(Bayerische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-historische Klasse, Abhandlungen NF 129), München 2008, Bayerische Akademie der Wissenschaften in Kommission beim Verlag C.H. Beck München, XIV, 1062, XIV, 574 Seiten
Rezensiert von Walter Ziegler (München) PDF-Datei
Die Kunstkammer der bayerischen Herzöge in München, um 1563 begründet, war eine der frühesten und bedeutendsten Sammlungen dieser Art in Mitteleuropa, für die sogleich ein monumentales Gebäude nahe dem Alten Hof errichtet wurde. Neben der gleichfalls von Albrecht V. grundgelegten bayerischen Schatzkammer (1565) und dem besonders berühmten Antiquarium (1568) zeigt gerade die Kunstkammer, die nach ihrem ersten Inventar 1598 über 6000 Stücke aufwies, die herausragende Stellung dieses Fürsten in der frühneuzeitlichen Kunstsammlung und Repräsentation. Die Kunstkammer erreichte schon unter Albrecht und seinem Sohn Wilhelm V. ihren Höhepunkt; Maximilian I. förderte sie noch, verlagerte aber schon einige Bestände. Schwerste Einbußen erfolgten 1632, als sie von den Schweden und deren Verbündeten geplündert und beraubt wurde, 1729 zerstörte auch manches ein Feuer in der Residenz. Fast in Vergessenheit geraten wurde sie schließlich 1807/19 aufgelöst, ihr Restbestand verteilt (das Gebäude war seit 1807 Sitz der Königlich bayerischen Münze und beherbergt seit 1986 das Landesamt für Denkmalpflege). Der Großteil der Bestände der Kunstkammer ist verschollen, erhalten blieben, je nach Zählung, 400 bis 800 Stücke, die sich heute in München (vor allem im Bayerischen Nationalmuseum, in der Schatzkammer und in der Staatsgemäldesammlung), aber auch in anderen bayerischen, deutschen (zum Beispiel Gotha) und europäischen Museen (zum Beispiel Stockholm) befinden. Die Münchener Sammlung hieß übrigens immer "Kunstkammer", nicht "Kunst- und Wunderkammer", welcher Begriff, zwar schon zeitgenössisch, im 20. Jahrhundert durch den Kunsthistoriker Julius von Schlosser als besonderer Typ von frühneuzeitlichen Sammlungen durchgesetzt wurde, die die Gruppen Artificialia, Scientifica, Naturalia und Exotica umfassen.
Es ist keine Frage, dass die genaue Kenntnis von Aufbau, Inhalt und Verbleib einer so großen Sammlung für die Kunstgeschichte, aber auch für die bayerische Geschichte insgesamt von großer Bedeutung sein muss; deshalb gab es seit langem dazu einzelne Untersuchungen und Beiträge. Diese wurden jedoch auf eine völlig neue Basis gestellt, als eine Gruppe Münchener Kunsthistoriker, nach längerem Anlauf, das oben genannte Inventar von 1598, das der Prinzenerzieher und Jurist Fickler im Auftrag Maximilians I. erstellt hatte, erstmals in einer vollständigen Edition, mit einem Index verborum, herausgegeben hat (Johann Baptist Fickler, Das Inventar der Münchner herzoglichen Kunstkammer von 1598, hg. von Peter Diemer u.a., München 2004, der Akademie vorgelegt durch Willibald Sauerländer; vgl. die Rezension von G. Immler in ZBLG 68, 2005, S. 1287f.). Dem folgte 2008 das hier anzuzeigende dreibändige Werk, in deren ersten beiden Bänden, dem Katalog, alle einzelnen Stücke der 3407 Nummern Ficklers auf ihre Erhaltung, ihre Deutung und ihre Geschichte untersucht, im dritten Band zusammenhängende größere und kleinere Aufsätze zur Gesamtgeschichte der Kunstkammer sowie zahlreiche umfangreiche Register und Nachweise vorgelegt wurden. Beide Unternehmen haben Werke von staunenswertem Umfang und bewundernswerter Dichte ergeben, die für die Kunstgeschichte Bayerns, besonders im 16. und 17. Jahrhundert, grundlegend sind - auch wenn, sehr sympathisch, Herausgeber und Bearbeiter sich im Vorwort stark zurücknehmen und nicht von einer endgültigen Geschichte der Kunstkammer sprechen, vielmehr nur Grundlagen für weitere Untersuchungen bieten wollen.
