Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Manfred Groten / Andreas Rutz (Hg.)

Rheinische Landesgeschichte an der Universität Bonn. Traditionen - Entwicklungen - Perspektiven

Göttingen 2007, V & R unipress, 327 Seiten

Rezensiert von Enno Bünz (Leipzig)      PDF-Datei


Während Bayern mit dem ältesten Lehrstuhl für Landesgeschichte aufwarten kann, der 1898 an der Universität München eingerichtet wurde, ist die Etablierung der neuen Disziplin in anderen deutschen Ländern ganz wesentlich von Institutsgründungen gefördert worden. Schon 1906 kam es an der Universität Leipzig zur Gründung des Seminars für Landesgeschichte und Siedlungskunde unter der Leitung von Rudolf Kötzschke, dem 1927 noch ein Institut für Heimatforschung an die Seite gestellt wurde. Die Leipziger Ansätze wurden von dem Bonner Mediävisten und Landeshistoriker Herman Aubin (1885-1969) aufgegriffen. So kam es 1920 in Bonn zur Gründung des Instituts für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande. Das Konzept einer Geschichtlichen Landeskunde beruht auf dem Ansatz der so genannten "Kulturraumforschung" und zielt auf Geschichtslandschaften, die nicht durch ein Kernterritorium, also durch eine historisch vorgegebene Raumgröße geprägt sind. Im territorial zersplitterten Rheinland versuchte Aubin deshalb, mit einem interdisziplinären Ansatz - Landesgeschichte im Verbund mit der Sprachgeschichte und der Volkskunde, doch konnten auch andere Disziplinen hinzutreten - Kulturräume anhand eines Kriterienbündels historischer, volkskundlicher und sprachlicher Phänomene abzugrenzen. Im Ergebnis kam es zur Entstehung der geschichtlichen Landeskunde als historischer Disziplin.
In den letzten anderthalb Jahrzehnten hat es - zumeist durch Jubiläen bedingt - nicht nur in Bayern, sondern auch in Brandenburg, Sachsen und Thüringen, in Baden-Württemberg, Hessen und Niedersachsen Versuche gegeben, Genese, Stand und Perspektiven landesgeschichtlicher Forschung zu bestimmen. In diesen Zusammenhang gehört der vorliegende, bereits vor etlichen Jahren erschienene Sammelband, dessen Entstehung an sich wenig erfreulich ist: Das Ende des traditionsreichen Instituts für geschichtliche Landeskunde an der Universität Bonn, das 2005 zerschlagen und in das Institut für Geschichtswissenschaft bzw. das Institut für Germanistik der Universität Bonn eingegliedert wurde, bot Anlass zu einer Bilanztagung unter dem Titel "Landesgeschichte auf dem Prüfstand", die im Herbst 2006 in Bonn veranstaltet wurde. In erweiterter Form, ergänzt durch einen umfangreichen Anhang, liegen die Referate nun in diesem Sammelband vor. Eine bedauerliche Lücke in einem besonders sensiblen Bereich ist aber leider dadurch eingetreten, dass Burkhard Dietz nicht in der Lage war, seinen Vortrag über das Bonner Institut für geschichtliche Landeskunde und die Westforschung in der NS-Zeit zum Druck einzureichen. Auch zwischenzeitlich scheint dieser Beitrag andernorts nicht erschienen zu sein.
