(Die Deutschen Inschriften 74, Münchener Reihe 13), Wiesbaden 2008, Dr. Ludwig Reichert, 291 Seiten, 118 Abbildungen
Rezensiert von Karl Borchardt (München) PDF-Datei
Regensburg, Bayerns alte Hauptstadt, ist derart inschriftenträchtig, daß die Publikation dieser wichtigen und zudem durch Baumaßnahmen wie durch Umwelteinflüsse stets gefährdeten Geschichtsquellen schrittweise erfolgt. Nach den Inschriften der Minoritenkirche 1996 wird nun ein zweiter Band vorgelegt, der 355 Inschriften der Domkirche St. Peter bis zum Jahr 1500 bietet, dem bewährten Muster der Reihe gemäß erschlossen durch 14 Register von den Personen- und Ortsnamen bis zu den Schriftarten. Ungeachtet zahlreicher Umbauten des Doms sind 263 Inschriften noch im Original vorhanden. Wie neuerdings üblich, werden die vorkommenden Wappen dankenswerterweise blasoniert oder wenigstens anhand des Siebmacher und ähnlicher Publikationen - Peter Urbanek, Wappen und Siegel Regensburger Bürger und Bürgerinnen (2003) - leicht nachvollziehbar identifiziert. Die umfassende Einleitung S. XI-LXXXIII enthält neben den obligatorischen Ausführungen zu den Inschriftträgern, den Schriftformen und der nicht-originalen Überlieferung Abschnitte zur Baugeschichte des Regensburger Doms von Achim Hubel (S. XII-XXI), zur Regensburger Sepulkralskulptur von Volker Liedke (S. XLII-LXI) - wobei S. XXXVIII und XLV die unterschiedlichen Definitionen des Begriffs Epitaph deutlich werden - sowie zu deutschsprachigen Inschriften von Susanne Näßl (S. LXXIX-LXXXI); letztere hat auch im Katalog die immerhin, trotz des im Dom vorwiegend klerikalen Milieus, 73 deutschsprachigen Inschriften bearbeitet. Für die Kunstgeschichte wichtig sind die Werklisten der spätmittelalterlichen Dommeister (S. L-LIX), darunter Wenzel, Chunrad, Matheis und Wolfgang Roritzer.
Der landesgeschichtliche Ertrag der Quellenpublikation, deren Transkriptionen nach Stichproben einen recht zuverlässigen Eindruck machen, kann hier nur angedeutet werden. Aus der Zeit vor dem nach einem verheerenden Brand 1273 eingeleiteten, von Regensburger Patriziern großzügig unterstützten Neubau des Doms haben sich Glasfenster erhalten, die um 1230 datieren (Nr. 4); zahlreiche gotische Scheiben des 14. und 15. Jahrhunderts treten hinzu (Nr. 21-23, 35-38, 48-50, 57-59, 62-64, 69, 78, 79, 84-89, 191, 205-206). Dagegen ist nur eine Glocke erwähnt, Nr. 60 vom Jahre 1333, 1958 durch einen Riß unbrauchbar geworden. Ungewöhnlich sind die reichen Bestände an Paramenten und Vasa Sacra im Domschatzmuseum: aus dem 13. Jahrhundert der sogenannte Wolfgangskelch (Nr. 6), das Ottokarkreuz (Nr. 8), drei Flaschen für heiliges Öl (Nr. 18) und ein Altarbehang (Nr. 19), aus dem 14. Jahrhundert ein Reliquienkästchen (Nr. 25) und ein bedeutendes Rationale (Nr. 51), aus dem 15. Jahrhundert ein vermutlich im 18. Jahrhundert eingeschmolzenes Kreuz (Nr. 167†), ein Kaselkreuz (Nr. 170), ein Kelch (Nr. 229), ein Reliquienkreuz (Nr. 242) und eine vermutlich ebenfalls im 18. Jahrhundert eingeschmolzene Reliquienfigur des hl. Andreas (Nr. 264†).