Der Landeshistoriker - und nur aus dieser Perspektive kann der Rezensent hier sprechen - wird zuerst zum Aufsatzband greifen. Dieser beginnt mit einer Einführung von Peter und Dorothea Diemer und einer umfangreichen und sehr eingehenden Darstellung der Geschichte der Kunstkammer von Lorenz Seelig (S. 1-114). Idee und Anstöße kamen dazu von Albrechts V. Umgebung, so dem niederländischen Arzt Samuel Quiccheberg (1529-1567), der 1565 ein Buch "Inscriptiones vel tituli theatri amplissimi ..." vorgelegt und darin eine ideale Kunstkammer geschildert hatte, sowie von Albrechts Freund und Berater Hans Jakob Fugger (1516-1575), der auch für die Hofbibliothek und andere Sammlungen Vermittler war. Zu den frühesten Zugängen gehörten ererbte Objekte aus einer Sammlung des Onkels von Albrecht, Ludwigs X. (gest. 1545), in der Landshuter Stadtresidenz; dagegen halten die Autoren die oft vorgetragene Behauptung, der Sohn Albrechts, Prinz Wilhelm, habe in seiner Landshuter Hofhaltung auf der Burg Trausnitz (seit 1568) eine eigene Kunstkammer aufgebaut und später in die große eingebracht, für weit überzogen und älteren Darstellungen geschuldet (besonders S. 134 Anm. 46). Grundlage der jetzigen Untersuchungen ist das Inventar Ficklers, das eine Rekonstruktion der Aufstellung im Kunstkammergebäude ermöglicht mit den vier großen nichtunterteilten Sälen und den besonders hervorgehobenen Eckstuben, die alle mit großen "Tafeln" und kleineren Tischen ausgestattet und vielfach behängt waren (S. 4f.). Dass das große Renaissance-Gebäude mit dem prachtvollen Innenhof im Erdgeschoß zugleich Stall für edle Rösser war, entsprach damaliger Auffassung von Repräsentation (so etwa auch in der Stallburg in Wien). Der Charakter der Kunstkammer, die sowohl dem Idealplan Quicchebergs gegenübergestellt wie mit den gleichzeitigen oder späteren Sammlungen in Wien (Ferdinand I.), Ambras (Erzherzog Ferdinand II. von Tirol), Dresden (Kurfürst August), Prag (Rudolf II.), Florenz (Medici) und anderswo verglichen wird, zeigt sich in München deutlich historisch bestimmt und auf das Fürstentum bezogen, wovon etwa die Suche nach antiken Stücken im eigenen Land, aber auch die Sandtnerschen Stadtmodelle, die Druckstöcke von Apians Landtafeln oder zahlreiche wertvolle Bücher Zeugnis geben. Es waren aber auch die anderen Sektoren vorhanden, wobei die besondere Freude Albrechts und seiner Gemahlin Anna an Münzen, Medaillen und Bronzefiguren, dann an italienischen Majoliken und chinesischen und japanischen Lackarbeiten, bei den Naturalia an Korallen, Bergkristall und Elfenbeinarbeiten auffällt. Natürlich fehlten auch Absonderlichkeiten nicht wie Bilder von "Haarmenschen" (S. 189ff.), das viel beachtete mit Menschenhaut überzogene Schwert eines Hans von Fraunberg aus einer Schlacht in Frankreich (Katalog Nr. 443) oder der ausgestopfte Elefant Maximilians II. (Nr. 3362; er wurde erst nach 1945 ausgemustert). Sehr bemerkenswert waren beim Aufbau der Sammlung die weitgespannten Verbindungen, die die Verwandten an den verschiedenen Höfen, auch die in Graz und Madrid, umfassten, dann viele Korrespondenten einbezogen wie Jacopo Strada aus Mantua, der von dort und aus Wien engsten Kontakt mit München hielt, die aber auch die überseeischen Handelswege der Spanier und Portugiesen nutzten.
