(Vorträge und Forschungen, Sonderband 51), Ostfildern 2008, Thorbecke, 368 Seiten
Rezensiert von Alois Schmid (München) PDF-Datei
Eine der Kernfragen der fränkischen Landesgeschichte zielt auf die Abgrenzung Frankens gegenüber den umliegenden historischen Landschaften. Dieses Grundproblem aller Landesgeschichten stellt sich im Falle Frankens in besonderer Dringlichkeit, weil es seit dem beginnenden Hochmittelalter kein Stammesherzogtum Franken mehr gab. Im Zeitalter der Territorienbildung hat Franken deswegen einen eigenen Weg eingeschlagen und sich in zahlreiche kleinere Einzelherrschaften aufgelöst. Die Bildung der Reichskreise schuf mit dem Eintritt in die Neuzeit wieder eine gewisse Klammer. Doch verhinderte die Konfessionalisierung der Folgezeit, dass diese über die herrschaftliche Entwicklung hinaus allzu große Bedeutung erlangen hätte können. Erst die Erfordernisse der Staatlichkeit der neuesten Zeit beförderten die Zusammenfassung Frankens in den zumindest drei fränkischen Regierungsbezirken. Doch wird auch deren innere Struktur bis in unsere Gegenwart noch immer deutlich von den historisch grundgelegten Unterschiedlichkeiten bestimmt. Insgesamt gesehen ist für die fränkische Geschichte eine unverkennbare Diversifikation kennzeichnend, die freilich das Bewusstsein um die ursprüngliche Zusammengehörigkeit nie verdrängen konnte. Die Bestimmung der trotz aller Unterschiede gemeinsamen Entwicklung des fränkischen Raumes als der entscheidenden Grundlage der fränkischen Landesgeschichte führt in das Zentrum fränkischen Selbstverständnisses, das durchaus von politischer Relevanz noch in unserer Gegenwart ist.
An der Klärung dieser Grundfragen der fränkischen Landesgeschichte beteiligt sich seit langem der lange Jahre an der Universität Marburg tätige und dort vor allem mit Fragen der Verfassungs- und Historiographiegeschichte befasste Mediävist Jürgen Petersohn. Er wurde durch seine wissenschaftliche Herkunft zu diesem Arbeitsfeld geführt, das er als Nebengebiet nie aus dem Auge verlor. Eine erste Zusammenfassung erfuhren seine diesbezüglichen Studien in seinem grundlegenden Beitrag zur Geistes-, Bildungs- und Wissenschaftsgeschichte Frankens im "Handbuch der bayerischen Geschichte" (Teilband III/1, 21997). Ein wichtiger Anstoß zur Vertiefung der dort in vorgegebener Kürze angestellten Studien zu den Anfängen des Frankenbewusstseins kam dann von der Reichenautagung des Frühjahres 2000 über das Thema "Spätmittelalterliches Landesbewußtsein in Deutschland". Das damals gehaltene Referat wurde nicht in den zugehörigen Tagungsband aufgenommen, sondern gelangt in der hiermit vorgelegten Untersuchung in wesentlich erweiterter Ausarbeitung zur zeitversetzten Veröffentlichung. Unter subtiler Auswertung eines überraschend breit angelegten Quellenfundus wird in minutiöser Gedankenführung verfolgt, wie sich einerseits fränkisches Eigenbewusstsein und anderseits die korrespondierende Fremdwahrnehmung ausbildeten. Durch diese doppelte - eine die innere und eine die äußere Entwicklung gleichermaßen verfolgende - Optik wird die Formung der fränkischen Identität in den Jahrhunderten des Mittelalters in wechselnden Gesellschaftsgruppen aufgezeigt. Auf diesem Wege wird die Ethnogenese Frankens deutlich gemacht. Als entscheidende Entwicklungschritte werden die in den Kiliansviten fassbare Missionsbewegung, die Jahrzehnte der Babenberger Fehde des beginnenden 10. Jahrhunderts und die Bildung des Dukats der Würzburger Bischöfe herausgestellt. Hauptergebnis der Untersuchungen ist ein entschiedenes totaliter aliter: Die Ethnogenese der Franken ist ganz anders verlaufen als bei den übrigen Stämmen der deutschen Frühzeit. Das macht der Vergleich mit dem deutschen Umfeld deutlich. Insofern stellt der Band ebenso einen wichtigen Beitrag auch zur komparatistischen Landesgeschichte dar.
Die Kommission für bayerische Landesgeschichte hat sich im Jahre 2004 an der vielbeachteten Franken-Ausstellung in Forchheim beteiligt. Ihre Mitarbeiter Johannes Merz und Robert Schuh haben den Begleitband der damals von ihr mitveranstalteten Fachtagung "Franken im Mittelalter" (erschienen 2004 als dritter Band der Reihe "Hefte zur bayerischen Landesgeschichte") herausgegeben. Dieser Band sprach ähnliche Aspekte an. Was dort mehr aper‡uhaft zur punktuellen Behandlung gebracht wurde, wird hier vom besten Sachkenner im umfassenden Zusammenhang auf der sicheren Grundlage breitester Quellenfundierung abgehandelt. Dieser Band, fast ein opus magnum, stellt nunmehr die maßgebliche Untersuchung zu Begriff und Vorstellung von Franken im Mittelalter und damit zur Bildung der historischen Landschaft Franken dar.
Erschienen am 30.10.2008
| [KBL-Startseite] | [ZBLG-ONLINE] | [Impressum] |