(Quellen und Forschungen zur Geschichte des Bistums und Hochstifts Würzburg 62), Würzburg 2006, Schöningh, XVI, 690 Seiten, zahlr. Abbildungen
Rezensiert von Friedhelm Jürgensmeier (Mainz) PDF-Datei
Gleich mehrere Anlässe gaben den Anstoß, vorliegenden Sammelband mit Beiträgen zum nahe Würzburg gelegenen Kloster Oberzell und seiner wechselvollen Geschichte herauszubringen. 2003 waren es 875 Jahre seit der auf Anregung des Norbert von Xanten erfolgten Gründung des direkt Prémontré unterstellten fränkischen Prämonstratenser-Stiftes im Jahr 1128 und 200 Jahre, seit das Kloster 1803 im Zuge der Säkularisation durch Anordnung und massive Eingriffe der bayerischen Staatsregierung aufgelöst und profaniert worden war. 2005 beging die Kongregation der Dienerinnen der Heiligen Kindheit Jesu die 150-Jahrfeier der Gründung ihrer Gemeinschaft und der Errichtung der "Anstalt zur Besserung verwahrloster Personen des weiblichen Geschlechts" durch Antonia Werr (1813-1868). Zusammen mit diesem Jubiläum fiel der Abschluss der mehrjährigen Renovierung der von den Prämonstratensern im 18. Jahrhundert errichteten barocken Klosteranlage, die 1901 von der Schwesterngemeinschaft erworben, 1902 unter dem Namen "St. Norbertus-Heim" bezogen und 1923 als Mutterhaus der "Oberzeller Schwestern" eingerichtet worden war.
Diese Gedenktage und Ereignisse bestimmen die Konzeption des auf zwei unterschiedliche religiöse Gemeinschaften ausgerichteten Bandes. 16 der insgesamt 20 Beiträge haben den Orden der Prämonstratenser mit ihrem männlichen und weiblichen Zweig zum Thema, teils mit mehr allgemeiner ordenshistorischer Blickrichtung und teils mit eher unmittelbarem Bezug auf das von der historischen Forschung bisher vernachlässigte Oberzell und seine ehemaligen Tochterklöster.
Franz J. Felten behandelt in einem in die frühe Geschichte des Ordens einführenden Beitrag (S. 1-31) die ersten Prämonstratenserstifte, errichtet von 1120 bis 1128, dem Jahr der Übergabe der Führung der sich bildenden Ordensgemeinschaft von Norbert an Hugo von Fosses und auch Jahr der Gründung von Oberzell. Er konzentriert sich auf die Fragen der rechtlichen Bindung dieser Neugründungen und deren innerer Struktur. Anhand von Urkunden und durch Vergleich und Auswertung der zentralen Texte der Frühzeit, nämlich der Miracula S. Mariae des Hermann von Tournai und der beiden Norbert-Viten, belegt er, dass bis 1131 die Strukturen der jungen Gemeinschaft noch offen und die Mutterabteien Normgeber für die Tochtergründungen waren sowie dass erst seit etwa 1140 von Prémontré und dem Generalkapitel aus versucht wurde, ihren Leitungsanspruch im Orden durchzusetzen. Bei Hermann von Tournai findet sich in seiner Darstellung Norberts unter anderem besonders lobend hervorgehoben, dass die vom Ordensgründer initiierte "neue Lebensform" sowohl auf Männer als auch auf Frauen ausgerichtet gewesen sei. Drei Beiträge widmen sich diesem Thema. Rolf de Kegel untersucht das rund einhundert Jahre währende Bestehen des Doppelklosters in Zell, eines der rund 100 Klöster dieser Art, die im ersten Jahrhundert des Ordens entstanden, dann aber rasch an Zahl und Bedeutung verloren (S. 33-56). Die Quellenlage bezüglich dieses Doppelklosters - es endete mit der Errichtung des Oberzell unterstellten Frauenklosters in Unterzell (nach 1221?) - ist dünn. Dennoch gelingt es dem Bearbeiter, unter Einbeziehung der zeitgenössischen geistes- und ordensgeschichtlichen Hintergründe die Stellung und Bedeutung innerhalb des Klosters und die Lebensweise des weiblichen Zweiges herauszuarbeiten und erkennbar zu machen.
