Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Magnus Ulrich Ferber

"Scio multos te amicos habere". Wissensvermittlung und Wissenssicherung im Späthumanismus am Beispiel des Epistolariums Marx Welsers d.J. (1558-1614)

(Documenta Augustana 19), Augsburg 2008, Wißner, XCVI, 350 Seiten

Rezensiert von Helmut Zedelmaier (München)      PDF-Datei


In seiner Zeit war der Augsburger Unternehmer, Politiker, Gelehrte und bayerische Hofhistoriograph Marx Welser ein berühmter und viel gefragter Mann. Darauf verweist sein umfangreicher gelehrter Briefwechsel. Mit beinahe allen, die um 1600 in der europäischen Gelehrtenrepublik Rang und Namen hatten, mit Justus Lipsius, Isaak Casaubon, Joseph Justus Scaliger, um nur das berühmte späthumanistische Dreigestirn zu nennen, wechselte Welser Briefe, aber auch mit Vertretern der neuen (Natur-)Wissenschaft, mit Galileo Galilei oder Tomasso Campanella. "Niemahls hat ein Mann in der Republik der Gelehrten mehr Freunde gehabt als er", heißt es noch im 18. Jahrhundert im Zedler.
Die moderne historische Forschung über Welser, der ab 1600 bis zu seinem Tod 1614 die städtische Spitzenposition eines Stadtpflegers seiner Heimatstadt inne hatte, ist dagegen eher spärlich. Das erklärt sich daraus, dass Welsers Nachlass zusammen mit seiner Briefsammlung verloren ging. Magnus Ulrich Ferber hat sich davon nicht abhalten lassen und, betreut von Wolfgang Weber und Maximilian Lanzinner, eine aufschlussreiche Dissertation über Marx Welser verfasst. Aus der Not geringer historischer Überlieferung hat Ferber eine Tugend gemacht. Seine Untersuchung resümiert eingangs zwar auch Leben und Werk Welsers ("Biographie eines Unternehmers, Gelehrten und Politikers", S. 28-92), der mit den "Rerum Boicarum libri quinque" als Begründer der kritischen bayerischen Geschichtsschreibung gilt. Im Zentrum der Arbeit steht allerdings die Auseinandersetzung mit Welsers Briefcorpus. Da die Untersuchung hier nicht auf Welsers eigener Briefüberlieferung bauen konnte, musste sein briefliches Beziehungsnetz, ausgehend von den "Opera" Welsers, die 1682 der Nürnberger Gymnasialdirektor Christoph Arnold herausgab, erst mühsam rekonstruiert werden ("Zusammenstellung des Welserischen Briefcorpus", S. 93-140). Insgesamt 1361 Briefe mit 104 Briefpartnern, 601 an und 760 von Welser, konnte der Verfasser identifizieren, indem er unterschiedliche ungedruckte und gedruckte Quellen auswertete. Im Anhang der Arbeit (S. I-LXVI) ist das beeindruckende "Epistolarium" Welsers verzeichnet, zuerst chronologisch, jeweils mit Angabe der Briefpartner, der Sprache und des Quellennachweises, dann alphabetisch geordnet nach Briefpartnern (die Liste reicht von Bernardino Baldi bis Bartolomeo Zucchi).
Zusammenstellung und kommentierende Aufschlüsselung von Welsers Briefcorpus sind aber nur das Fundament für den eigentlich innovativen Teil der Arbeit. Was Ferber in einer differenzierten Analyse und Kontextualisierung der Briefe aus dem Epistolarium Welsers herausholt ("Anwendungsbereiche des humanistischen Briefes", S. 141-246), ist schon erstaunlich. Indem er sich weniger auf den Inhalt der Briefe einlässt, vielmehr sich auf deren Funktion als Medien gelehrter Kommunikation und Interaktion konzentriert, arbeitet Ferber beispielhaft Regeln und Grenzen der europäischen Gelehrtenrepublik um 1600 heraus. Die vielen präzisen Einzelbeobachtungen ergeben gleichsam ein kleines Handbuch darüber, wie die europäische Gelehrtenrepublik damals funktionierte, welche Spiel- und Sprachregeln der Kommunikation zugrunde lagen, wie gewährleistet war, dass