München 2009, Hirmer, 424, 256, 120 Seiten
Rezensiert von Alice Arnold-Becker (Friedberg) PDF-Datei
Der Ruhm der Alten Pinakothek in München beruht maßgeblich auf der 1836 in ihren Besitz übergegangenen, ehemaligen Düsseldorfer Gemäldesammlung von Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz. Zu dieser Sammlung zählten so hochkarätige Werke wie Raffaels "Die Heilige Familie aus dem Hause Canigiani", Velázquez' "Junger spanischer Edelmann", Jan Brueghels d.Ä. "Kalvarienberg" oder Rembrandts "Kreuzabnahme". Aus Anlaß seines 350. Geburtstags würdigten die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen die Sammlung des Kurfürsten mit vorliegendem Katalogwerk sowie einer Ausstellung. Sie haben damit einen wichtigen Bereich ihrer eigenen Sammlungsgeschichte erschlossen.
Der erste Band "Sammler und Mäzen" enthält neben Untersuchungen ausgewiesener Wissenschaftler opulente Bildstrecken in Farbe zu den italienischen, flämischen und holländischen Meisterwerken sowie der Kunst der Hofmaler in der kurfürstlichen Sammlung. Eingeleitet wird der Katalog mit einer historischen Einordnung der Gestalt des Kurfürsten (1658-1716) von Hubert Glaser. Dieser war mit den wichtigsten europäischen Herrscherhäusern verschwägert und wurde 1690 Landesherr der Kurpfalz. Als ihm der Kaiser während des Spanischen Erbfolgekriegs 1708 die Obere Pfalz und die einst angestammte, unter dem Winterkönig verlorengegangene fünfte Kur sowie die damit verbundene Würde des Reichsvikariats zurückgab, wähnte sich Johann Wilhelm am Ziel seiner Träume. Die erworbenen Würden sollten sich auch in der Kunst widerspiegeln: 1709 gab er für seine geliebten Kunstschätze den Bau einer Gemäldegalerie in Auftrag. Schon 1714 mußte Johann Wilhelm jedoch der Realität ins Auge sehen; das politische Rad hatte sich weitergedreht - alle Erwerbungen sowie die fünfte Kur wurden ihm wieder genommen.
Reinhold Baumstark, Herausgeber dieses wichtigen, überaus prächtig gestalteten und im Druck sehr hochwertigen Werkes, widmet seine Untersuchung dem Kunstliebhaber und -kenner Johann Wilhelm. Der Pfälzer verpflichtete zahlreiche hochrangige Künstler und beauftragte zur stetigen Erweiterung seiner Sammlung in halb Europa Agenten. Nur erstklassige Kunstwerke wurden erworben, vor allem holländische und flämische Malerei. Seine große Liebe galt der Kunst eines Adriaen van der Werff, eines Giovanni Antonio Pellegrini oder eines Peter Paul Rubens.
Drei Orte dienten der Präsentation seiner Kunst: Die kleinformatige, vorwiegend flämische und holländische Malerei - sie war in erster Linie seiner persönlichen Betrachtung vorbehalten - wurde in zwei privaten Kabinetten des Düsseldorfer Schlosses ausgestellt. Für die größeren Gemälde - gedacht zur Repräsentation und Belehrung - ließ er zwischen 1709 und 1714 den dreiflügeligen Galeriebau errichten: einzigartig die Fülle monumentaler Altargemälde, einzigartig die Anzahl an Werken von Peter Paul Rubens, einzigartig damals schließlich das Präsentieren von Kunst in einem eigens hierfür geschaffenen, öffentlich zugänglichen Gebäude. Der dritte Bau war das Jagdschloss Bensberg. Es wurde Anfang des 18. Jahrhunderts unter anderem mit zahlreichen Wand- und Deckenbildern von Antonio Bellucci und Giovanni Antonio Pellegrini reich ausgestattet. Zu sehen waren hier neben Jagdszenen Ereignisse aus der Geschichte des pfälzischen Hauses und Szenen, die den Rang Johann Wilhelms dokumentierten.