Von den übrigen zwölf Beiträgen, die unter anderem über die Geschichtsschreibung zur Kunstkammer, über die Graphik- und Münzsammlungen, die Bronzen und Elfenbeine (darunter auch die eigenen Drechselarbeiten der Fürsten), und über Exotica aus Fernost unterrichten, teils von Mitgliedern der Arbeitsgruppe, teils von Spezialkennern verfasst, und die nicht selten den unmittelbaren Bezug zur Kunstkammer erheblich überschreiten, seien zwei hervorgehoben. Zum einen der umfangreiche Aufsatz von Peter Diemer über die circa 750 Gemälde der Kunstkammer, deren Sammlung schon unter Wilhelm IV. begonnen, deren Hauptmenge aber ebenfalls erst von Albrecht V. angeschafft wurde. Zu nennen sind etwa die Wittelsbacher Fürstenbildnisse des Hans Wertinger und Hans Schöpfer, weiter eine sehr bemerkenswerte Serie von Hofbeamten- und Hofdamenbildern und dann die vielen Gemälde, die der Herzog in Italien, oft in Konkurrenz zu den Habsburgern, kopieren ließ, darunter mehrere Reihen von Päpsten, Kardinälen, weltlichen Berühmtheiten und gerade auch römischen Kaisern mit Szenen aus ihrem Leben (dazu vgl. Katalog Nr. 2599 und 2600 - leider wird letztgenannte Nummer später meist verdruckt mit 2660 angegeben). Diemer legt dann auch überhaupt eine Zusammenstellung aller Bilder von Albrecht V. und seiner Gemahlin Anna vor (S. 170ff.), die immerhin auf 44 erhaltene Portraits der Gatten kommt, die gemeinsam oder allein dargestellt wurden. Als zweites der Aufsatz von Brigitte Volk-Knüttel über das Puppenhaus ("Dockenhaus") der Herzogin Anna von 1558 (nicht erhalten), für das der sonst eher wortkarge Fickler 21 zum Teil ausführliche Nummern anführt, um das vierstöckige, mit Hof und Garten 20 Räume umfassende, etwa je zwei Meter breite und hohe Haus zu beschreiben; allein in den Festsaal waren 22 Personen eingestellt (Katalog Nr. 2250ff.). Was vielleicht mancher als Spielzeug ansehen möchte, war vor allem als Instrument der Erziehung für die Prinzessinnen gedacht (die damit sicher nicht spielen durften); heute stellt es uns eine damalige fürstliche Hofhaltung in allen Facetten vor Augen (zum Beispiel 2264 über die Stube des Fürstenpaares, die mit Goldbrokat bespannt war: In welcher stuben der Herzog und Hertzogin, sambt dem frawenzimer von 4, auch hofgesindt von 6 Personen in schwarz und braun Attlaß, mit weiß attlesen underröckhen beclaidt, sambt dem Narren, so beym ofen steht). Noch vieles wäre zu erwähnen, doch sei vor allem hingewiesen auf die dem Band beigegebenen ausgewählten Quellen (S. 345-379), die, zum Teil mit neuhochdeutscher Übersetzung, vor allem Auszüge aus Quicchebergs Schriften und Berichte von Besuchern der Kunstkammer vorlegen; von diesen ist der des Augsburger Patriziers Philipp Hainhofer 1611, der viele Ergänzungen zum Inventar bringt, besonders wichtig.
Der Historiker wird aber auch mit großem Gewinn zu den beiden Katalogbänden greifen, die Nummer für Nummer von Ficklers Inventar zitieren und mit außerordentlicher Findigkeit jeweils erhaltene Objekte zu identifizieren bzw. nicht erhaltene zu beschreiben unternehmen. Die für alle erhaltenen und auch für Vergleichsgegenstände beigegebenen Abbildungen und die Erklärungen zur Geschichte und Bedeutung sind höchst wertvoll; am Beginn einer neuen zusammenhängenden Gruppe erweitern sich die Texte oft zu eigenständigen kleinen Beiträgen. Zwar ist die Benutzung des Katalogs nicht immer ganz leicht und es bleiben Wünsche offen (etwa gibt es oft keinen Hinweis bei den Katalognummern auf den zugehörigen Abschnitt im Aufsatzband, so Nr. 1318/Aufsatzteil S. 57, und auch die im Ortsregister unter München aufgeführten Inventarnummern helfen nicht in jedem Fall; manche Zahlen sind offenbar falsch, zum Beispiel bei Nr. 3132 der Verweis auf 3112, was richtig 3012 heißen muss und mühsames Suchen erfordert; schade auch, dass zwar die meisten frühneuhochdeutschen Texte übersetzt wurden, nicht aber die oft ebenso schwierigen lateinischen, zum Beispiel Nr. 63), doch lässt der große Fundus hervorragend recherchierter und gedeuteter Vorgänge darüber dann doch leicht hinwegsehen. Auch hier nur ganz wenige, für Bayern interessante Beispiele: So verweist ein russisches Trinkgeschirr (Nr. 303) auf eine Moskauer Gesandtschaft zum Reichstag von Regensburg 1576, an dem Albrecht teilnahm. Ein Bildnis des Franziskanerpredigers Francesco Panigarola (Nr. 3353) und ein Barfüßergürtel (Nr. 376) verdeutlichen die sehr engen Beziehungen Bayerns zu den Franziskanern zu dieser Zeit, deren Münchener Kloster ja im Residenzbereich lag. Bemerkenswert auch die Menge an türkischen Objekten, bis hin zur Kleidung eines 1580 besiegten türkischen Anführers (Nr. 1655): Einen Teil der Beute hatte Maria, Schwester Wilhelms V. und Gemahlin von Erzherzog Karl in Graz, nach München geschickt - ein Ausdruck der auch in Bayern stets gegenwärtig empfundenen Türkengefahr. Ältere oder gar antike Stücke gab es in der Kunstkammer übrigens nur wenig, die Masse der Bronzen und Statuetten waren Schöpfungen der italienischen Renaissance, manchmal auch damals nicht erkannte Fälschungen (so eine Venusstatue, Nr. 2352, die auch erst 1937 aus der Sammlung antiker Kleinkunst ausgeschieden wurde). Manches blieb trotzdem aus der Zeit vor 1500 erhalten, so das berühmte Modell der Grabplatte Ludwigs des Bärtigen von Ingolstadt, geschaffen von Hans Multscher um 1430, Nr. 1786).
