(Schriftenreihe des Stadtmuseums und Stadtarchivs Sulzbach-Rosenberg 23), Sulzbach-Rosenberg 2008, Stadt Sulzbach-Rosenberg, 280 Seiten, zahlr. Abbildungen
Rezensiert von Manfred Knedlik (Neumarkt) PDF-Datei
Für die Erforschung kultur- und geistesgeschichtlicher Zusammenhänge kommt gerade auch der regionalen und lokalen Druck- und Verlagsgeschichte ein wichtiger Quellenwert zu. Die Unternehmungen eines Buchproduzenten, die - zumindest im Idealfall - dem geschriebenen Wort eine außerordentliche Breitenwirkung verschaffen konnten, ermöglichen einen oft unentbehrlichen Einblick in die literarische und öffentliche Kommunikation, ja in die Interessen, Ideen und Vorstellungen der jeweiligen Epoche, Region und Stadt. Zu den faszinierendsten Persönlichkeiten auf diesem Feld gehört sicherlich der Sulzbacher Verlagsbuchhändler Johann Esaias von Seidel (1758-1827; Adelsprädikat ab 1821). Der evangelische Pfarrerssohn hatte in der Offizin seines Onkels Georg A. L. Lichtenthaler das Druckerhandwerk erlernt und nach dessen Tod den traditionsreichen Betrieb übernommen; ab 1790 bzw. 1797 befanden sich zwei weitere - evangelisch-lutherische bzw. katholische - Druckereien in seiner Hand. Seidel, bereits 1790 zum "Commerzienrath" ernannt, erfreute sich der besonderen Wertschätzung und Förderung der Kurfürsten Karl Theodor und Max IV. Joseph, die sich von dem tatkräftigen Unternehmer einen wesentlichen Beitrag zur Verwirklichung ihrer aufklärerischen Pläne erhofften, wozu unter anderem der landesweite Aufbau einer funktionierenden Literaturversorgung zählte. Kurzzeitig unterhielt Seidel Filialen in München, Nürnberg und Amberg, wo er 1800 eine "Kunst- und Buchhandlung" eröffnete, die "thätig zur Nationalbildung" beitragen sollte. Schließlich erwarb er 1807 das einstige Residenzschloss der Wittelsbacher in Sulzbach, um dort seine Firmenzentrale mit Druckerei, Verlag und Buchhandlung einzurichten. Das Verlagsprogramm spiegelt sein engagiertes Streben nach religiöser Erneuerung, wobei der Lutheraner aber stets auf konfessionellen Ausgleich bedacht war. Diesem Programm fühlten sich seine beiden Söhne Wilhelm und Adolph von Seidel wie auch die nachfolgenden Besitzer aus der Familie Wotschack gleichermaßen verpflichtet; ein herausragendes Beispiel ist das groß angelegte Unternehmen einer Ausgabe von Johann Michael Sailers "Sämmtlichen Schriften", mit dem das evangelische Verlagshaus das theologische Erbe des "bayerischen Kirchenvaters" bewahrte. Berühmtheit erlangte der Verlag J. E. von Seidel vor allem durch seine langjährige und vielseitige Kalenderproduktion, die sogenannten "Sulzbacher Kalender", die bis in die 1930er Jahre den Namen der Offizin in die Welt trugen.