Informationen schnell zirkulierten, Handschriften ausgetauscht, gemeinsame Editionsprojekte nationen- und konfessionsübergreifend geplant, durchgeführt und kommentiert werden konnten. Dafür nämlich war der Briefverkehr unter den Gelehrten konstitutiv, der eben nicht dem bloßen Austausch persönlicher Nachrichten diente, vielmehr dafür sorgte, dass gelehrtes Wissen weitverzweigt zirkulierte und Wirkung erzielte. Allerdings war das durch Briefe geknüpfte Netzwerk der Gelehrten von persönlichen Eitelkeiten, sozialen, politischen und konfessionellen Gegensätzen durchzogen, welche die europäische Gelehrtenrepublik als komplexen, symbolisch aufgeladenen Kommunikations- und Interaktionsraum zeigen. Wer im gelehrten Netzwerk mitwirken wollte, der musste sich über Briefe Freundschaften erwerben, was an Bedingungen (gelehrte Kompetenzen und Veröffentlichungen) sowie die Beherrschung und Beachtung von raffinierten Sprachcodes geknüpft war. All das schuf eine stark ritualisierte Gemeinschaft, in der sich kalvinistische, lutherische und katholische Gelehrte zivilisiert austauschen konnten. Kritik wurde meist vermittelt geäußert, etwa indem man sie nicht direkt den von ihr betroffenen Gelehrten kommunizierte, sondern für die Übermittlung Zwischenglieder benutzte, die mit beiden Parteien brieflich verknüpft waren.
Die Anfang des 17. Jahrhunderts zunehmenden konfessionellen Gegensätze innerhalb der Gelehrtenrepublik konnten allerdings immer weniger überspielt werden. Martin Mulsow hat jüngst (in: Ders., Die unanständige Gelehrtenrepublik. Wissen, Libertinage und Kommunikation in der Frühen Neuzeit, 2007, S. 143-190) gezeigt, wie sich protestantische und katholische gelehrte Netzwerke im politisch aufgeheizten Spannungsgefüge am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges produktiv bekämpften und dabei die Regularitäten zivilisierten Umgangs innerhalb der Gelehrtenrepublik unterwanderten. Der Katholik Marx Welser, das verdeutlicht eindringlich Ferbers Untersuchung, agierte in dieser Konstellation als Vermittler ("Welser als Vermittler", S. 247-303), der verfeindete Netzwerke miteinander verknüpfte. Mit vielen Gelehrten, die sich damals wie Scaliger und Kaspar Schoppe oder Melchior Goldast und Christoph Gewold offen bekämpften, pflegte Welser humanistische Brieffreundschaften, ja er versorgte gegnerische Fraktionen mit Informationen und Handschriften. Geradezu ängstlich war Welser (etwa gegenüber Scaliger) bedacht, seine Rolle als Vermittler und über den Parteien stehender Gelehrter zumindest im Rahmen gelehrter Brieffreundschaft nicht zu gefährden, von der er sich Anerkennung und Ruhm versprach. Und Welser hatte in diesem Bestreben großen Erfolg, erwarb sich sowohl bei Protestanten wie Katholiken ein hohes Prestige, und das mit nachhaltiger Wirkung über seinen Tod hinaus. Das klingt noch in Zedlers Lexikon nach, wenn es dort über Welser heißt: "Er liebte und beschützte die Wissenschafften und Gelehrten".
Im abschließenden Kapitel seiner Untersuchung verortet Ferber Welsers gelehrte Arbeit im Kontext des späthumanistischen Antiquarianismus ("Der antiquarische Ansatz des Späthumanismus", S. 304-350). Seine Überlegungen bleiben hier gegenüber den vorangehenden präzisen Analysen von Wesers Briefcorpus etwas allgemein und konventionell. Insgesamt aber ist dem Verfasser ein aufregendes Buch gelungen, das nicht nur ein genaueres Verständnis von Marx Welser, sondern auch der gelehrten Kommunikation und Kultur um 1600 und darüber hinaus ermöglicht.

Erschienen am 08.10.2010

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