(MGH Scriptores rerum Germanicarum NF 22), Hannover 2008, Hahnsche Buchhandlung, 330 Seiten
Rezensiert von Bernhard Lübbers (Regensburg) PDF-Datei
Thomas Ebendorfer (1388-1464), Universitätsprofessor in Wien und Pfarrer in Perchtoldsdorf, ist als Autor zahlreicher historiographischer Texte bekannt. Nach Alphons Lhotsky zählt der Gelehrte des späten Mittelalters zu den "wichtigsten Geschichtsschreibern seiner Zeit". Seine Werke, die mit der vorliegenden Ausgabe nun sämtlich in Monumenta-Editionen vorliegen, zählen mithin zu den bedeutendsten Quellen des späteren Mittelalters.
Bei der anzuzeigenden, von Harald Zimmermann auf der Grundlage von Vorarbeiten durch Paul Uiblein edierten Quelle, dem Catalogus praesulum Laureacensium et Pataviensium, handelt es sich um eine Geschichte der Bischöfe von Lorch und Passau, welche der Perchtoldsdorfer Pfarrer spätestens 1451, wahrscheinlicher aber im Jahr zuvor zu schreiben begann. Viele Historiker der frühen Neuzeit, etwa Johannes Turmair, genannt Aventinus, oder Caspar Bruschius, schöpften aus Ebendorfers Werk und zitierten ihn in ihren Werken. Der Katalog über die Passauer und Lorcher Bischöfe wurde 1793 erstmals von Adrian Rauch veröffentlicht und firmierte in der einschlägigen Literatur lange Zeit unter seinem angeblichen Verfasser Schreitwein. Seit Georg Leidingers Forschungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist bekannt, dass Schreitwein und der Universitätsprofessor des Spätmittelalters ein und dieselbe Person sein müssen. Ebendorfer gibt sich als Autor des Catalogus zudem eindeutig zu erkennen, da er etwa biographische Details aus seinem Leben nennt oder auch Details aus Perchtoldsdorf ausdrücklich hervorhebt.
Ebendorfer begann wohl 1450 mit der Arbeit an dem Katalog, der - wie auch die österreichische Chronik - nicht im Autograph erhalten ist. Im Spätherbst 1451 war dieser bereits recht weit gediehen. Die Romfahrt zur Kaiserkrönung Friedrichs III., an der der Gelehrte teilnahm, verursachte jedoch eine längere Unterbrechung. Auch wenn ein Beweis hierfür letztlich nicht erbracht werden kann, so ist doch zu vermuten, dass Ebendorfer nach seiner Rückkehr aus Rom zahlreiche Nachträge verfasste. Zwei Münchener Codices (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Kasten schwarz 9991/8 sowie Bayerische Staatsbibliothek München, Clm 1306) geben nach Meinung Zimmermanns die Urfassung des Textes wieder, also die Form, die nach letzter Durchsicht die für Ebendorfer maßgebliche war.
Höchst aufschlussreich ist auch, was Zimmermann über die Arbeitsweise Ebendorfers herausgefunden hat. Der Gelehrte folgte demnach der Ansicht der mittelalterlichen Fälscher und vertrat ebenfalls die Meinung, das Bistum Passau könne als Rechtsnachfolger des legendären frühmittelalterlichen Erzbistums Lorch gelten. Insbesondere die Frühgeschichte der Diözese Passau ließ der Perchtoldsdorfer Pfarrer auf einigen ihm zugänglichen Heiligenviten gründen.
Insgesamt war Ebendorfers Bischofskatalog konservativ angelegt und folgte dem üblichen mittelalterlichen Gesta-Typ; als formales Vorbild ist wohl Martin von Troppau anzusehen. So ist jedem Passauer Bischof ein eigenes Kapitel eingeräumt. Ebendorfer ließ seinen Passauer Katalog auch in hohem Maße auf urkundlichen Quellen basieren. Zahlreiche Urkunden nahm er im vollen Wortlaut in den Text auf, darunter auch die berühmten Fälschungen des 10. Jahrhunderts. Insgesamt finden sich fast 100 Urkundenzitate im Katalog verarbeitet. Zimmermann kann zudem detailliert zeigen, wie Ebendorfer arbeitete, aus welchen Quellen er etwa schöpfte. Da die Zahl der verwendeten Quellen überschaubar bleibt, wird Ebendorfer wohl höchstens drei Handschriften zur gleichen Zeit für seinen Katalog verwendet haben.
Doch nicht nur der Text selbst, auch die Ausgabe hat ihre Geschichte: Wie erwähnt, arbeitete Paul Uiblein seit den frühen 1950er Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 2003 an der Herausgabe des Katalogs, ohne diese Tätigkeit abschließen zu können. Seit 2005 war der heutige Herausgeber, Harald Zimmermann, bestens ausgewiesener Kenner der Werke Ebendorfers, offiziell mit der Edition betraut. Auch dank der umfangreichen Vorarbeiten Uibleins konnte er den Text nun in geradezu rekordverdächtiger Zeit im Druck vorlegen.
Der Herausgeber entschied sich dafür, zwischen ursprünglichem Text und nachträglichen Passagen durch Einrückung zu unterscheiden. Ansonsten folgt die Edition den bekannten und bewährten Monumenta-Richtlinien. Ein Stellen- und Namenregister sowie ein Glossar runden die treffliche Ausgabe ab. Mit dieser wahrhaft mustergültigen Edition hat Ebendorfers für die Geschichte des Bistums Passau wichtiger Text mehr als 200 Jahre nach Adrian Rauch nun seine wohl endgültige Form erreicht.
Erschienen am 27.04.2010
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