Den größten Raum des Bandes nimmt der erste Themenblock mit sechs Beiträgen über "Das Bonner Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande 1920-2005" ein. Marlene Nikolay-Panter skizziert als langjährige Mitarbeiterin und interne Kennerin "Geschichte und methodischen Ansatz des Bonner Instituts" (S. 11-37), das von dem Historiker Hermann Aubin begründet wurde. Da die jetzt maßgebliche Biographie von Eduard Mühle, Für Volk und deutschen Osten. Der Historiker Hermann Aubin und die deutsche Ostforschung (Düsseldorf 2005) und dessen Edition "Briefe des Ostforschers Hermann Aubin aus den Jahren 1910-1968" (Marburg 2008) für diesen Beitrag nicht mehr herangezogen werden konnten, sei hier ausdrücklich auf diese wichtigen Neuerscheinungen hingewiesen. Aubins Beschäftigung mit der territorial zersplitterten Geschichte des Rheinlandes führte zur Forderung, anstelle der herkömmlichen, herrschaftsbezogenen Landesgeschichte nun geschichtliche Landeskunde zu betreiben, die durch ihren interdisziplinären, auf kulturelle Verhältnisse im weitesten Sinne zielenden Ansatz überhaupt erst Geschichtsräume sichtbar machen würde. Dies führte den Bonner Historiker zur Beschäftigung mit den inneren Verhältnissen und der materiellen Kultur, öffnete letztlich also unter dem Einfluss Karl Lamprechts den Weg zu einer modernen Gesellschafts- und Strukturgeschichte und förderte die Zusammenarbeit mit historischen Nachbardisziplinen wie der Sprachwissenschaft und Volkskunde, der Archäologie und Kunstgeschichte. Dieses gemeinsame Bestreben, Geschichtslandschaften zu erschließen, wurde auch als Kulturraumforschung bezeichnet. Das Bonner Institut ist seit der Zusammenarbeit Hermann Aubins mit dem Bonner Germanisten Theodor Frings, der 1927 an die Universität Leipzig ging, durch die enge Verbindung von geschichtlicher Landeskunde und germanistischer Sprachgeschichte und Volkskunde geprägt worden, und dies fand organisatorischen Ausdruck in der Einrichtung von zwei, später drei Abteilungen. Die frühe Vorreiterrolle des Bonner Instituts beruhte nicht nur auf dem interdisziplinären Ansatz, sondern auch - wie Nikolay-Panter deutlich macht - auf dem Einsatz der Karte als methodischem Erkenntnisinstrument. Neben dem "Geschichtlichen Handatlas der Rheinprovinz" (1926) ist hier vor allem auf das gleichzeitig erschienene Buch "Kulturströmungen und Kulturprovinzen in den Rheinlanden" von Hermann Aubin, Theodor Frings und Josef Müller zu verweisen (erweiterter Nachdruck Bonn 1966), in dem geschichtliche Landeskunde, Sprachgeschichte und Volkskunde Hand in Hand wirkten. Der Ansatz der grenzüberschreitenden Kulturraumforschung ließ sich im Kontext der Westforschung zwischen den beiden Weltkriegen natürlich auch politisch instrumentalisieren, doch geht die Verfasserin darauf nur kursorisch ein, weil dafür ein gesonderter Beitrag vorgesehen war, wie schon erwähnt wurde. Der Schwerpunkt der Ausführungen von Nikolay-Panter liegt auf den methodischen Neuansätzen und Impulsen der Gründungszeit, während die Entwicklung der Zeit nach 1945 nur noch kursorisch behandelt wird. Der hohe methodische Anspruch der Kulturraumforschung hat sich über die Jahrzehnte im Bonner Institut nicht durchhalten lassen und führte lediglich noch mit den Arbeiten zur religiösen Volkskunde von Matthias Zender zu überregional beachteten Arbeiten. Von der geschichtlichen Landeskunde gingen hingegen kaum noch methodisch wegweisende Impulse aus. Produktiv gearbeitet wurde aber selbstverständlich auch weiterhin, mit durchaus relevanten Themen und Ergebnissen. Die Bonner geschichtliche Landeskunde wurde unter der Leitung von Franz Steinbach, Franz Petri, Edith Ennen, Georg Droege und Wilhelm Janssen zu dem, was es ursprünglich gar nicht sein sollte, nämlich zu einem Institut für rheinische Landesgeschichte.
