Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Rüdiger Glaser

Klimageschichte Mitteleuropas. 1200 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen

2. Auflage, Darmstadt 2008, Primus, 264 Seiten, 102 Abbildungen

Rezensiert von Winfried Schenk (Bonn)      PDF-Datei


Die berechtigte Anerkennung, die der ersten Auflage der "Klimageschichte Mitteleuropas" von Rüdiger Glaser vor sieben Jahren zuteil wurde, bestärkte den Autor in den Folgejahren in der Fortführung diverser Projekte zur historischen Klimatologie, was zu einer Erweiterung des Methodenspektrums und zu neuen Erkenntnissen führte. Davon fließt vieles in die aktuelle Auflage ein, welche deshalb durchaus als Neuauflage zu verstehen ist. So verweist schon der Titel der vorliegenden Ausgabe auf eine Ausweitung des Darstellungzeitraumes um weitere 200 Jahre in die Vergangenheit, also bis um 800, mithin zu den Anfängen der Schriftlichkeit im 8. Jahrhundert in Mitteleuropa. Darüber hinaus verlängerte Glaser den Zeitraum der jahrweisen Witterungsbesprechungen in die Gegenwart hinein um 50 Jahre bis 1750, so dass damit ein nahtloser Anschluss an die Instrumentenmessreihe, die in Deutschland Mitte des 18. Jahrhunderts einsetzt, gegeben ist. Die davor schon in der ersten Auflage bearbeiteten Jahrhunderte werden zudem zum Teil differenzierter dargestellt.
Glasers Forschungsleistung geht in der Neuauflage noch deutlicher als zuvor über eine reine Rekonstruktion des Klimas hinaus zu einer Untersuchung der kulturellen Auswirkungen, insbesondere von Wetter- und Witterungsereignissen sowie Naturkatastrophen wie Hitze, Fluten, Eis und Sturm. Den berechtigten Stolz des Forschers, der diesen Ansatz maßgeblich in den letzten Jahren vorantrieb, verrät die feine sprachliche Ergänzung der Überschrift des zweiten Hauptteils "(...) im Spiegelbild der Quellen", dahingehend, dass neben den üblicherweise naturwissenschaftlich gewonnenen klimahistorischen Erkenntnissen nunmehr den aus archivalischen Quellen und aufgezeichneten Beobachtungen gewonnenen Erkenntnissen verstärkt Beachtung in der gesamten historischen Klimaforschung gewidmet wird, und Glaser kann ja tatsächlich überzeugend nachweisen, dass diese Daten zu nicht weniger verlässlichen klimatischen Aussagen führen. Sie haben vielmehr den Vorteil oftmals taggenauer Datierung, exakter räumlicher Verortung und zahlreicher Indizien auf die Intensität der Witterungserscheinungen, dazu sind sie nicht selten verbunden mit Hinweisen auf zeitgenössische religiöse, mythologische oder astrologische Deutungsmuster von Witterung und Wetter. Ein solcher geisteswissenschaftlicher Zugang eröffnet damit ganz neue Einblicke in die Klimawahrnehmung und Deutung, womit immer wieder auch gesellschaftliche Krisen wie zum Beispiel die Hexenverfolgungen zu begründen versucht werden.
Stärker als in der Erstauflage richtet Glaser den Blick in die Zukunft im Sinne einer Anwendung der erhobenen Daten und gewonnen Einsichten. Dafür steht zum Beispiel die Rekonstruktion des Neckarhochwassers von 1824 als Planungsbeitrag für das aktuelle Hochwassermanagement an diesem Fluss. Bei solchen Verknüpfungen von Geschichte, Gegenwart und Zukunft verwundert es nicht, dass der Klimahistoriker Glaser als in der Geographie institutionalisierter Forscher einen Teil seiner Arbeit der Betrachtung der zu erwartenden Entwicklung des Klimas und den Auswirkungen des Klimawandels auf die Bereiche Wasser, Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Biodiversität und Gesundheit widmet. So scheut er sich folglich nicht, zu Fragen der aktuellen Entwicklung des Klimas Stellung zu beziehen. Er streicht deutlich heraus, dass das derzeitige Klima ein Treibhauklima ist, also eindeutig durch die vom Menschen eingebrachten Treibhausgase bestimmt wird. Damit entzieht Glaser seine historischen Daten weitgehend einer allzu oft praktizierten Relativierung des aktuellen Klimawandels durch historische Scheinanalogien gemäß dem Motto "Das gab es alles schon einmal". Denn gerade das oftmals parallel zum Treibhausklima hinzugezogene mittelalterliche Wärmeoptimum hält jenem Vergleich nicht stand, da es anthropogen gänzlich unbeeinflusst seine Ursache in einer Veränderung des globalen Haushaltes der Sonnenenergie hatte.
Von einer solchen Position aus ist es auch nicht mehr weit, die aus der historischen Aufarbeitung gewonnen Erkenntnisse bezüglich des Treibhauseffekts mit Aspekten der Entwicklung des politischen Handlungsrahmens zu verbinden. Eindrucksvoll ist in diesem Zusammenhang eine Karte, die schematisch die regionalisierte Vulnerabilität Deutschlands unter dem Klimawandel thematisiert (S. 244/34, Abb. 102).
Die beständige Verknüpfung von historischen Erkenntnissen insbesondere seit der Frühen Neuzeit mit zukünftigen Entwicklungen weist auf den für historisch arbeitende Disziplinen erfreulichen Befund hin, dass mit dem vorliegenden Buch in überzeugender Weise demonstriert wird, wie der historisch-archivalienbasierte Zugang eine erhebliche Erweiterung des Erfahrungs- und Beobachtungshorizonts ermöglicht und somit einen umfassenden Beitrag für zukunftsgerichtete Forschungen zu leisten vermag.

Erschienen am 12.01.2009

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