Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Bettina Scherbaum

Die bayerische Gesandtschaft in Rom in der frühen Neuzeit

(Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom 116), Tübingen 2008, Niemeyer, X, 448 Seiten, 11 Abbildungen

Rezensiert von Georg Schwaiger (München)      PDF-Datei


Durch das unbeirrbare Festhalten der Herzöge an der alten Kirche erhielt das Herzogtum Bayern im sturmbewegten 16. Jahrhundert eine kirchenpolitische Bedeutung, die weit über die politische Kraft des verhältnismäßig kleinen Landes hinausging. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wurden die bayerischen Herzöge die wichtigsten, zuverlässigsten Partner des Papsttums im Heiligen Römischen Reich, zeitweilig noch vor den habsburgischen Kaisern. Für die Herzöge bot die enge Verbindung mit Rom die Möglichkeit, im Inneren die katholische Konfessionalisierung nach einigen Erschütterungen zielstrebig durchzusetzen, nach außen aber die wittelsbachischen Interessen am Niederrhein beziehungsweise in den nordwestdeutschen Bischofsstühlen zu etablieren: Hier gelang für zweihundert Jahre die Einrichtung einer Art Sekundogenitur für die nachgeborenen Söhne der Herzöge und Kurfürsten, die aber auch wesentlich zur Erhaltung der katholischen Kirche in Niederdeutschland, ausgehend von Kurköln, von Lüttich über Münster, Paderborn, Osnabrück bis Hildesheim, beigetragen haben. Diese Fragen hat die Verfasserin schon in ihrer gediegenen Magisterarbeit (Bayern und der Papst. Politik und Kirche im Spiegel der Nuntiaturberichte 1550-1600, St. Ottilien 2002) angesprochen. Hier schließt sich die vorliegende Münchener Doktordissertation an.
Am 6. Oktober 1605 nahm Herzog Maximilian von Bayern den Römer Giovanni Battista Crivelli als Agenten am römischen Hof unter Papst Paul V. in seine Dienste. Für fast zweihundert Jahre wurden Mitglieder der römischen Familien Crivelli (1605-1659) und Scarlatti (1678-1765) ständige Vertreter der bayerischen Herzöge und Kurfürsten beim Papst. Diese Vertreter waren nicht nur als Agenten und Geschäftsträger, sondern als offiziell akkredidierte Gesandte, als Residenten in Rom tätig. Die bayerische Vertretung am Heiligen Stuhl war die erste ständige Gesandtschaft an einem auswärtigen Hof. Die gewiß wechselreiche, zuweilen auch spannungsgeladene Verbindung zum Papsttum war für die bayerischen Landesherren aus politischen, konfessionellen und kirchenpolitischen Gründen von erheblicher Bedeutung. Deshalb wurde es im Lauf der Zeit zunehmend vorteilhaft, über eine dauernde Präsenz in Rom zu verfügen. Die ständige personelle Präsenz war ein wesentliches Erfolgskriterium für die wittelsbachische Reichskirchenpolitik.
Die vorliegende Arbeit ist im Bereich mehrerer Forschungsfelder angesiedelt. Sie ist ein Thema der Diplomatiegeschichte und der Geschichte des Gesandtschaftswesens ebenso wie der Geschichte der päpstlichen Politik, der Römischen Kurie, des frühneuzeitlichen Rom oder des römischen Adels, ebenso ein Thema der bayerischen Landesgeschichte. Eine klar strukturierte, institutionell gefestigte Einrichtung war die bayerische Gesandtschaft in Rom zu keinem Zeitpunkt. Sie erscheint vielmehr als relativ eigenständig verfaßter römischer "Organismus", der seine Ausprägung je nach Bedarf modifizierte. Dafür ist schon bezeichnend die enorme Vielfalt der Aufgaben. Insgesamt kann man festhalten, daß die bayerischen Herrscher mit der Form ihrer ständigen Vertretung in Rom zwischen 1605 und 1765 durchaus erfolgreich waren. Die aus dem 16. Jahrhundert bestehenden engen Kontakte, die immer wieder reklamierten besonderen Verdienste Bayerns um die katholische Kirche konnten auch im 17. und 18. Jahrhundert, gewiß unterschiedlich, zum Vorteil genutzt werden. Erst mit der Errichtung der Münchener Nuntiatur 1785/86 wurden die bayerisch-päpstlichen Beziehungen auf ein gänzlich neues Fundament gestellt.
Die sauber aus hauptsächlich archivalischen Quellen erstellte Arbeit kann geradezu als Musterstück der römischen Vertretung einer kleineren katholischen Macht im genannten Zeitraum gesehen werden. Dafür verdient die Verfasserin Anerkennung und Dank.

Erschienen am 09.12.2008

[KBL-Startseite] [ZBLG-ONLINE] [Impressum]