(Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 4), München 2008, Oldenbourg, 2 Bde., 1402 Seiten
Rezensiert von Susanne Wolf (Landshut) PDF-Datei
Mit dem in zwei Teilbänden vorliegenden Band 4 der Mittleren Reihe der Deutschen Reichstagsakten, die der Regierungszeit von König bzw. Kaiser Maximilian (1486-1519) gewidmet ist, ist der letzte Schritt zur vollständigen editorischen Erschließung der Reichsversammlungen von 1486 bis 1500 getan. In der Zusammenschau mit den bisher erschienen Bänden und dem ebenfalls 2008 erschienen Band 8 zum Reichstag von Köln 1505 ist nun auf breiter Quellenbasis ein Blick auf die innere Entwicklung des Reiches und seine zunehmend vom Habsburger Maximilian dynastisch geprägte Außenpolitik an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert möglich. Gerade der vorliegende Band gewinnt enorme Bedeutung in der akribischen Präsentation der Quellen, die in vielen Details zu den Auseinandersetzungen zwischen Reichsoberhaupt und Ständen den Weg zum reichsreformatorisch bedeutenden Wormser Tag von 1495 weisen. Darüber hinaus stellt der Band die durch Höhen und Tiefen und letztendliche Einigkeit gekennzeichnete Schlussphase der gemeinsamen Regierungszeit Kaiser Friedrichs III. († 1493) und seines Sohnes König Maximilian auf ein neues Fundament. Nicht nur die edierten Diplome und Mandate mit dem Kanzleivermerk commissio bzw. ad mandatum domini imperatoris in consilio/proprium zeigen, dass dieser Editionsband der lange verkannten politischen Aktivität Kaiser Friedrichs III. Rechnung trägt.
Das Kernstück des vorliegenden Werkes ist die entsprechend den fünf Reichsversammlungen chronologisch gegliederte Quellenedition: der königliche Tag in Nürnberg (15. März - 4. Juli 1491), der geplante kaiserlich-königliche Tag in Metz (2./15. August 1492), der königliche Tag in Koblenz (21. September - 8. Oktober 1492), der geplante königliche Tag in Frankfurt (13. Dezember 1492), der königliche Tag in Colmar (14. Februar - 25. März 1493). Dem Editionsteil vorangestellt ist eine fundierte Einleitung, sozusagen die Essenz der gewonnenen Erkenntnisse des Editors über den bearbeiteten Zeitabschnitt: Sie gibt dem Leser und Forscher in 60 Seiten eine Einordnung der Reichsversammlungen in die jeweiligen Ereignisse im Reich an die Hand und weist auf den Zusammenhang innen- und außenpolitischer Konflikte hin, in deren Kontext die Verhandlungen gerade in diesen Jahren zu sehen sind. Denn die Spannweite habsburgischer Politik umfasste mit der Durchsetzung des Erbanspruchs in Ungarn und der Festigung der dynastischen Ansprüche in Burgund unter gleichzeitiger Aufgabe derselben in der Bretagne europäische Dimensionen. Von hier aus ergibt sich der Blick auf die zwischen Vater und Sohn entstehenden Spannungen hinsichtlich einer Ost- oder Westorientierung der Reichspolitik. Die durch mangelnde Geldmittel offen zu Tage liegende Schwäche der habsburgischen Doppelspitze räumte den Ständen des Reichs größeres Gewicht in Reformfragen und breiteren Spielraum zur Durchsetzung territorialer Eigeninteressen ein. Gerade mit den kleinen Reichsversammlungen ab 1492, die nicht den üblichen Kriterien einer spätmittelalterlichen Reichsversammlung - zu denen der Nürnberger Reichstag von 1491 zu rechnen ist - entsprechen, versuchte Maximilian mit kurzfristigen Ladungen lästige Diskussionen mit den Ständen zu umgehen und schnelle Beschlüsse in seinem Sinn zu befördern. Sein Vorgehen war zum Scheitern verurteilt, denn monarchische Herrschaftsansprüche dieser Form waren die Stände nicht gewillt hinzunehmen.
Die Editionsgrundsätze vorheriger Bände haben sich auch für diesen Band der Deutschen Reichstagsakten bewährt: Wichtige Texte werden im Volltext, weniger wichtige als Regest wiedergegeben; Paraphrasierungen im einen und wörtliche Zitate im andern begründen eine sehr gut lesbare und zweckmäßige Mischform. Eine hervorzuhebende Neuerung für die Mittlere Reihe ist eine in den Textkopf mit aufgenommene inhaltliche Gliederung, was einen raschen Überblick über längere Texte, wie z.B. Gesandtschaftsberichte, ermöglicht. Auf den ersten Blick erschließen sich dem Benutzer diese übersichtlichen Prinzipien der Dokumentendarstellung. Sowohl das beigegebene chronologische Aktenverzeichnis (S. 1291-1338), das unabhängig von der nach inhaltlich-sachlichen Prinzipien gegliederten Quellenpräsentation einen schnellen Zugriff auf Ereignisse zu einem bestimmten Zeitpunkt ermöglicht, als auch das Personen- und Ortsregister (S. 1339-1402), das durch Untergliederung auf einer zweiten Ebene auch einige Sachaspekte berücksichtigt, sind mehr als nur nützliche Hilfsmittel in der Handhabung dieses Editionsbandes: Sie ermöglichen dem Forscher je nach Fragestellung unterschiedliche Zugriffstechniken.
Die Schwierigkeit, frühneuhochdeutsche Texte mit grammatikalisch oftmals diffiziler Syntax in die tatsächlich vom Schreiber intendierte sinntragende Textstruktur zu bringen und größere Textpassagen heutigem Sprachgebrauch gemäß entsprechend wiederzugeben, ist keine leichte Aufgabe, aber für einen erfahrenen Editor ein lösbares Problem und im vorliegenden Beispiel hervorragend gelungen.
Die von Reinhard Seyboth vorgelegten zwei Teilbände beziehen aufgrund der reichspolitischen Entwicklungen der Jahre 1491 bis 1493 Quellentexte aus zahlreichen europäischen Archiven und Bibliotheken mit ein, präsentieren nicht nur "Verhandlungsakten" im klassischen Sinn, sondern enthalten auch herausragende Stücke wie einige Maximilian-Autographen und die Korrespondenz zwischen Friedrich III. und Maximilian: Beide Teilbände sind das Ergebnis von - man muss sagen: nur - siebeneinhalb Jahren wertvoller und äußerst überzeugender wissenschaftlicher Arbeit.
Erschienen am 28.11.2008
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