Räumlich und zeitlich weiter greift der Beitrag von Ingrid Ehlers-Kisseler (S. 227-247). Sie behandelt am Beispiel der Zirkarien Wadgassen, Ilfeld und Westfalen die "Frauen von Prémontré", die sich ab Mitte des 12. Jahrhunderts aufgrund jetzt eigens ihnen zukommender Stiftungen und durch Anpassung an die Lebensweise der Chorfrauen etablieren und zu selbständig werdenden Frauenkonventen entwickeln konnten. Unterschiedlich war das Abhängigkeitsverhältnis der einzelnen Frauenkonvente zu den Vaterabteien. Mit Blick auf dieses Abhängigkeitsverhältnis wendet sich der Beitrag von Ingrid Heeg-Engelhart (S. 249-287) den Frauenklöstern Unterzell, Schäftersheim, Sulz, Brudermannstadt und Gerlachsheim zu. Sie anerkennen den Abt von Oberzell als ihren Vaterabt. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Tochtersiedlungen Unterzell und Gerlachsheim. Ein knapper, weithin aus den Quellen erhobener Abriss bietet viel Information über die Geschichte beider Konvente bis ins 16. Jahrhundert. Gerlachsheim, in der Reformationszeit vom Würzburger Bischof eingezogen und 1717 als Männerpriorat von Oberzell neu errichtet, gehörte bis 1656 zum Erzbistum Mainz. Territorial lag es wie Oberzell stets im Bereich des Hochstifts Würzburg. Mit Blick auf die Gründung des Doppelklosters Oberzell 1128 geht der Beitrag von Erik Soder von Güldenstubbe auf die Stifts- und Klosterpolitik des Würzburger Bischofs Embricho (1127-1146) ein (S. 57-84). Etwas weit gefasst ist der einleitende Teil mit vielen Hinweisen auf die Vita des Bischofs und seine Klostergründungen. In dem informativen Beitrag wird jedoch nur bedingt erkennbar, was spezifisch Würzburger Stifts- und Klosterpolitik war. Mit der Besitzgeschichte von Oberzell befassen sich zwei Artikel. Stefan Petersen untersucht an 20 päpstlichen Urkunden die Gründungs- und Konsolidierungsphase des Stifts und dessen Auseinandersetzungen mit dem Stift Tückelhausen (S. 85-175). Als Anhang werden die Urkunden ediert. Helmut Flachenecker bearbeitet eng an die Quellen angelegt die Grundzüge der Wirtschaftsverwaltung von Ober- und Unterzell (S. 177-225). Dem bis in die Frühe Neuzeit reichenden fundierten Beitrag sind acht Karten mit Angabe der Besitzorte beigegeben. Vor allem für die graphisch etwas aus dem Rahmen fallende und wegen der Grautöne erschwert lesbare Karte 8 hätte man sich eine farbliche Darstellung gewünscht. Es war ein Glücksfund, dass Markus Naser während der Erstellung dieser Karten auf das bisher unbeachtete Oberzeller Lehensbuch von 1669 stieß. Er stellt es kurz vor und fügt eine daraus erhobene weitere Karte mit Besitzorten bei (S. 221-225). Beide Autoren ergänzen ihre Beiträge durch ausführliche Personallisten zu Ober- und Unterzell, und zwar von den Anfängen bis zur Auflösung beider Stifte (S. 521-570). Aspekte zur Baugeschichte der romanischen Stiftskirche von Oberzell, zur Datierung dieses 1140 und 1143 erstmals als "ecclesia sanctae Mariae et beati Michaelis" erwähnten Kirchenbaus und zu seiner kunsthistorischen Einordnung bringt der Beitrag von Regina Lichtmaneker (S. 313-335). Ebenfalls mit Baugeschichte und kunsthistorischer Einordnung und Wertung befasst sich der Betrag von Stefan Kummer zur Barockisierung der Oberzeller Klosteranlage durch Balthasar Neumann (S. 429-480), ein Themenbereich, der bislang ein Stiefkind der Forschung war. Beigefügt sind ein detaillierter Quellenanhang und zehn Abbildungen.
