Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Michael Fellner

Katholische Kirche in Bayern 1945-1960. Religion, Gesellschaft und Modernisierung in der Erzdiözese München und Freising

(Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe B: Forschungen 111), Paderborn 2008, Schöningh, 353 Seiten

Rezensiert von Karl-Ulrich Gelberg (München)      PDF-Datei


Das vorliegende Buch, eine von Walter Ziegler betreute Münchener Dissertation, ist eine der interessantesten Studien, die in den vergangenen Jahren zur bayerischen Nachkriegsgeschichte vorgelegt worden ist. Sie befindet sich im Bereich der Katholizismusforschung und der Sozial- und Mentalitätsgeschichte auf der Höhe der Forschung, überzeugt durch Anlage und Methode, auch sprachlich, und gelangt zu dezidierten und pointierten Bewertungen.
Darüber hinaus schließt sie eine Forschungslücke, da in dem groß angelegten Projekt des Instituts für Zeitgeschichte "Bayern im Bund. Gesellschaft und Politik in Bayern 1949-1973" ein Beitrag über den Bereich des katholischen Lebens fehlt, was auch von den Herausgebern bedauert worden ist (vgl. Einleitung zu Bd. 2, 2002, S. 8ff. u. 15). Landesgeschichtlich leistet Fellners Arbeit einen Beitrag zur Erklärung, warum die rasche und alle Lebensbereiche erfassende Modernisierung Bayerns seit 1945 ohne grundlegende Verwerfungen ablief. Dazu trug neben bestimmten Strategien der Staatsregierung oder etwa dem barocken Repräsentationsstil des "Landesvaters" Alfons Goppel eben auch die ganz überwiegend von konservativ-restaurativen Strukturelementen geprägte katholische Kirche als retardierendes Element bei. Sie bot als Ort "kultureller Rückversicherung" (Ulrich Herbert) im Strom der Veränderungen Halt und Orientierung.
Nach einer Einführung, die sich auch allgemein als Forschungsbericht zur Katholizismusforschung und zu deren bayerischem Part lesen lässt, gibt der Verfasser einen knappen Überblick über die Erzdiözese München und Freising nach Kriegsende und erläutert die Neuausrichtung der Diözesanstrukturen in den fünfziger Jahren. Zentrale Quellengrundlage seiner Arbeit sind die von den Pfarrern regelmäßig verfassten Seelsorgeberichte 1945-1967 sowie die Protokolle von Pastoralkonferenzen. Damit bietet die Arbeit in erster Linie die Perspektive der Pfarrebene und nicht die Wahrnehmung der Diözesanleitung. Dabei entsteht ein gruppenbiographisches Bild, das den Klerus als extrem zeitkritisch und antimodernistisch zeigt, zumal der immer schwächere Einfluss der kirchlich-religiösen Praxis auf das alltägliche Leben auch mit einem Bedeutungsverlust des vom Leitbild der "pastoralen Monarchie" ausgehenden Klerus einherging.
Neben dieser "Binnenperspektive" zeigt die Arbeit jedoch auf einer zweiten Ebene, was die gesellschaftlichen Veränderungen für das ländliche, kleinstädtische und städtische Bayern bedeuteten und wie sich dies auf die Katholizität des Landes, die ein konstitutives Element Bayerns war, auswirkte. Dies gelingt vor allem durch die vergleichende Anlage der Arbeit: Michael Fellner nimmt das Dekanat Ebersberg, eine ländlich-agrarische Region im Einzugsbereich der Großstadt, das Dekanat Berchtesgaden, eine Tourismusregion, und das dynamisch wachsende "Millionendorf" (1957) München mit drei Tiefenbohrungen (mit erläuternden Karten) in der Ära Joseph Kardinal Wendels (1952-1960) in den Blick. Am Ende beschreibt er die Münchener Stadtmission (1960), die dem Eucharistischen Weltkongress vorausging. Dieser Versuch einer "Wiederverchristlichung" scheiterte, gemessen an seinen Zielsetzungen, bot jedoch auch Erkenntnisse, die für die Zeit nach dem II. Vatikanischen Konzil von Bedeutung waren.
