Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Michael Peters

Geschichte Frankens. Vom Ausgang der Antike bis zum Ende des Alten Reiches

Gernsbach 2008, Casimir Katz, 333 Seiten, 24 Abbildungen

Rezensiert von Helmut Flachenecker (Würzburg)      PDF-Datei


Populäre Gesamtdarstellungen von geschichtlichen Zusammenhängen in einer Region sind notwendig, damit wissenschaftliche Ergebnisse an die interessierte Öffentlichkeit auch außerhalb von Universitäten und gelehrten Vereinen weiter gegeben werden können. Diese Vermittlungsarbeit ist nicht einfach und verdient wegen der aus ihr erwachsenden Breitenwirkung ein aufmerksames Interesse. Weil sie den Nerv der Zeit trifft, berichten die 'Nürnberger Nachrichten' in ihrer Ausgabe vom 2. Januar 2008 über die vorliegende Neuerscheinung: "Nicht nur sprachlich vermeidet der Verfasser gelehrte Umständlichkeit. Ganz offensichtlich bemüht er sich um farbige Darstellungsweise, die auch volkstümliche Überlieferungen in der Form von Sagen, Legenden und Liedern als historische Quellen einbezieht." Vermeidet also dieses Buch "gelehrte Umständlichkeiten" und kann es die Leserschar für die Geschichte Frankens begeistern? Vor allem aber, ist der dargestellte Geschichtsablauf mit den derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen in Einklang zu bringen?
Das vorliegende, also für ein breites Publikum geschriebene und daher nur mit einer summarischen Literaturliste versehene Werk will die Geschichte einer Geschichtslandschaft von der Spätantike bis zur Säkularisation überblicksartig darstellen. Die Vorgehensweise muss notwendigerweise zur Verkürzung, ja zur Auswahl führen. Deshalb muss die Begrifflichkeit klar sein, um Missverständnisse von vornherein zu vermeiden, allerdings sind hier bereits Einschränkungen zu machen. Das gravierendste Problem dürfte sein, dass unreflektiert von Franken als einer politischen Einheit gesprochen wird, die zwar mehrere Territorien kennt, die aber erst (!) den "Verlust der politischen Selbständigkeit (...) am Beginn des 19. Jahrhunderts" zu erleiden hatte. Das würde voraussetzen, dass sich die Geschichtslandschaft vor 1802/03 selbst als eine politische Einheit begriffen hätte. Auch wenn erkannt wurde, dass der in diesem Zusammenhang immer wieder heran gezogene Fränkische Reichskreis von 1500 nur eine lose Zusammenarbeit auf wirtschaftlichen wie militärischen Gebieten sicher stellte, jedoch keine politische Einheit war, wird bei Peters doch suggeriert, es habe ein einheitliches Franken seit der Spätantike gegeben. Allerdings besaß kein frühneuzeitlicher Fürst im Fränkischen Reichskreis eine dominierende Vorherrschaft - dies gilt im Übrigen auch für das Mittelalter -, gemeinsame Vorgehensweisen gab es nur dann, falls die jeweiligen Eigeninteressen mehr oder weniger zufällig übereinstimmten. Fränkische Fürsten verfolgten im 16. Jahrhundert keine gesamtfränkischen Interessen, weil solche auch gar nicht bekannt waren, worauf jüngst Stefan Mühlhofer (Die Politik der fränkischen Reichsstände auf den Reichstagen von 1521-1555, Husum 2006) ausführlich hingewiesen hat.
Peters beharrt aber auf seiner Einheitssicht bereits im Mittelalter: Deshalb wird von den Franken im (modern gesprochen) nordfranzösisch-niederrheinischen Bereich übergangslos auf jene Bevölkerung, die im "späteren Herzogtum und Königsland Franken" wohnte, geschlossen, da dieses Gebiet durch drei "Einwanderungswelle(n)" in Form eines "permanenten und schubartigen Siedlungsstrom(s)" frankisiert worden sei. Hier wird das Bild von wandernden, plündernden und dann wieder in anderen Stammesverbänden aufgegangenen Gruppen aufrechterhalten, das die Forschung in den letzten Jahren stark modifiziert hat. Der Verfasser spricht dann auch von "erfolgreicher Integrationspolitik", sieht also die Vielfältigkeit der Entwicklung, um dann aber wieder "in Scharen anstürmende Slawen" zu konstatieren und abschließend eine "gelungene Naturalisation" zwischen Franken und Slawen zu postulieren.
