Regensburg 2008, Universitätsverlag Regensburg, 102 Seiten, 18 Abbildungen
Rezensiert von Wolfgang Janka (München) PDF-Datei
Am 31. Oktober 2007 fand an der Universität Regensburg das Herbstkolloquium des interdisziplinären 'Arbeitskreises Landeskunde Ostbayern (ALO)' statt (zur Organisation und zu den Aktivitäten des ALO siehe S. 99). Thema der Veranstaltung war der Begriff 'Ostbayern', dessen Bedeutung und Verwendung im genannten Jahr in verschiedenen Medien anlässlich des Streits innerhalb des 'Tourismusverbands Ostbayern' um eine mögliche (Rück-)Umbenennung in 'Tourismusverband Niederbayern-Oberpfalz' in Frage gestellt wurde. Wie das Programm der Veranstaltung ausweist (S. 98), wurde zunächst in vier Fachreferaten aus der Sicht der am ALO beteiligten Disziplinen Bayerische Landesgeschichte, Regionalgeographie, Deutsche Sprachwissenschaft und Vergleichende Kulturwissenschaft die Relevanz des im Fokus stehenden Wortes beleuchtet. Anschließend äußerten sich im Rahmen einer Podiumsdiskussion Vertreter aus den Bereichen Kirche, Kultur, Medien, Tourismus, Universität und Wirtschaft zur Verwendbarkeit dieses Begriffs. Ein abschließender Vortrag befasste sich mit dem Entwicklungsstand und den Zukunftschancen der 'Wirtschaftsregion Ostbayern'.
Das vorliegende Buch enthält neben den Druckfassungen der fünf genannten Vorträge und neun kurz zusammengefassten Stellungnahmen von Teilnehmern an dem Expertengespräch eine Einführung in die Thematik durch den Herausgeber Helmut Groschwitz. Darin wird zu Recht betont, dass sich die Kontroverse um den Begriff 'Ostbayern' gut dazu eignet, Wertigkeiten und Orientierungen in Bezug auf das gerade im 'Zeitalter der Globalisierung' hochaktuelle Thema 'regionale Identität' exemplarisch zu untersuchen (S. 8f.). Wie im Beitrag von Daniel Drascek erwähnt (S. 47), äußerte im Rahmen zweier Umfragen des Bayerischen Rundfunks die Mehrzahl von insgesamt über 1300 befragten Hörern eine ablehnende Haltung gegenüber 'Ostbayern'. Da diese negative Beurteilung offenbar überwiegend mit dem Bestandteil 'Ost-' zusammenhängt, stellt sich in der Tat die Frage nach von Stereotypen geprägten Einstellungen gegenüber den östlichen Gebieten Bayerns beziehungsweise östlich davon befindlichen Ländern oder Regionen.
Aus dem Beitrag des Landeshistorikers Diethard Schmid geht hervor, dass für die östlichen Landesteile Bayerns seit dem frühen Mittelalter verschiedene Namen in Gebrauch waren, die allesamt nicht aus der Volkssprache stammen, sondern von den Herrschenden zur Bezeichnung ihrer Territorien geprägt worden sind (vgl. v.a. S. 25f.). Vor diesem Hintergrund sind auch die Namen 'Niederbayern' und 'Oberpfalz' zu sehen, die heute zur Bezeichnung bayerischer Regierungsbezirke verwendet werden. Sie haben sich in der Alltagssprache längst eingebürgert und werden von vielen Bewohnern dieser Bezirke zur Beschreibung der eigenen regionalen Identität gebraucht. Allerdings ist hier von einer sich über Jahrhunderte erstreckenden Entwicklung bis hin zu einer überwiegenden Akzeptanz als Heimatbegriff auszugehen (vgl. diesbezüglich auch die berechtigte Frage des Germanisten Albrecht Greule nach der Identifikation der Regensburger mit dem Namen 'Oberpfalz', S. 70). Demgegenüber lässt sich der Begriff 'Ostbayern', sieht man von der bereits seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts gebräuchlichen Bezeichnung "Ostbayerisches Grenzgebirge" ab (vgl. die Übersicht über die Verwendung von 'Ostbayern' im Beitrag von Dietrich J. Manske, S. 30f.), vor dem 20. Jahrhundert kaum nachweisen.