Die Regensburger Bischöfe ließen sich mindestens seit dem 12. Jahrhundert nicht mehr in St. Emmeram, sondern im Dombereich bestatten. Erhalten haben sich außer der schwer beschädigten Grabplatte für Bischof Siegfried (†1246) Nr. 5 zehn Denkmäler für Konrad von Haimburg (†1381, Nr. 93), Dietrich von Absberg (†1383, Nr. 96), Johann von Moosburg (†1409, Nr. 129), Albrecht von Stauf (†1421, Nr. 144), Johann von Streitberg (†1428, Nr. 168), Konrad Koler von Soest (†1437, Nr. 186), Friedrich von Parsberg (†1449, Nr. 200), Friedrich von Plankenfels (†1457, Nr. 222), Pfalzgraf Ruprecht von Wittelsbach (†1465, Nr. 238) und Heinrich von Absberg (†1492, Nr. 293), wenn auch teilweise in schlechtem Zustand. Der Pfalzgraf aus der Linie Mosbach, ungeweiht im Alter von 28 Jahren der Pest erlegen, erhielt standesgemäß eine aufwendige Rotmarmorplatte. Sein Nachfolger Heinrich von Absberg ließ sich, zusätzlich zur jetzt bis auf vier Wappen schmucklosen Grabplatte (Nr. 294), bereits bei Lebzeiten erstmals ein fürstliches Wandgrabmal errichten, beide Objekte ebenfalls aus Rotmarmor. Interessant ist, daß, soweit erkennbar, die Bischöfe nur das Hochstifts- und das Familienwappen zeigten, aber keine Ahnenwappen, ungeachtet familiärer Verbindungen zum fränkischen Adel, der in Eichstätt, besonders aber in Bamberg und Würzburg ganz anders verfuhr; nur Friedrich von Plankenfels zeigte zusätzlich das Wappen seiner Mutter. Die Vierahnenprobe war, obwohl die vier Ecken der Grabplatten dies anboten, im spätmittelalterlichen Regensburg auch bei den Domkanonikern und anderen Bestattungen nicht üblich. Dafür aber werden vergleichsweise häufig akademische Grade erwähnt, nicht nur magistri, sondern auch licentiati (8 Fälle) und doctores (12 Fälle). Anders als beispielsweise in Augsburg oder Würzburg gibt es jedoch vor 1500 keine frühhumanistischen oder Renaissance-Schriften. Dafür wird im epigraphischen Kommentar ausführlich zu den hier nicht gerade wenigen erhaben gearbeiteten Inschriften Stellung genommen; dies führt zu der These (S. LXXXIV), in einigen Fällen seien die Steinmetzen massiv von Bildschnitzern beeinflußt (Nr. 190, 259, 306, 317). Den qualitätvollen Rotmarmor aus Salzburg, der schon seit der Mitte des 14. Jahrhunderts für höhergestellte Verstorbene vorherrschte, verwendete auch der Dompropst Franz (†1497, Nr. 314), ein Bruder des königlichen Kanzlers Kaspar Schlick. Nicht selbstverständlich für eine Domkirche ist die relativ große Zahl patrizischer und bürgerlicher Inschriften, anscheinend die Folge eines in Regensburg verbreiteten Stifterverhaltens. Daß Wappen als "erloschen" bezeichnet werden, wenn sie abgetreten oder auf andere Weise im Laufe der Zeit unkenntlich wurden, erscheint unglücklich, weil man unweigerlich das Erlöschen des wappenführenden Geschlechts assoziiert. Ob man wirklich alle christlichen Festtage und alle Formulierungen feria secunda Montag bis feria quinta Donnerstag als Besonderheiten der Datierung registrieren muß, sei dahingestellt; der Nr. 41 in zwei widersprüchlichen Abschriften feria sab(a)to festum inuentione san(c)te crucis oder feria sabatho ante festum Inventionis S(ancte) Crucis überlieferte Text könnte statt des 26. April 1376, Samstag vor dem Fest der Auffindung des hl. Kreuzes, den 2. Mai meinen, den Freitag vor Kreuzauffindung (feria sexta ante festum inventionis sancte crucis). Insgesamt ist ein grundlegendes Quellenwerk entstanden, und man kann nur hoffen, daß solche entsagungsvolle Kärrnerarbeit im Wissenschaftsbetrieb weiterhin angemessen gewürdigt wird.
Erschienen am 07.10.2010
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