Zwei geistesgeschichtliche Beiträge verdienen Erwähnung. Anhand der nachweisbaren spärlichen Reste des Oberzeller Bücherbestands schafft es Rainer Leng, trotz fast gänzlich fehlender sekundärer Zeugnisse wenigstens ansatzweise die ehemalige Stiftsbibliothek zu rekonstruieren (S. 337-356). Benutzer dieser Bibliothek war mit Sicherheit der gelehrte Chorherr von Oberzell und seit 1692 von den Nonnen gewählte Propst von Unterzell Johannes Zahn (1641-1707). Dessen 1696 erschienenes umfangreiches und schwieriges Hauptwerk "Specula Physico-Mathematico-Historica" analysiert Ulrich G. Leinsle. Er führt in den Makrokosmos und Mikrokosmos bei Zahn ein und vermittelt erste Eindrücke von der pansophischen Universalwissenschaft und Polyhistorie in Oberzell (S. 385-428). Drei kirchen- und ordenshistorische Zentralthemen setzen noch besondere Akzente. Johannes Meier, der bereits mehrfach wertvolle Beiträge zu den Prämonstratensern lieferte, so zuletzt in der Reihe "Orden und Klöster im Zeitalter von Reformation und katholischer Reform, Bd. 3" (KLK 67, 2007, S. 11-38), umreißt die Geschichte des Prämonstratenserordens von der Zeit der spätmittelalterlichen Reformansätze bis zur Erneuerung im Zuge des Konzils von Trient (S. 357-370). Unter dem Blickwinkel von Krise und Erneuerung konzentriert Johannes Merz seinen Beitrag zur Reformationsgeschichte auf die Abtei Oberzell und deren Schicksal von 1525 bis ins frühe 17. Jahrhundert (S. 371-383). Wolfgang Weiß schließlich gibt in seinem Beitrag (S. 481-520) einen detaillierten Bericht über die Säkularisation und gewaltsame Auflösung der Abtei Oberzell und ihrer Tochterklöster. Dabei vermittelt er einen Einblick in das Leben der Abtei, die er als eine innerlich und äußerlich intakte geistliche Gemeinschaft beurteilt. Weiß geht, soweit möglich, dem Schicksal der ausgewiesenen Chorherren und Prämonstratenserinnen nach. Eine Auflistung der letzten 34 Insassen von Oberzell mit prosopographischen Angaben auch für die Zeit nach 1803 rundet den Beitrag ab.
Erst 1902 kam mit den "Oberzeller Schwestern" wieder klösterliches Leben in die alte Abtei. Die vier letzten Beiträge wenden sich diesem neuen Ordenszweig und seinem Wirken zu. Mit besonderer Blickrichtung auf Bayern führt Manfred Eder ein in das Entstehen, die Entwicklung, die Eigenart und die sozialkaritative Bedeutung der vielen im 19. Jahrhundert gegründeten Frauenkongregationen (S. 571-596). Eine dieser Gründerinnen war Antonia Werr, die 1855 ein Werk zur "Besserung von entlassenen weiblichen Strafgefangenen" und die "Genossenschaft der Dienerinnen der heiligen Kindheit Jesu" gründete. Mit ihrer Person, vor allem aber mit ihrer auf das Kind Jesus konzentrierten mystisch geprägten Spiritualität setzt sich Hubertus Lutterbach auseinander (S. 597-622). Erik Soder von der Güldenstubbe bietet einen inhaltsgefüllten Überblick über die 150 Jahre des Bestehens der "Franziskanerinnen von Oberzell" (S. 623-673). Erich Garhammer reflektiert über das Profil und die Aufgaben der "Oberzeller Schwestern" in heutiger Zeit (S. 675-690).
Den Herausgebern der Publikation und den Autoren der durchweg qualitätsvollen Beiträge gebührt Anerkennung und Dank. Mitunter wurde die Lektüre nachgerade spannend.
Erschienen am 20.11.2007
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