Den bildlichen Repräsentationsstrategien am Hof Johann Wilhelms ist der Beitrag von Christian Quaeitzsch gewidmet. Schon die jesuitische Erziehung dürfte den Prinzen in seiner Vorstellung von der unmittelbar auf die Sinne einwirkenden Macht der Bilder unterstützt haben. Und schließlich führte wohl der Mangel seiner Ressourcen auf militärischem Gebiet zur Inszenierung seiner Herrschaft mittels Kunst.
Johann Wilhelms Nachfolger, sein jüngerer Bruder Karl Philipp, baute ab 1720 das Mannheimer Schloss. Hierhin verbrachte er die Gemälde aus den privaten Düsseldorfer Kabinetten. Die Düsseldorfer Galerie blieb vorerst bestehen. Lässt sich die Hängung in den Düsseldorfer Kabinetten, so Marcus Dekiert, nicht nachvollziehen, so gelingt dies für Mannheim anhand von vier Federzeichnungen von 1731. Dekiert rekonstruiert in seiner überaus aufschlussreichen Untersuchung die Mannheimer Hängung und geht auch auf die Gemäldeverluste in späterer Zeit ein. Von den Werken befinden sich heutzutage noch 65 Prozent (143 Gemälde) in München. Als besonders anschaulich erweisen sich die der Untersuchung beigefügten aufwendigen Farbvisualisierungen. Dem Betrachter führen sie die Art der Zusammenstellung und den Reichtum der Sammlung deutlich vor Augen. Nicht zuletzt lassen sie darauf schließen, dass man mittels Anfertigung von zum Teil sehr breiter Rahmen die Anmutung eines dichten Bilderteppichs erzielte.
Nach dem Tod Karl Philipps gingen die Bilder aus den Kabinetten in den Besitz Kurfürst Karl Theodors über, der sie 1777 mit nach München nahm. 1806 kamen auch die Bilder der Düsseldorfer Galerie nach München.
Abgerundet wird der wissenschaftliche Teil des ersten Bands durch die Untersuchung der Kunstliteratur zur Düsseldorfer Galerie von Oliver Kase. Der Dichter Wilhelm Heise, der Kunstkritiker Johann Heinrich Merck sowie der Direktor der Royal Academy of Arts, Joshua Reynolds, zählen zu den Verfassern von Beschreibungen und Bewertungen der Sammlung. Die Galerie avancierte zu einem der bedeutendsten Orte der ästhetischen Geschmacksbildung im 18. Jahrhundert und ist nicht zuletzt als eine wichtige Station auf dem Weg zur Ausbildung unserer heutigen Museen einzuschätzen. Ein Katalog der in der Ausstellung rekonstruierten Gemäldekabinette des Mannheimer Schlosses, jeweils mit kleiner Farbabbildung und Beschreibung, beschließt den ersten Band.
Im zweiten Band behandelt Christian Quaeitzsch die 341 Gemälde umfassende Düsseldorfer Galerie, während Oliver Kase seine Untersuchung den Gemäldekabinetten widmet. Beide Autoren verfolgen das Schicksal der jeweiligen Gemälde bis ins 20. Jahrhundert hinein. Alle noch heute greifbaren Werke sind in schwarzweiß wiedergegeben. Anstelle verschollener Werke stehen Stiche bzw. Federzeichnungen nach den Originalen.
Zu einer Trilogie wird dieses bemerkenswerte Katalogwerk durch den Nachdruck des Tafelbandes des Christian von Mechel und Nicolas de Pigage von 1778. Mit der auf 26 Tafeln wiedergegebenen Hängung ist dieser Band das einzige überlieferte bildliche Zeugnis der Düsseldorfer Gemäldegalerie.
Erschienen am 11.02.2011
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