Hof war Amort als prinzipieller Gegner der Lehre von der Immaculata Conceptio verschrien worden. Er vertrat aber lediglich die Meinung, dass es in Anbetracht der zahlreichen Gegner nicht opportun wäre, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keineswegs dogmatisierte Unbefleckte Empfängnis allzusehr in den Vordergrund zu rücken. Jedenfalls trug ihm, dem römischerseits gefeierten Theologen, diese Denunziation die Maßregelung mit Immaculata-Schreibverbot durch Kurfürst Max III. Joseph, einen besonderen Marienverehrer, ein.
Weiter kann man Amort mit vollem Recht als den Senior der bayerischen Akademie- und Sozietätsbewegung bezeichnen, beginnend 1720 mit seinem bemerkenswerten Engagement für die nicht zustande gekommene "Academia Carolo-Albertina" und den "Parnassus Boicus" - das bayerische Gegenstück zum "Journal des Savants" sowie zu den "Acta eruditorum", dessen Mitherausgeber Amort war - über die ebenfalls nichts zustande gekommene "Academia Augustana" bis hin zur 1759 gegründeten Bayerischen Akademie der Wissenschaften, an deren Arbeiten sich Amort allerdings kaum mehr aktiv beteiligt hat. Die entsprechenden Ausführungen der Verfasserin ergänzen die grundlegenden Forschungen Ludwig Hammermayers komplementär.
Die Materialbasis der vorliegenden Arbeit ist zwar äußerst breit, hätte jedoch zweifellos noch um die römische Überlieferung ergänzt werden können. Dieser Gedanke drängt sich besonders in Anbetracht des Anhangs auf, wo Briefe der Päpste Benedikt XIV. und Clemens XIII. an Amort abgedruckt sind. Auch wenn Schreiben dieser Art bisweilen sehr formal gehalten sind, hätten die Gegenbriefe Amorts doch interessiert. Einen ähnlichen Gedanken mag man in Hinblick auf folgenden Satz hegen: "Amort zeigte selbst immer wieder Werke in Rom an, oder machte darauf aufmerksam, man möge das eine oder andere Werk doch genauer untersuchen" (S. 540) Warum wurden hier nicht die Archive der Indexkonkregation und/oder des Heiligen Offiziums konsultiert, deren Erforschung momentan besonders intensiv betrieben wird (vgl. Forschungsprojekt der DFG zur "Römischen Inquisition und Indexkongregation in der Neuzeit"). Das Buch in seiner Gesamtheit hätte so nur noch mehr gewonnen.
Erschienen am 13.03.2008
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