Während die Ausführungen von Nikolay-Panter mehr auf die grundsätzliche Ausrichtung des Bonner Instituts zielen, würdigt Andreas Rutz die "historische Forschung am Bonner Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande 1920-2005 unter besonderer Berücksichtigung der Dissertationen" (S. 39-66). In der Abteilung Rheinische Landesgeschichte sind im angegebenen Zeitraum 132 Dissertationen entstanden, von denen die meisten (52) in der besonders langen Amtszeit von Franz Steinbach (1928-1960) betreut wurden. Zeitlich lag der Schwerpunkt der meisten Arbeiten im Bereich des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Die thematischen Schwerpunkte lagen vor 1945 im Bereich der ländlichen Siedlungsgeschichte und Agrargeschichte, wobei natürlich auch zeitgebundene Fragestellungen zum Tragen kamen. Der Verfasser betrachtet auch die Arbeiten auf dem Gebiet der Westforschung und die späteren eher dürftigen Leistungen zur Erforschung des Nationalsozialismus, behandelt die nach 1945 entstandenen Dissertationen aber nur noch kursorisch. Der Leser sei zur Vertiefung auf das von Jochen Hermel im Anhang zusammengestellte Verzeichnis der historischen Dissertationen (S. 267-282) verwiesen. Die Arbeit der anderen Abteilungen des Bonner Instituts würdigen Walter Hoffmann und Thomas Klein, "Von der Dialektgeographie zur Variationslinguistik. Grundzüge der Geschichte der Sprachforschung am Bonner Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande" (S. 67-93), und Heinrich Leonhard Cox, "Die Abteilung Rheinische Volkskunde des Bonner Instituts für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande und der 'Atlas der deutschen Volkskunde'" (S. 95-112). Das Bonner Institut hat von Anfang an nicht nur Forschungsarbeit betrieben, sondern war auch bestrebt, die Ergebnisse in die Öffentlichkeit zu tragen und die spezifischen Arbeitsmethoden weiter zu vermitteln. Darauf geht Georg Mölich unter dem Titel "'Zu den Rheinlanden reden ...'. Rheinische Neujahrsblätter, Fortbildungskurse und andere öffentlichkeitsorientierte Aktivitäten des Bonner Instituts im Jahrzehnt nach 1920" (S. 113-127) näher ein. Eng mit dem Institut verbunden war auch der bis heute bestehende Verein für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande, über dessen Gründung und frühe Jahre ein weiterer Aufsatz von Marlene Nikolay-Panter handelt (S. 129-156). Überregional wurde (und wird) der Verein vor allem durch die jährlich erscheinende Zeitschrift "Rheinische Vierteljahrsblätter" wahrgenommen, in der auch die Vorträge der jährlichen Arbeitstagungen des Instituts abgedruckt werden. Ein Verzeichnis der Ferienkurse, Lehrgänge und Tagungen des Bonner Instituts 1920-2005, das ebenfalls Jochen Hermel zusammengestellt hat, ergänzt die Beiträge von Mölich und Nikolay-Panter und findet sich im Anhang des Bandes (S. 283-315). Nach so viel Bonner Institutsgeschichte bilden die Ausführungen von Matthias Werner über "Die deutsche Landesgeschichtsforschung im 20. Jahrhundert. Aufbrüche, Umbrüche, Perspektiven" (S. 157-178) einen guten Abschluss des ersten Themenschwerpunktes, weil das Bonner Institut erst dadurch in den Gesamtzusammenhang der Entwicklung der deutschen Landesgeschichte als Disziplin gestellt wird, die der Verfasser kompakt nachzeichnet.
