(Colloquia Augustana 25), Berlin 2007, Akademie Verlag, 378 Seiten
Rezensiert von Richard Mehler (Würzburg) PDF-Datei
Im Oktober 2004 fand am Institut für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg eine Tagung zum Thema "Juden zwischen Kaiser, Landesfürst und lokaler Herrschaft" statt. Der vorliegende Band enthält die schriftlichen Ausarbeitungen der dort gehaltenen Referate. Geographisch umfaßt der Band den Raum von den habsburgischen Ländern bis zur Schweiz bzw. Württemberg. Dadurch hat er zwei der Siedlungsschwerpunkte der jüdischen Bevölkerung in Süddeutschland während der Frühen Neuzeit mit im Blick: Niederösterreich und Schwaben. Die behandelte Zeitspanne reicht vom Spätmittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Damit folgt der Band einem Trend der aktuellen Forschung. Nachdem die Geschichte der Juden in der Frühen Neuzeit lange kaum Beachtung fand, kann sie sich in den letzten Jahren eines stärkeren Interesses erfreuen.
Mit dem zeitlichen Rahmen sind auch bestimmte thematische Aspekte vorgegeben, so etwa das Verhältnis zwischen Juden und den Herrschaftsträgern. Entsprechend den machtpolitischen Realitäten sind nicht allein die Kommunen, die Reichsritter und die Landesherren zu berücksichtigen, sondern es ist auch an die Reichsebene zu denken. Zwar hatten sich seit dem Mittelalter die Gewichte zugunsten der Territorialfürsten verschoben, aber die anderen Herrschaftsträger waren in der Frühen Neuzeit keine Quantité négligeable. "Vielmehr waren die konkurrierenden Rechts- und Herrschaftsansprüche in einem komplexen Gefüge miteinander verzahnt - und gerade für die Geschicke der jüdischen Minderheit war diese Konkurrenz von bestimmender (...) Bedeutung." (S. 15). So stellt sich beispielsweise die Frage, wie die regionalen jüdischen Organisationsstrukturen auf die neuen Landesgrenzen reagierten, die sich im Verlauf des Staatsbildungsprozesses ergaben. Wie beim zeitlichen Rahmen greift der Band auch perspektivisch und methodisch neuere Tendenzen der Forschung auf. Die Geschichte der Juden wird nicht als reine Verfolgungs- und Opfergeschichte betrachtet, sondern die Tatsache berücksichtigt, daß es lange Phasen friedlicher Koexistenz von Juden und Christen gab. Methodisch ist etwa der in den letzten Jahrzehnten in der Geschichtswissenschaft etablierte mikrohistorische Zugriff zu nennen, den Nathanja Hüttenmeister in ihrem Beitrag über das alltägliche Zusammenleben von Juden und Christen in den Besitzungen der schwäbisch-fränkischen Herren von Pappenheim anwendet.
Vor diesem Hintergrund und mit diesem zeitlichen und geographischen Rahmen präsentieren die Autoren der 14 Beiträge eine Vielzahl von Facetten der jüdischen Existenz und von Möglichkeiten der Erforschung derselben. Anna C. Fridrich beschäftigt sich mit der Entstehung der jüdischen Landgemeinden in der Schweiz, Peter Rauscher mit jenen in Niederösterreich. Ein Ergebnis von Fridrich ist, daß für die Ansiedlung nicht allein die Obrigkeit, sondern auch das Verhalten der christlichen Gemeinde vor Ort entscheidend war (S. 43). Rauscher betont die Rolle der Adeligen bei der Entstehung der jüdischen Siedlungen (S. 76f.).
Johannes Mordstein untersucht den Einfluß der jüdischen Bevölkerung auf die ihnen von der Herrschaft auferlegten rechtlichen Rahmenbedingungen am Beispiel der Grafschaft Oettingen. Er zeigt, daß die Juden keine "ohnmächtigen Opfer, sondern politische Akteure" (S. 85) waren. Rotraud Ries, die die Möglichkeiten der Einflußnahme von jüdischen Korporationen und Einzelpersonen bei der christlichen Obrigkeit auslotet, konstatiert ebenfalls, daß die jüdische Seite Gehör fand, allerdings nur der wohlhabende, arrivierte Teil (S. 187).
Wie schon erwähnt beschäftigt sich Nathanja Hüttenmeister mit dem christlich-jüdischen Alltag und präsentiert ein differenziertes Bild. Nicht nur Konflikte, etwa über die Nutzung der dörflichen Allmende, sondern auch gemeinsame Wirtshausbesuche, Nachbarschaftshilfe und die Teilnahme von Christen an jüdischen Festen (S. 114) sind belegbar.
Die Bedeutung der Politik der Landesherrschaft für die jüdische Bevölkerung unterstreichen die Beiträge von Stefan Lang und Barbara Staudinger. Lang zeigt am Beispiel des Herzogtums Württemberg, daß die judenfeindliche Politik weit über die Landesgrenzen hinaus wirkte. Dem Land, das selbst keine Juden duldete, gelang es als regional dominierende Macht, Juden aus benachbarten Herrschaften zu vertreiben (S. 127-129). Staudinger beschreibt den Einfluß der Obrigkeit auf die innerjüdischen Strukturen. So förderte die Landesherrschaft - u.a. um regelmäßige Steuereinnahmen sicher zu stellen - den Zusammenschluß der Schutzjuden zu Landjudenschaften (S. 167).
Die Frage der jüdischen Mobilität steht im Zentrum der Beiträge von Wolfgang Treue und J. Friedrich Battenberg. Battenberg liefert einen allgemeinen Problemaufriß. Treue beschäftigt sich mit der Migration im Rahmen des jüdischen Bildungswesens (Schulbesuch, Unterricht) und der wirtschaftlichen Tätigkeit (Handel) und fragt nach Unterschieden zum christlichen Umfeld (S. 191).
Reinhard Buchberger untersucht das Leben der Juden im Grenzraum zwischen den habsburgischen Ländern und dem Osmanischen Reich und arbeitet die besonderen Bedrohungen und Möglichkeiten heraus, die diese geographische Lage schuf. "Tabubrüche" (S. 252), wie christlich-jüdische Handelskonsortien, schreibt er dieser spezifischen Grenzlage zu.
Birgit E. Klein, Thomas Peter und die Co-Autoren Eveline Brugger und Birgit Wiedl beschäftigen sich in ihren Beiträgen mit Quellen zur jüdischen Geschichte. Dabei werden nicht nur Dokumente staatlicher bzw. christlicher Provenienz untersucht, wie die Judenbücher aus Mähren (Aufzeichnungen über Kreditgeschäfte von jüdischen Geldleihern und christlicher Stadtbevölkerung), sondern auch jüdische Quellen vorgestellt und die Erkenntnismöglichkeiten aufgezeigt, die sich aus der Kombination der gewonnen Informationen ergeben.
Im letzten Beitrag des Tagungsbandes widmet sich Martha Keil anhand von spätmittelalterlichen Dokumenten der ökonomischen Bedeutung jüdischer Frauen. Aus der häufigen Nennung in den untersuchten Quellen leitet die Autorin einen vorangegangenen Bedeutungszuwachs jüdischer Geschäftsfrauen als Geldleiherinnen und damit als Steuerzahlerinnen ab.
Erschienen am 18.11.2008
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