Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Tobias Schönauer

Ingolstadt in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Soziale und wirtschaftliche Aspekte der Stadtgeschichte

(Beiträge zur Geschichte Ingolstadts 4), Ingolstadt 2007, Stadt Ingolstadt, 505 Seiten, 25 Abbildungen

Rezensiert von Siegfried Hofmann (Ingolstadt)      PDF-Datei


Zu den wichtigsten Veröffentlichungen zur Geschichte Ingolstadts und wohl auch der bayerischen Städte zählt zweifellos die 2007 im Druck erschienene Eichstätter Dissertation von Tobias Schönauer. Die Stadt Ingolstadt hatte unter den bayerischen Städten vom 16. bis zum 18. Jahrhundert eine Sonderstellung eingenommen. Sie war landesherrliche Stadt, aber auch Festung und Sitz der bayerischen Landesuniversität. Nach dem Ende des Teilherzogtums Bayern-Ingolstadt 1447 war ihr 1453 ausdrücklich vom Herzog von Bayern-Landshut der Rang einer Hauptstadt zugesichert worden, ein Titel, den sie auch nach der Wiedervereinigung 1505 behielt. Die Lage an der Donau mit Brücke gab ihr nicht nur strategische Bedeutung, sondern machte sie zur wirtschaftlich wichtigsten bayerischen Stadt an der Donau zwischen der Lechmündung und Stadtamhof/Regensburg. Die besondere Situation Ingolstadts als Grenzstadt gegenüber dem Hochstift Eichstätt und Pfalz-Neuburg wirkte sich nicht zuletzt auf Handel und Gewerbe - etwa durch die ständig wechselnden Ausfuhrsperren - aus.
Wie schwierig "städtische" Politik war, zeigt, daß die Bürger der Stadt und die Angehörigen der Universität von den Professoren bis zu den Studenten und Buchdruckern unterschiedlichen Jurisdiktionen unterstanden. Nicht ohne Grund sprechen die zeitgenössischen Quellen von drei "Obrigkeiten" in Ingolstadt: dem Statthalter des Herzogs bzw. Kurfürsten, der Universität und dem Bürgermeister und Rat der Stadt. Wichtigere Entscheidungen mußten gemeinsam von allen drei beschlossen werden. Eng bemessen war auch der finanzielle Spielraum städtischen Handelns angesichts der an die Landschaft zu entrichtenden Steuer, der an die Hofkammer gehenden Stadtsteuer und zusätzlicher "Anlagen" bzw. Aufschläge.
Der Dreißigjährige Krieg hatte Ingolstadt erst mit der schwedischen "Belagerung" vom 29. April bis 3. Mai 1632 unmittelbar erreicht. Daß Gustav Adolf diese sieglos aufgegeben hatte, gab nach der Niederlage von Breitenfeld dem Geschehen von Ingolstadt geradezu symbolischen Wert. Die Jahre 1632 bis 1634 wurden zu Ingolstadts schwersten Jahren des ganzen Jahrhunderts. Die Stadt war durch Soldaten, Schanzarbeiter, in die Stadt Geflüchtete und Bettler überfüllt, ihre Zahl hatte jene der in der Stadt Weilenden zeitweise auf mehr als das Doppelte, das heißt über 10 000, hochschnellen lassen. Im Gefolge der nicht mehr zu bewältigenden Überfüllung kamen Seuchen und die Pest in die Stadt, die Zahl der Toten erreichte eine in der Geschichte der Stadt unvergleichliche Höhe. Trotz der Überzeugung, daß Seuchen und Pest die Strafe Gottes wegen unzähliger Laster bei Jung und Alt seien, was unter anderem der Verehrung des hl. Sebastian neuen Auftrieb gab (Gelübde der Bürgerschaft, Erweiterung und neue Ausstattung der Sebastianskirche), sahen sich die drei Obrigkeiten Statthalter, Universität und Rat der Stadt, allen voran der Stadtphysicus Dr. Höfer, zu vereintem Vorgehen gezwungen. Erst 1635/36 kam es wieder zu einer gewissen Normalisierung der Verhältnisse. Schönauer zeichnet die Geschehnisse und das gerade verzweifelte Bemühen vor allem der Stadt detailliert nach.
Bis 1632 war die Zahl der Einwohner nahezu konstant geblieben. Schönauer kommt auf der Basis von Hochrechnungen auf ca. 4500-5000 Einwohner. Schwer einzuschätzen sind die Folgen des großen Sterbens in der Stadt 1632-1634 mit 2277 Personen allein in der Pfarrei Unserer Lieben Frau und einer etwas geringeren Zahl bei St. Moritz. Ab 1636 pendelte sich dann die Einwohnerzahl wohl wieder auf das Niveau der Jahre vor 1632 ein. Gerade am Beispiel Ingolstadt zeigt sich, daß allgemeine Hochrechnungen und Annahmen der demographischen Entwicklung nicht schlichtweg auf Ingolstadt übertragen werden können.
Ein differenziertes Bild zeichnet Schönauer auch von der sozialen und beruflichen Struktur der Bevölkerung Ingolstadts, in der es kein den Reichsstädten vergleichbares Patriziat, sondern ein dominierendes handwerkliches Gewerbe gab. Gerade der Vergleich des Grund- und Steuerbuchs von 1613/14 mit Steuerlisten wie jener von 1647 spiegelt die Struktur und Kontinuität bei den Handwerken. Dominant war das Nahrungsmittelgewerbe mit den Bierbrauern, Bäckern und Metzgern. Der Rat der Stadt hielt die Bürgeraufnahmen wie die Bewilligung von Niederlassungen von Einwohnern und Beisitzern ohne Bürgerrecht bewußt in Grenzen.
Schönauer schildert detailliert die Lebenswelt in dieser Stadt vor, unter und nach den außerordentlichen Belastungen gerade in den Jahren 1632 bis 1634 und die zeitweise zum Scheitern verurteilten Bemühungen des Rats der Stadt etwa in Hygiene, medizinischer Versorgung, Sozialfürsorge aus Almosenstiftungen bis zum Bettelwesen. Die "geistliche" Stadt war nicht zuletzt durch das bleibende Engagement der Bürger und des Rats der Stadt einerseits wie vor allem der Klöster - in Ingolstadt an erster Stelle der Jesuiten und der Franziskaner - andererseits geprägt.
Das Buch bietet jedenfalls viel mehr als eine stadtgeschichtliche Studie unter vielen. Sie zeigt, wie differenziert gerade für die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs die Verhältnisse auch in Bayern zu sehen sind. Es beeindruckt durch das eingehende und umfassende Quellenstudium, die Fülle des vorgelegten, auch statistischen Materials wie durch die Schärfe der Analysen und nicht zuletzt durch die ansprechende Gestaltung.

Erschienen am 04.12.2008

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