In der vorliegenden Festschrift, erschienen anlässlich einer Ausstellung zum 250. Geburtstag des Verlagsgründers J. E. von Seidel im Stadtmuseum Sulzbach-Rosenberg, öffnet sich vor den Augen des Lesers ein lebendiges Panorama bayerischer Kultur- und Geistesgeschichte. Als besonderer Glücksfall darf gelten, dass sich ein umfangreicher Nachlass Seidel/Wotschack erhalten hat, der eine hervorragende Materialbasis für die wissenschaftliche Auseinandersetzung bietet. Das Spektrum der 16 allesamt instruktiven, aus Quellen erarbeiteten Beiträge reicht von einem Forschungsüberblick (Markus Lommer), der, von einigen Ausnahmen abgesehen, die merkwürdige Diskrepanz zwischen der historischen Bedeutung des Druck- und Verlagshauses und seiner öffentlich-wissenschaftlichen Präsenz konstatieren muss, über eine prosopographische Untersuchung zur Familie Seidel (Volker Wappmann) und ein zusammenfassendes Porträt von Druckerei, Verlag und Buchhandlung unter Auswertung erhaltener Verlagskataloge (Markus Lommer), über eine erste Bestandsaufnahme der erhaltenen Druckstöcke und Druckplatten (Edith Zimmermann) und des "Seidel'schen Archivs" (Johannes Hartmann), das in großer Fülle Geschäftsbücher, Briefe, Verträge, Fotos und Postkarten bewahrt und zu den umfangreichsten Verlagsarchiven des süddeutschen Raumes gerechnet werden darf, bis zu einer Präsentation der "Bibliotheken der Häuser Seidel und Wotschack" (Adolf Rank), die Einblick gibt in die geistige Welt der Verlegerfamilien, und einer Vorstellung der umfangreichen Fach- und "Handbibliothek von Druckerei, Verlag und Buchhandlung" (Mirjam Baumann). Mehrere Beiträge, die durch eine Skizze über "Bayerns Buchwesen zwischen Aufklärung und Biedermeier" (Reinhard Wittmann) in ihren geistig-historischen Rahmen gesetzt werden, gelten Einzelaspekten der vielseitigen Buch- und Verlagsproduktion Seidels. Vor dem Horizont christlicher, dabei "konfessionsversöhnender" Volksbildung im 19. Jahrhundert erfahren die ertragreichen Verlagsbeziehungen zu Johann Michael Sailer, Melchior Diepenbrock und Clemens Brentano eine eingehende Untersuchung (Bernhard Gajek). Kompliziert gestaltete sich dagegen das Verhältnis zu dem umstrittenen katholischen Bibelübersetzer Leander van Eß (Johannes Altenberend). Einen Schwerpunkt im Verlagsprogramm bildeten Bibeldrucke sowie Gesang- und Andachtsbücher, die wiederum die konsequent "ökumenische" Ausrichtung, die das geistige Profil von J. E. von Seidel bestimmte, deutlich werden lassen (Markus Lommer). Von großer Bandbreite waren die Kalenderausgaben (Armin Binder), darunter der "Gemeinnützige Haus-Kalender", der "Kalender für Katholiken und Protestanten" und der erstmals für das Jahr 1841 herausgegebene "Kalender für katholische Christen", der zum Inbegriff der "Sulzbacher Kalender" wurde. Einen spektakulären Fund im Verlagsarchiv bildete eine bis dahin unbekannte Bilderfolge von Wilhelm Busch, die die Kuchenteig-Episode aus "Max und Moritz" vorwegnimmt, an deren Veröffentlichung der Sulzbacher Verlag 1863 aber offenbar kein Interesse hatte (Hans Ries; inzwischen in der Insel-Bücherei in Buchform erschienen). Eine kunsthistorische Betrachtung gilt schließlich dem "Schloss Sulzbach als Sitz des Verlegers J. E. von Seidel" (Elisabeth Vogl); neben umfänglichen Renovierungs- und Umbaumaßnahmen an den Gebäuden ließ Seidel 1818/19 - offenbar das seit 1807 betriebene Projekt der Walhalla Ludwigs I. im regionalen Kontext aufgreifend - im Schlossareal ein Pantheon, einen Ehrentempel für "würdige Gelehrte" errichten. Für die bildhauerische Ausgestaltung verpflichtete er den renommierten Künstler Joseph Kirchmayer, der zeitweilig auch in Diensten des bayerischen Kronprinzen stand (Friedrich Kobler). Abgerundet wird der Band durch ein vorläufiges Verzeichnis der umfangreichen Produktion von Druckerei und Verlag J. E. von Seidel in den Jahren 1785 bis 1969 (Markus Lommer).
Fazit: Herausgeber und Autoren haben eine höchst gehaltvolle, kenntnisreiche Publikation vorgelegt, die weit über den gesetzten Anspruch, erste Impulse für die Wiederentdeckung eines großen Verlegers zu geben, hinausreicht. In vielfältiger, interdisziplinärer Weise wird ein wichtiges Kapitel bayerischer Buchkultur zwischen Aufklärung und Romantik, und - im Blick auf die Nachfolger - auch darüber hinaus, erschlossen. Dass dabei Fragen offen bleiben oder lediglich aufgeworfen werden, ist wenig verwunderlich und den Verfassern bewusst. Ihre mannigfachen Beobachtungen, Hinweise und Anregungen werden die weitere Forschung beleben.
Erschienen am 07.10.2010
| [KBL-Startseite] | [ZBLG-ONLINE] | [Impressum] |