München 2009, Volk, 335 Seiten, zahlr. Abbildungen
Rezensiert von Dirk Götschmann (Würzburg) PDF-Datei
Keineswegs als einen nostalgischen Rückblick auf einen mit der Monarchie untergegangenen Teil der bayerischen Geschäftswelt möchte Marita Krauss ihre großformartige und mit zahlreichen Abbildungen geradezu opulent ausgestattete Monographie über die bayerischen Hoflieferanten verstanden wissen. Vielmehr sieht sie in den Unternehmern, die mit diesem Titel ausgezeichnet wurden, eine Art wirtschaftlicher Elite: "Alle wurden jedoch sorgfältig geprüft, bevor sie den Titel verliehen bekamen, es waren Firmen mit großer Reputation und einwandfreiem Ruf, exklusiven Kunden und hoher innovativer Kraft". Und von diesen Firmen waren, wie sie weiter feststellt, nur circa 60 Prozent in der Residenzstadt München ansässig, während sich die restlichen nicht nur auf Bayern, sondern auf ganz Europa verteilten. Zudem habe das Ende der Monarchie die Entwicklung dieser Unternehmen offensichtlich kaum tangiert, weshalb sie, so die Verfassering, auch die Frage interessiert habe, "wie diese Familienunternehmen das schwierige 20. Jahrhundert mit seinen Kriegen und Inflationen überstanden haben". Da jedoch gerade in den letzten Jahren viele der ehemaligen Hoflieferanten aufgegeben hätten, sei auch die Frage zu stellen, "wie es den noch bestehenden Unternehmen gelungen ist, eine Kontinuität über bis zu sechs Generationen zu erreichen." (alle Zitate: Vorwort, S. 8).
Im ersten Teil der Darstellung wird zunächst die "Geschichte der königlich bayerischen Hoflieferanten" nachgezeichnet. Deren Ursprünge sind demnach zum einen in den Eigenbetrieben des Hofes - wie etwa der Hofpfisterei, dem Hofbräuhaus oder der Nymphenburger Porzellanmanufaktur - , zum anderen in der Institution der "Hofbefreiten" zu suchen. Letztere waren die vom Zunftzwang befreiten, unter dem besonderen Schutz eines Hofes stehenden Handwerker, die aber nicht nur für dessen Bedarf, sondern auch und oft sogar vornehmlich für den allgemeinen Markt arbeiteten. Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde die Erteilung des Titels eines Hoflieferanten, der wegen seiner Werbewirksamkeit wirtschaftlich immer interessanter und damit begehrter wurde, formalisiert. In Bayern wurden, wie die Verfasserin aufzeigt, genaue Richtlinien für diese Titelvergabe zu Beginn der Regierungszeit von König Maximilian II. (1848-1864) entlassen; und diese blieben dann im Wesentlichen bis zum Ende der Monarchie in Kraft. Nach den Recherchen der Verfasserin waren 1918 rund 750 bis 800 Firmen berechtigt, den Titel eines königlich bayerischen Hoflieferanten zu führen (S. 17).
Man erfährt in diesem Kapitel nicht nur, nach welchen Kriterien diese Titelvergabe erfolgen sollte und inwieweit sich die dafür Zuständigen - das waren der Obersthofmeisterstab und die "Hoftitelcommisson" - in der Praxis daran hielten, sondern auch, welcher Personenkreis am Hofe selbst arbeitete und in welcher Form und an wen Aufträge außerhalb des Hofes vergeben wurden. Denn während ein Großteil der Hoflieferanten diesen Titel nur formal führte, wurden andere reichlich mit Aufträgen des Hofes eingedeckt. Teilweise waren diese Aufträge so umfangreich, dass die wirtschaftliche Existenz der betreffenden Firmen in starkem Maße davon abhing. Welche positiven, aber teilweise auch verhängnisvollen Folgen diese Auftragsvergabe für die betreffenden Betriebe haben konnten, wird dann in dem Abschnitt "Ludwig II. und seine Handwerker" ausführlicher dargestellt. Unter der Überschrift "Hofküche und Hofkeller. Lieferungen für den täglichen Bedarf" werden dagegen schlaglichtartig die Beziehungen des Hofes zu seinen Lieferanten hauptsächlich in der Prinzregentenzeit vorgestellt. Ein eigener Abschnitt ist auch den Hoflieferantinnen gewidmet. Bei ihnen handelte es sich demnach zum größten Teil um Witwen, die das Geschäft ihrer verstorbenen Männer fortführten, doch gab es auch einige eigenständige Geschäftsfrauen. Die meisten davon waren in der "Wäschebranche" tätig, aber daneben durften auch eine Hebamme sowie drei Fotografinnen den Hoftitel führen. Abgeschlossen wird der erste Teil des Werkes dann mit einem kurzen Überblick über die Entwicklung der Unternehmen der nun vormaligen Hoflieferanten seit Ende des Ersten Weltkriegs. Dieser reicht bis zur Gegenwart und zeigt am Beispiel einiger weniger, zumeist in München ansässiger Firmen die ganze Spannweite der Möglichkeiten auf, die von der Geschäftsaufgabe über Zwangsenteignung durch "Arisierung" bis zur erfolgreichen Fortführung in die gegenwärtige Zeit reicht.
Der zweite Teil, der mit 166 Seiten mehr als doppelt so umfangreich ist wie der erste, enthält unter der Überschrift "Firmenprofile" jeweils 11 bis 15 Seiten umfassende, durchgängig reich bebilderte Unternehmensgeschichten von 13 (ehemaligen) Hoflieferanten. Nach welchen Kriterien diese aus dem Kreis der insgesamt rund 800 einschlägigen Unternehmen ausgewählt wurden, wird zwar nicht thematisiert, doch fällt auf, dass allen aufgenommenen Firmen gemeinsam ist, dass sie bis heute fortbestehen. So kann an ihrem Beispiel, wie die Verfasserin im Vorwort ihre Intention erläuterte, aufgezeigt werden, wie es solchen mitteständischen Unternehmen gelingen konnte, sich über mehrere Generationen bis heute zu behaupten. Der dritte Teil, der "Anhang", enthält neben den Anmerkungen, den üblichen Nachweisen und Registern die Hoftitel-Verleihungsvorschriften von 1912, eine Gläubigerliste König Ludwigs II. und vor allem ein Gesamtverzeichnis aller Hoftitelinhaber und Hoflieferanten. Diesem alphabetisch nach dem Namen des Ausgezeichneten gegliedertem Verzeichnis kann das Datum der Verleihung sowie der Sitz und die Art des Unternehmens entnommen werden.
Mit den "Hoflieferanten" hat Marita Kraus ein Werk vorgelegt, in dem ein bisher weitgehend unbeachteter Teil der bayerischen Wirtschaftsgeschichte eine informative und vor allem auch höchst attraktive Darstellung gefunden hat.
Erschienen am 17.05.2010
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