(Schriften und Kataloge des Fränkischen Freilandmuseums 53), Bad Windsheim 2008, 296 Seiten, zahlr. Abbildungen
Rezensiert von Marcus Mühlnikel (Bayreuth) PDF-Datei
"Frauen gestalten heute Kirchenpolitik in Ämtern, die bis nach dem Zweiten Weltkrieg beinahe ausschließlich Männern vorbehalten waren". So liest man in dem von Landesbischof Friedrich verfassten Geleitwort zur vorliegenden Publikation. Dass der Kampf um diese Ämter mitunter äußerst hart ausgefochten wurde, ist eine der Wahrheiten, die der vorliegende, vom Arbeitskreis "Frauengeschichte" der Frauengleichstellungsstelle der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern herausgegebene Band enthält. Das Buch erschien zur gleichnamigen Wanderausstellung, die vom 8. bis zum 18. März 2008 im Museum Kirche in Franken des Fränkischen Freilandmuseums Bad Windsheim zu sehen war. 19 Frauenporträts - ein bunter Strauß unterschiedlicher Biographien und Schicksale, die eines gemeinsam haben: Sie wirkten in der Landeskirche mit - immer fromm, mitunter aber auch politisch und unbequem.
So findet sich unter den porträtierten Damen die "streitbare Theologin" Käthe Rohleder (1910-1995), die die erste bayerische Pfarrerin werden sollte. Aus christlich-liberalem Hause stammend wollte Rohleder zunächst Pianistin werden. Aufgrund einer Gelenkschwäche hatte sie diesen Wunsch aufgegeben müssen. Die vielseitig Interessierte studierte daraufhin in Herrnhut und Breslau, schließlich in Marburg und Erlangen Theologie. Ihren Mann - den bekennenden Christen Immanuel Rohleder - verlor sie 1941 im Weltkrieg. Nach dem Krieg arbeitete die Mutter zweier Söhne in Fürth als Religionslehrerin und Krankenhausseelsorgerin. Ehrenamtlich engagierte sie sich im Mutter-Kind-Haus, wo sie den alleinerziehenden Frauen mit viel Verständnis begegnete. In den folgenden Jahren übernahm sie zahlreiche Ämter der evangelischen Kirche, 1976 - mit 66 Jahren - erfolgte in der Fürther Auferstehungskirche die Ordination zur Pfarrerin. Dies war erst möglich geworden, nachdem Landesbischof Hermann Dietzfelbiger, der sich konsequent gegen die Frauenordination ausgesprochen hatte, 1975 aus dem Amt geschieden war. Der Mutter des konservativen Landesbischofs, der "Bilderbuchpfarrfrau" Magda Dietzfelbiger (1883-1972), ist ebenfalls ein Beitrag gewidmet. Ihr Lebenslauf unterscheidet sich fundamental von jenem Käthe Rohleders. Magda Dietzfelbiger bekleidete nie ein Amt, war aber stets der ruhende Pol einer immer größer werdenden Pfarrersfamilie. Sie sorgte sich um die Kinderschar und unterstützte ihren Mann bei dessen Gemeindearbeit. Ihr eigenes schriftstellerisches Talent konnte sich aufgrund der vielfältigen familiären Versorgungsaufgaben lediglich in Briefen, Gedichten und Bilderbüchern entfalten, was sie selbst sehr bedauerte.
Bereits an diesen beiden Beispielen wird deutlich, wie heterogen die vorgestellten Biographien verliefen. Gemeinsam war den Frauen jedoch die gelebte Gottesbeziehung sowie das daraus resultierende vielseitige Engagement auf den unterschiedlichsten kirchlichen Ebenen. Die einzelnen Biographien sind lebendig erzählt und basieren auf aktueller Literatur, zum Teil auch auf unveröffentlichten Archivquellen und - ein besonderes Verdienst der Autorinnen - auf eigens geführten Zeitzeugeninterviews. Sie zeigen anschaulich die Spielräume, die sich diesen Frauen in der evangelischen Landeskirche des 20. Jahrhunderts boten, und wie unterschiedlich diese Möglichkeiten genutzt worden sind. Sie zeugen ebenso von dem tiefen Einschnitt, den die nationalsozialistische Herrschaft und der Zweite Weltkrieg für die jeweilige Biographie bedeuteten. Sei es, dass der Verlust des Mannes oder anderer Familienmitglieder verschmerzt werden musste, sei es - wie im Fall der "jüdischen" Pfarrfrau Klementine Lipffert -, dass in der NS-Zeit die Ausgrenzung aus "rassischen" Gründen erlebt wurde. Für die im Jahr 1920 vom Judentum zum Christentum konvertierte Elisabeth Braun bedeutete die NS-Herrschaft gar die Deportation und Ermordung im Osten.
Die biographischen Beiträge sind durch vier Artikel zum historischen Kontext der Ausstellung ergänzt. Sie ordnen die einzelnen Lebensläufe in die strukturellen Entwicklungen in der bayerischen Landeskirche im 20. Jahrhundert ein.
Abschließend bleibt positiv zu erwähnen, dass die Autoren und Autorinnen erfreulicherweise auf Kampfbegriffe einer ideologisch durchsetzten Gender-Forschung verzichtet haben. Die "andere Hälfte der Geschichte" (S. 13), die sich in den Frauenbiographien zeigt, wird vielmehr angenehm lesbar und mit spürbarem historischem Verständnis für die damaligen Akteure - Frauen wie Männer - präsentiert.
Erschienen am 09.06.2011
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