Grundtenor der Arbeit ist, dass nach einer kurzen Zeit religiösen Hochgefühls direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die auch die Pfarrer in ihrer Autorität noch einmal stärkte, das bis dato existierende oder ex post verklärte kirchliche Leben auf breiter Front ein kontinuierliches Roll-back erfuhr. Dabei beeindruckt auch die Fülle einzelner Detailbeobachtungen, die zumindest in einer Auswahl für die drei untersuchten Gebiete vorgestellt werden sollen:
Mit der erstmals 1956 eingeführten sonntäglichen Abendmesse reagierte man in Grafing auf die Bedürfnisse der Berufspendler, an Sonntagen auszuschlafen, als für viele noch die Sechs-Tage-Woche galt. Die Motorisierung auf dem Lande betrachtete die Münchener Kirchenleitung im Hinblick auf ihren Klerus äußerst skeptisch. Vor allem fürchtete man, dass der Besitz eines Automobils und eine damit einhergehende private Mobilität zur Aufweichung des "rigiden priesterlichen Rollenmusters" führen würden. Die dramatisch hohe Zahl von Verkehrstoten machte im Übrigen auch vor dem Klerus nicht halt: 1955 verlor die Erzdiözese vier Priester bei Verkehrsunfällen. Der Klerus seinerseits betrachtete die Motorisierung der Landwirtschaft keineswegs als segensreich. Der Ebersberger Dekan konstatierte kategorisch, die Mechanisierung führe keineswegs zu vertiefter Christianisierung. Vielmehr befördere der damit einher gehende Gewinn an Freizeit eine "Säkularisierung des Familien- und Gemeinschaftslebens auch auf dem flachen Lande".
Ein Beleg für das Ziel der katholischen Kirche, an traditionellen Normen und Werten festzuhalten, die durch die vielen Veränderungen ins Wanken gerieten, ist ihre Beteiligung an der "Jugendschutzwoche" und der "Schundhefterl-Aktion" in den fünfziger Jahren. Hier sind - im Vergleich mit aktuellen Phänomenen - besonders bestimmte Stereotype interessant:
Die Argumentation, mit der Micky-Maus- und Tarzan-Hefte bekämpft wurden (geistige Primitivität, Reizüberflutung, negative Auswirkungen auf die schulischen Leistungen) wird heute teilweise wortgleich auf die Computer- und Internetnutzung der Jugend angewendet.
In Berchtesgaden erweist sich der in den fünfziger Jahren voll zur Entfaltung gelangende Massentourismus - konjunktureller Motor ist der neue Tagestourismus - zwar ökonomisch als Segen. Religiös und moralisch, da lässt das Urteil der Seelsorger nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig, führte die Entwicklung indes zu einem "starken religiösen und moralischen Substanzverlust". Interessant ist auch das keineswegs friktionsfreie Verhältnis zwischen Trachtenvereinen und Pfarrklerus am Fuße des Watzmanns. Anstoß nahmen die Pfarrer insbesondere daran, dass sich Tracht und Trachtenfeste stärker an touristischen Erfordernissen als - wie früher üblich - an kirchlichen Festzeiten orientierten.
Am Beispiel Münchens konstatiert Fellner besonders die Erosion des traditionellen Vereinswesens. An seine Stelle traten teilweise neue Formen der Laienaktivität. Ferner zeigt er ein sehr breites pastorales Methodenspektrum auf, bis hin zur Volkssprache in der Messe und der Zelebration "versus populum", was es in den fünfziger Jahren bereits in der als "rot" geltenden Pfarrei St. Joachim (Obersendling) und in den akademischen Gottesdiensten Romano Guardinis in St. Ludwig gab. Bemerkenswert ist in diesem Abschnitt schließlich der Ausbau der pfarrlichen Infrastruktur an der Peripherie mit Pfarr- und Jugendheim, Kindergarten etc., mit dem man sich gegen die vielfältigen säkularen Angebote in der Stadt stemmte.
Angesichts der vielfältigen Befunde Fellners für die Erzdiözese München und Freising - in dieser Hinsicht ist der Titel "Katholische Kirche in Bayern 1945-1960" irreführend - wünscht man sich für einen Vergleich ähnlich gehaltvolle Arbeiten zu weiteren bayerischen Bistümern.

Erschienen am 27.03.2009

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