Darmstadt 2007, Primus, 480 Seiten
Rezensiert von Dieter J. Weiß (Bayreuth) PDF-Datei
Harm Klueting ist ein großer Wurf gelungen, indem er in souveräner Beherrschung der historischen wie der theologischen Methoden eine wahrhaft europäische Geschichte des Konfessionellen Zeitalters in allen Facetten vorlegt. Sein weiter Ansatz wird schon durch die zeitliche Ausdehnung des Untersuchungszeitraums von der europäischen Pestwelle um 1348 bis zur Epoche der Aufklärung deutlich. Man merkt diesem opus magnum die lange Bearbeitungsdauer und die tiefe Vertrautheit mit der internationalen Forschung an.
Einleitend setzt sich der Verfasser mit Raum und Zeit auseinander und problematisiert den Europa-Begriff, zu dem er selbstverständlich Rußland rechnet, mit historischen, kulturellen und wirtschaftlichen Kriterien. Die Darstellung beginnt mit der Pestwelle von um 1348 und ihren Folgen für die Bevölkerungsentwicklung und bezieht so zwei Jahrhunderte vor der Reformation ein. Klueting untersucht die materiellen Lebensverhältnisse, das ländliche Europa und die Entwicklungen der Wirtschaftsgeschichte. Als herausragende historische Ereignisse behandelt er den Fall Konstantinopels und das Ende des Hundertjährigen Krieges. In weitem Bogen stellt er den Aufstieg des Hauses Österreich, das Ende der mongolisch-tartarischen Oberherrschaft in Rußland, den Sieg der Reconquista in Spanien und die europäische Expansion als Folge der Entdeckungsreisen dar. Aus dem Bereich der klassischen Geistesgeschichte würdigt er Renaissance und Humanismus. Neben der Kirchengeschichte der Päpste, Schismen und Reformkonzilien, dem gallikanischen Frankreich und den Entwicklungen im Reich vor dem Hintergrund auch der politischen Reformdebatte berücksichtigt er religiöse Bewegungen, Frömmigkeit und Observanz des Spätmittelalters. Die breite Behandlung des 14. und 15. Jahrhunderts ist notwendig, weil dadurch eine überzeugende Basis für die Vorstellung der katholischen Reform und der reformatorischen Bewegungen des 16. Jahrhunderts entsteht.
Ein zentrales Kapitel des Bandes widmet sich unter der Überschrift "Der Kulminationspunkt von zwei Jahrhunderten voller Reformstreben" der katholischen Reform, Martin Luther und der Wittenberger Reformation, Ulrich Zwingli und der Zürcher Reformation, humanistischen Präreformationen in Frankreich sowie der herausragenden Gestalt des Erasmus von Rotterdam. In dieser Perspektive verliert Martin Luther, ohne daß seine Bedeutung relativiert würde, doch viel von seiner Sonderrolle. Klueting geht der Frage nach, ob sein Wirken eher als radikaler Umbruch oder als Wandel in langfristigen Kontinuitäten zu werten sei, etwa als "eine aus dem Ruder gelaufene Ordensreform" (Edeltraut Klueting). Die Zusammenschau der Entwicklungen in ganz Europa bietet so einen neuen Blick auf die Geschichte der folgenden Epoche.
Klueting beginnt das Herzstück seines Bandes, das Kapitel zum Konfessionellen Zeitalter, mit einer Überblicksdarstellung der Mächte und des Staatensystems in der Zeit Karls V. Dann behandelt er in einem großen Dreischritt das reformatorische Europa, das katholische Europa und die Welt sowie das orthodoxe Europa. Dabei beschränkt er sich nicht auf die politischen Entwicklungen, sondern bezieht die Kirchen- und Religionsgeschichte im engeren Sinne ein. So stellt er den Aufbau des landesherrlichen Kirchenregiments in den Territorien des Reichs, aber auch Anglikanismus, Presbyterianismus und Puritanismus vor. Das Kapitel über das katholische Europa beginnt er mit dem Konzil von Trient, behandelt unter dem Vorzeichen "Kontemplation und Askese" alte und neue Orden, stellt die Entwicklung in den europäischen Staaten vor, würdigt die katholische Barockfrömmigkeit und weitet schließlich mit der überseeischen Mission den Blick auf die Universalgeschichte. Angemessen werden die Entwicklungen in der Reichskirche und die römischen Bildungseinrichtungen vorgestellt. Nur am Rande sei vermerkt, daß der erste Bamberger Germaniker-Bischof nicht Johann Gottfried von Aschhausen, sondern Peter Philipp von Dernbach war. Der Abschnitt schließt mit einer Darstellung der europäischen Politik zwischen 1559 und 1648/59.
Das abschließende Kapitel "Vom Konfessionellen Zeitalter zum Zeitalter der Aufklärung" setzt mit der Vorstellung des Westfälischen Friedens als Konfessionsfrieden ein, als dessen Ergebnis Politisierung und Säkularisierung betont werden. Die europäischen Staaten werden knapp unter konfessionellen Vorzeichen behandelt. Ein eigener Abschnitt zum magischen Weltbild ist dem Umgang mit magischen Vorstellungen und Hexenverfolgungen vorbehalten. Wenn Klueting auch sehr vorsichtig formuliert, so scheint er doch im Bereich der katholischen Volksfrömmigkeit eine der zeitgenössischen Theologie fremde Offenheit für magisches Wirken auszumachen. Rezensent möchte dagegen mit Christoph Kürzeder (Als die Dinge heilig waren. Gelebte Frömmigkeit im Zeitalter des Barock, Regensburg 2005) festhalten, daß die Sakramentalien als "Sakramente des Alltags" "dem Menschen helfen sollen, den göttlichen Heilswillen als konkrete Wirklichkeit zu erfahren". Knapp werden noch die Anfänge des Atheismus, Scientific Revolution und Physikotheologie sowie Irenik und Antikonfessionalismus vorgestellt. Der Darstellungsteil endet mir der Skizzierung einiger Grundlinien der Aufklärung. Eine erhoffte Zusammenfassung ist wohl der Raumnot des Verfassers zu Opfer gefallen. Entschädigt wird der Leser durch eine umfassende Zeittafel politisch und kirchengeschichtlich zentraler Ereignisse vom avignonesischen Exil des Papsttums bis zum Exodus der Salzburger Protestanten 1731. Als eine Grundthese läßt sich die Wechselwirkung von Konfessionalisierung und Säkularisierung festhalten.
Dieses Standardwerk zum Konfessionellen Zeitalter kann zwar keine Bibliothek ersetzen, zieht aber in großem Zugriff die Bilanz historischer und theologischer Forschungen mehr als eines Jahrhunderts für ganz Europa. Das Literaturverzeichnis und die ausführlichen Literatur- und Quellenhinweise auf zugrundeliegende 22 000 Titel mußten in einen eigenen Band ausgelagert werden: Harm Klueting, Das Konfessionelle Zeitalter Bd. 2: Anmerkungen - Literatur (Historia profana et ecclesiastica 17), Münster 2008. Deshalb ist der anzuzeigende Band auf die wichtigsten Titel und Literaturnachweise beschränkt. Trotzdem ist ein in sich geschlossenes Werk großer Gelehrsamkeit entstanden, das durch ein Register erschlossen wird. Der Band kann wegen seiner anregenden und überdisziplinären Perspektive nicht nur dem Fachhistoriker und Theologen, sondern uneingeschränkt auch Studenten als verläßliches Handbuch empfohlen werden.
Erschienen am 07.08.2008
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