Hat man also bewundernd die Bände durchgesehen, so stellt sich die Frage, ob sie auch für die allgemeine Landesgeschichte Bedeutung haben. Für das bisherige Bild Albrechts V. in der Geschichtsschreibung darf man das durchaus behaupten; dieses war, wie die Darstellung in Spindlers Handbuch zeigt, geprägt vor allem durch das Verhalten des Münchener Herzogs gegenüber der Reformation, konkret durch den Aufbau eines konfessionalisierten Staates, und durch seine Überwindung der Adelsopposition in Bayern. Demgegenüber zeigen Katalog und Darstellung höchst eindrucksvoll, dass Denken und Tun Albrechts sehr intensiv in Anspruch genommen waren durch die Beschäftigung mit Sammeln und Erwerben der damals die Fürsten faszinierenden Objekte, von antiken Statuen, von Gemälden, von Miniaturmodellen bis zu chinesischem Porzellan, dann von den zu ihrer Präsentation nötigen Bauten, die damals ganz einmalig waren, von der Musik am bayerischen Hof ganz zu schweigen. Die Vorwürfe über seine Geldverschwendung - der reguläre Jahresetat, ohne die Hilfe des Landtags, betrug nur um die 120 000 Gulden, seine jährlichen Ausgaben für die Kunstsammlung aber allein circa 40 000 - gewinnen dadurch erst richtig an Gewicht. Ebenso werden die weit ausgebreiteten Beziehungen des Herzogs zu Fürstlichkeiten und zu den Kunstzentren Europas sehr deutlich. Damit treten Politik und Konfessionskämpfe doch ein gutes Stück in den Hintergrund, und Kontakte etwa zu protestantischen Fürsten wie Kurfürst August in Dresden verlieren das scheinbar Außergewöhnliche. Hier zeigt sich ganz konkret ein Stück nichtkonfessionalisiertes Leben mitten im Konfessionellen Zeitalter, so wie dies Anton Schindling schon 1997 formuliert hatte; konkret für Albrecht hat es 2003 Reinhold Baumstark verdeutlicht. Das wird manchmal auch unmittelbar an Objekten der Kunstkammer sichtbar, etwa an der zuerst eher seltsam erscheinenden Serie von über zwanzig Gemälden mit holländischen Trachten (Katalog Nr. 2695, heute die größte erhaltene Sammlung überhaupt, jetzt als bayerische Leihgabe im Museum in Alkmaar): Zusammen mit beachtlich intensiven Beziehungen Albrechts zu den Niederlanden (S. 150), woher ja auch Quiccheberg und Orlando di Lasso stammten, zeigt sich auch hier, dass trotz der Auseinandersetzungen um den holländischen Freiheitskampf, wo Albrecht natürlich auf der Seite Spaniens stand, im kulturellen Bereich andere Gesetze galten. So kann die Sicht auf Albrecht V., in manchen Aspekten auch auf seine Nachfolger, durch die Betrachtung des vorliegenden Materials in vielerlei Hinsicht ergänzt werden.
Es ist noch darauf hinzuweisen, dass 2004 das Bayerische Nationalmuseum auf der Landshuter Burg Trausnitz eine "Kunst- und Wunderkammer" eröffnet hat, aus seinen eigenen Beständen wie aus Leihgaben, wobei das Fickler-Inventar Anregung und Grundlage war. Dadurch ist ein kleiner Teil der früheren Objekte wieder präsentiert, freilich in anderem Rahmen und mit der heute weithin üblichen Bezeichnung, dann auch unter besonderer Hervorhebung Wilhelms V. (was auszudiskutieren wäre). Die schönen von Sigrid Sangl erarbeiteten Publikationen darüber (Kunst- und Wunderkammer. Burg Trausnitz, München 2004 [Katalogheft] und 2007 [Bildband]) können zusätzlich zu der vorliegenden Edition einen intensiven Eindruck der Gegenstände vermitteln. Man möchte anregen, dass bei einer künftigen Neuauflage der Landshuter Publikationen allen Objekten aus der Kunstkammer und auch den vergleichbaren Stücken die Nummern des Fickler-Inventars beigegeben und mit denen der neuen Katalogbände überprüft werden, damit beide Veröffentlichungen problemlos nebeneinander benutzt werden können.
Erschienen am 08.03.2011
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