Während 'Niederbayern' und 'Oberpfalz' wegen des klar identifizierbaren Referenzobjekts eindeutig als 'Namen' einzustufen sind, ist der Status als Name bei 'Ostbayern' unsicher (die Verfasser sprechen meist vom 'Begriff', seltener vom 'Namen Ostbayern'). Zwar eignet sich dieses Wort, wie mehrere Autoren betonen (vgl. u.a. S. 84 und 96), wegen seiner Kürze und seiner Verständlichkeit gerade auch in der Kommunikation mit Nicht-Bayern sehr gut zur zusammenfassenden Bezeichnung der beiden genannten Bezirke. Sein Geltungsbereich ist jedoch keineswegs in allen Bereichen auf dieses Gebiet festgelegt (vgl. hierzu auch die Stellungnahme des Bezirksheimatpflegers der Oberpfalz Franz Xaver Scheuerer, S. 77): In der Geographie wird Dietrich J. Manske zufolge unter 'Ostbayern' ein im Wesentlichen durch naturräumliche Gegebenheiten begrenzter Raum im östlichen Bayern verstanden, der zum einen nicht das gesamte Gebiet Niederbayerns und der Oberpfalz, zum anderen aber auch Teile von Oberfranken und Oberbayern umfasst (vgl. v.a. S. 27).
Neben der nicht eindeutigen Referenz fällt auf, dass das fragliche Wort in einigen Bereichen hochfrequent ist, in anderen dagegen nicht oder kaum verwendet wird. So zeigt etwa die Germanistin Rosemarie Spannbauer-Pollmann anhand von Kartenmaterial auf, dass kein 'ostbayerischer Dialektraum' abgegrenzt werden kann (vgl. v.a. S. 37-45). Auch in der katholischen Kirche spielt 'Ostbayern' keine Rolle (Max Hopfner, S. 71f.) - offenbar ganz im Gegensatz zum Sprachgebrauch der evangelisch-lutherischen Kirche (Hans-Martin Weiss, S. 83-85). Als sehr brauchbar hat sich der Begriff im Bereich der Wirtschaft erwiesen: Markus Huber von der Industrie- und Handelskammer Regensburg interpretiert ihn als "Standortprädikat, als ein Signal nach außen" (S. 74). Rudolf Ebneth von BMW Regensburg befürwortet nicht zuletzt wegen der problematischen Übersetzung von 'Niederbayern' und 'Oberpfalz' ins Englische das aus seiner Sicht unmissverständliche Wort 'Ostbayern' (S. 95f.). Andererseits erweist sich dieses - ebenso wie parallele Bildungen mit dem Grundwort '-bayern', die eine Himmelsrichtung beinhalten - als untauglich, wenn es um die Beschreibung regionaler Identität geht (vgl. Gerhard Schiechel vom Bayerischen Rundfunk, Regionalstudio Ostbayern [!], S. 80 und Alf Zimmer, Rektor der Universität Regensburg, S. 89).
Die sich um das Wort 'Ostbayern' rankende Debatte eröffnet vor allem der Vergleichenden Kulturwissenschaft ein lohnendes Betätigungsfeld. Dies wird bei der Lektüre des Beitrags "Ostbayern im kulturellen Transformationsprozess" von Daniel Drascek deutlich (S. 47-63). Der Verfasser stellt darin klar, dass das östliche Bayern nicht als homogener, von anderen Räumen abgrenzbarer Kulturraum aufgefasst werden kann (S. 52f.). Wenn sich im Bereich des Tourismus dennoch in der Nachkriegszeit der Begriff 'Ostbayern' etablieren konnte, so dürfte dies mit der vorherrschenden Wahrnehmung des bezeichneten Gebiets (in der Regel Niederbayern und Oberpfalz) als kulturelle Grenzregion, das heißt mit einer "Raumkonstruktion" (S. 59), zusammenhängen. Kennzeichnend für die Entwicklung in den letzten zwei Jahrzehnten ist Drascek zufolge, dass die Definition von 'Ostbayern' als Grenzgebiet seit dem Fall des 'Eisernen Vorhangs' und dem Beitritt der Tschechischen Republik zur Europäischen Union allmählich abgelöst wird von einer Verortung in der Mitte Europas, wobei jedoch gerade auch im Verlauf der aktuellen Diskussion "weiterhin viele stereotypisierte Vorbehalte" (S. 60) zu beobachten sind.
Die regional-, bildungs- und berufsspezifische Untersuchung der Wahrnehmung des bayerischen Ostens und des daran angrenzenden Auslands scheint eine vielversprechende Aufgabe für die künftige kultur- und sozialwissenschaftliche Forschung zu sein. Das vorliegende Buch liefert hierfür wichtige Informationen und mögliche Anknüpfungspunkte.
Erschienen am 17.08.2009
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