Zum anderen folgt die Darstellung in einer sehr positivistisch anmutenden Weise ihren Quellen, etwa bei Tacitus oder Gregor von Tours, ohne den Leser deren Intentionen nahe zu bringen. Woher der Begriff Francia Orientalis stammt, verrät der Autor seinen Lesern ebenfalls nicht: Dass es sich dabei um das östlichste neu eroberte Gebiet des merowingisch-karolingischen Zentralbereichs handelte und damit um ein Nebenland, dass es deshalb keinem Herzog, sondern dem König direkt unterstellt war, wird nicht beschrieben. Deshalb hat es ein Herzogtum Franken nur vorübergehend zur Zeit der Ottonen gegeben. So wird insgesamt ein Frankenbild weiter gegeben, das bei separatistenfreundlichen Kreisen bestimmt auf breite Zustimmung treffen wird, das aber so von der Geschichtsforschung - auch von dem immer wieder als deren Nestor ins Feld geführten Alfred Wendehorst - nicht aufrechterhalten werden kann. Es gibt keine feste Traditionslinie von Chlodwig zum Würzburger Bischof, es sei denn, man konstruiert eine solche. Es bleibt Vieles im Spekulativen, etwa in welchem Maße die Überherrschung dieses Raumes durch fränkische Adelige die Vielfalt der dort ansässigen Bevölkerung und deren frühmittelalterliche Geschichte beeinflusst hat.
Die apostrophierte bessere Lesbarkeit endet schnell an fehlenden Erklärungen: 'Königsprovinz' wird ebenso wenig besprochen wie der Anspruch der Würzburger Bischöfe auf ein Herzogtum Franken, das ja in der Güldenen Freiheit von 1168 nicht in deren Sinne bestätigt worden ist: Statt von Franken ist hier vom Bistum (episcopatus) Würzburg die Rede. Zugegeben nicht repräsentative Leseversuche von ausgewiesenen Laien im Fach Geschichte beim Kapitel "Lex Salica - das fränkische Volksrecht" führten durchgehend zum völligen Unverständnis. Ebenso bleiben viele Fragezeichen bei Sätzen wie: "Wir sehen uns im fränkischen Mittelalter einer streng hierarchisch gegliederten Ständegesellschaft gegenüber, die sich einer Art eisernen Ordnung Gottes sicher wusste." Auch der Erklärungsbogen des Namenszusatzes "von Tronje" hin zum Volkacher Raum als "Fränkisches Elsaß" bleibt rätselhaft, auch wenn dies für den Autor "frappierend" ist.
Dieser permanente Versuch, Franken als politische Einheit schon vor dem 19. Jahrhundert zu begreifen, setzt sich auch im Kapitel "Franken unter den Staufern" fort. Die Bezeichnung Konrads III. 1120 als dux Francorum orientalium wird dem Leser natürlich nicht erklärend näher gebracht, sondern passt unkommentiert ausgezeichnet in das vermittelte Bild, das für die staufische Politik gezeichnet wird: Sie sei dabei gewesen, "Franken im Hinblick auf eine politisch-herrschaftlich-staatliche Einheit zusammenzuschmieden". Konrad wird dabei unversehens "aus Bamberg gebürtig", weil er dort gestorben ist und begraben wurde; allerdings sind solche Fehler an der Tagesordnung. Der Ausbau zu einer "geschlossenen Königslandschaft" kennt nur freundliche Unterstützer, kein Wort über den Widerstand etwa der Würzburger Bischöfe oder des Adels gegen die sich ausbreitenden staufischen Reichsministerialen. Dies würde ja dieses Bild der harmonischen Einheit nur stören. Die staufisch inszenierte "Stadtblüte" führt im Übrigen ausschließlich zur Gründung von späteren 'freien' Reichsstädten. Wiederum kein Wort darüber, dass die erdrückende Mehrheit der gegründeten Städte des ausgehenden 12. und 13. Jahrhunderts keine Reichsstädte wurden. Dies würde ja wiederum das von Peters weiter tradierte und im 19. Jahrhundert geschaffene Bild der alten Königsherrlichkeit der Staufer arg zerzausen beziehungsweise Nachfragen evozieren. Mehr erfahren die Leser auch nicht zur Stauferzeit, von den Frauen von Weinsberg einmal abgesehen und dem einen oder anderen, meist falschen (aus Schäftersheim wird Schäftlarn ...) oder schief dargestellten Detail, denn der Autor verbindet Nebensächliches und Wichtiges, ohne hier eine klare Unterscheidung vorzunehmen.
Häufig finden sich Hinweise auf frühneuzeitliche Geschichtsschreiber (Johann Alexander Doederlein, Christian Ernst Handelmann) als Belege für spätantike oder mittelalterliche Ereignisse, ohne diese aber, wie bei den Quellen insgesamt, zu problematisieren. Etwa bei dem Hinweis auf den Eichstätter Bischof, der im 11. Jahrhundert Papst wurde, bedarf es an sich nicht des Umweges über Markgräfin Erdmuthe Sophie von Brandenburg-Bayreuth; dies steht schon in der Eichstätter Bischofschronik eines Anonymus aus dem ausgehenden 11. Jahrhundert.
Mit diesem Buch wurde eine Chance vertan, die Geschichte Frankens einem breiteren Publikum in ansprechender Weise zu vermitteln. Der Autor hat gravierende Forschungsergebnisse aus dem Bereich der Landesgeschichte nicht zur Kenntnis genommen beziehungsweise Vieles, besonders im Mittelalter, schief dargestellt. Das Problematische daran ist, dass dieses Buch eine weite Verbreitung finden wird und viele Leser die Irrtümer nicht bemerken werden, sondern auf die Kompetenz des Autors vertrauen. Die Komplexität der Geschichte der Landschaft hat wohl zu dem immer wieder bedauerten Desiderat einer zusammenfassenden Darstellung der Geschichte Frankens geführt. Man muss sich weiter gedulden.

Erschienen am 25.06.2008

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