Mag sich die Auflösung des Bonner Instituts für geschichtliche Landeskunde auch einfügen in manche strukturellen Einbußen des Faches Landesgeschichte in anderen Ländern der Bundesrepublik Deutschland, so bedeutet die einschneidende Umstrukturierung und die getrennte Integration der drei Institutsabteilungen in andere Universitätsinstitute doch nicht das Ende historisch-landeskundlicher Forschung über die Rheinlande in Bonn. Dies sollen auch die Beiträge des zweiten Themenschwerpunktes des vorliegenden Bandes signalisieren, die unter dem Rahmenthema "Gegenwart und Zukunft der Landesgeschichte" (in Bonn, versteht sich) stehen. Sie können hier nur noch kursorisch genannt, nicht aber in allen Facetten gewürdigt werden, so anregend manche Ausführungen auch sind. Manfred Groten umreißt "Perspektiven der mediävistischen Landesgeschichtsforschung" (S. 181-195) anhand ausgewählter Beispiele aus den Bereichen der Kulturgeschichte, der Verfassungs- und Sozialgeschichte, der Politik- und der Reichsgeschichte. Noch breiter angelegt sind die Ausführungen von Stephan Laux über "Rheinische Frühneuzeitforschung. Traditionen - Stand - Perspektiven" (S. 197-231), der allerdings vor allem den Forschungsstand auf etlichen Themenfelder von der Politik- über die Verfassungs- und Rechts- bis hin zur Kirchen- und Bildungsgeschichte referiert. "Was ist und zu welchem Zweck betreibt man Landeszeitgeschichte" fragt im Anschluss Christoph Nonn, der Probleme und Perspektiven einer Landesgeschichte der Moderne aufzeigen möchte (S. 233-250), dabei über manche hochschulpolitischen und geschichtspolitischen Entwicklungen räsoniert, um schließlich vor allem die "Servicefunktion" als die eigentliche Aufgabe der Landesgeschichte zu beschwören. Aufschlussreich wäre es freilich auch, den Stellenwert der Landeszeitgeschichte im Verhältnis zur Zeitgeschichte wie auch zur herkömmlichen Landesgeschichte näher zu bestimmen. Die Zeitgeschichte ist selbstverständlicher Bestandteil der Landesgeschichte, deren Stärke als historische Disziplin aber gerade darin besteht, historische Probleme im Längsschnitt und mit der Tiefendimension der "longue durée" zu behandeln. Eine Verkürzung der Landesgeschichte auf Landeszeitgeschichte würde deshalb weder den Aufgaben der Disziplin als Identitätsstifter noch als Dienstleister der Bürger gerecht werden. Im letzten Beitrag des Bandes skizziert Winfried Schenk als Vertreter einer historisch arbeitenden Nachbardisziplin der geschichtlichen Landeskunde die "Historische Geographie als historische Regionalwissenschaft" (S. 251-264). Dabei geht Schenk auf methodische Fragen ein, benennt einige Forschungsfelder wie die Klimageschichte, die Waldnutzung, die Wahrnehmung des Rheintals als Landschaft und die Zisterzienser als Gestalter von Kulturlandschaft und verweist schließlich auf den Gegenwartsbezug seiner Disziplin durch die Vermittlung von Wissen über die historisch gewachsenen Kulturlandschaften für die Gegenwart.
Die Beiträge dieses Sammelbandes zeigen aus rheinischer Perspektive die spezifischen Traditionen und das methodische Leistungsvermögen der geschichtlichen Landeskunde Bonner Prägung, die in vieler Hinsicht von Impulsen profitiert hat, die in Leipzig bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts zur Entstehung einer modernen Landesgeschichte geführt haben. Dass es sich sich bei der Geschichtlichen Landeskunde und der Landesgeschichte letztlich um weithin identische Disziplinen handelt, dürfte auch der Hinweis verdeutlichen, dass Aubin in Bonn und Kötzschke in Leipzig gleichermaßen von Karl Lamprecht angeregt wurden, von dessen frühen Forschungen zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des mittelalterlichen Mosellandes nachhaltige Impulse für eine moderne Landesgeschichte ausgegangen sind. Am Ende dieser Rezension sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass einer der bedeutendsten bayerischen Landeshistoriker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Friedrich Prinz (1928-2003), bei Franz Steinbach in Bonn studiert und im dortigen Institut gelernt hat, die Karte als methodisches Erkenntnisinstrument einzusetzen, wie beispielsweise seine Habilitationsschrift "Frühes Mönchtum im Frankenreich" mit einem umfangreichen Kartenanhang deutlich macht (München 1965). Dass gleichwohl die bayerische Landesgeschichte im 20. Jahrhundert in vieler Hinsicht andere Wege gegangen ist, als die in Bonn und Leipzig beschrittenen, verdeutlicht die Vielgestaltigkeit der deutschen Landesgeschichtsforschung.

Erschienen am 10.05.2012

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