Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Cornelia Manegold

Köpfe aus fünf Jahrhunderten. Wandel einer historischen Porträtsammlung

(Studio-Reihe der Staatlichen Graphischen Sammlung München 2), Berlin 2009, Deutscher Kunstverlag, 111 Seiten, zahlr. Abbildungen

Rezensiert von Friedegund Freitag (München)      PDF-Datei


Die Staatliche Graphische Sammlung in München zählt zu ihren umfangreichen Beständen auch rund 50 000 Kopfstudien und Bildnisse historischer Persönlichkeiten, das Spektrum der Zeichnungen, Holzschnitte, Kupferstiche, Druckgraphiken und Fotographien reicht vom späten 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Dabei umfaßt die eigentliche Porträtsammlung gerade jene Werke, die sich bei aller künstlerischen Qualität durch einen hohen dokumentarischen Wert auszeichnen und bei denen der Aspekt der Porträtähnlichkeit und das Bestreben, nicht nur die Physiognomie des Dargestellten, sondern auch seine Persönlichkeit und seinen gesellschaftlichen Rang möglichst genau zu erfassen, im Vordergrund stehen. Einschränkend ist hier freilich anzumerken, daß sich die Künstler nicht in jedem Fall auf eine konkrete Vorlage stützen konnten, sondern mitunter auf ihre Vorstellungskraft angewiesen waren. Die nach dem Zweiten Weltkrieg angelegte und bis heute weitergeführte Findekartei, welche die Porträtsammlung erschließt, ordnet die Bildnisse dementsprechend alphabetisch unter dem Namen des Dargestellten ein, besonders bedeutende Kunstwerke sind zusätzlich unter dem Namen des betreffenden Künstlers katalogisiert.
Erstmals hat es nun Cornelia Manegold unternommen, die bisher wenig bekannte Porträtsammlung einem breiten Publikum vorzustellen. Aufbauend auf vorwiegend älteren Überblicksdarstellungen und unter akribischer Auswertung von Archivalien und Inventaren zeichnet sie im ersten, rund 40 Seiten umfassenden Teil der Arbeit in knappen Zügen die wechselvolle Geschichte der durch dynastische Tradition, Stiftung, Schenkung oder Ankauf zusammengetragenen, im 19. Jahrhundert zudem durch die Säkularisation sowie durch Umschichtungen vorhandener Bestände beträchtlich erweiterten Sammlung nach. Schwerpunktmäßig setzt ihre Darstellung ein mit den Anfängen der Porträtsammlung unter Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz, der mit dem 1758 in Auftrag gegebenen Kupferstich- und Zeichnungs-Kabinett den Grundstein zur heutigen Staatlichen Graphischen Sammlung legte. Der alte Mannheimer Bestand stellt noch heute den größten Teil der Porträtsammlung dar. 1794/95 zum Schutz vor den französischen Truppen nach München verbracht, wurde die Porträtsammlung unter Maximilian IV. (I.) Joseph und später von seinen Nachfolgern grundlegend neu organisiert und erweitert.
Neben einem knappen Abriß zu der Entstehungsgeschichte, der Entwicklung und dem Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg teilweise stark dezimierten Porträtsammlung gibt Manegold auch einen Einblick in ihre Organisation, Zusammensetzung und die Anfang des 20. Jahrhunderts einsetzende systematische Erschließung, sie charakterisiert das Porträt als Sammelobjekt und nennt Schwerpunkte des Bestandes.
Im zweiten, ebenfalls rund 40 Seiten starken Teil der Arbeit stellt Manegold die Porträtsammlung in 25 Beispielen vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert vor. Unter den von ihr ausgewählten Künstlern, Kupferstechern und Fotographen finden sich Namen wie Tobias Stimmer, Anthonis van Dyck, Anselmus van Hulle, Franz Hanfstaengel oder Frank Eugene. In knappen biographischen Skizzen würdigt Manegold die porträtierten Persönlichkeiten und geht auf das Werk des jeweiligen Künstlers ein. Die Porträts werden abgebildet und beschrieben, Details, wie Beischriften, Widmungsadressen, Devisen, Wappen etc., besonders vermerkt und analysiert. Über die reine Dokumentation hinaus werden die stets gleichbleibende Aufgabe des Porträts und die Entwicklung der Reproduktionsmethoden vom Holzschnitt und Kupferstich über Radierung und Punktiermanier bis hin zu Lithographie sowie diversen Verfahren der frühen Fotographie nachvollziehbar.
Die komprimierte, ansprechend bebilderte und mit zahlreichen Anmerkungen versehene Darstellung liefert eine Fülle von Informationen zu Geschichte und Organisation eines komplexen, kultur- wie kunstgeschichtlich bedeutsamen Sammlungsbestandes. Für die von Manegold angemahnte systematische wissenschaftliche Erschließung und differenzierte Bearbeitung der Porträtsammlung ist damit eine wesentliche Voraussetzung geschaffen. Das in Planung befindliche Pilotprojekt, rund 40 000 druckgraphische und fotographische Porträts in digitalisierter Form in einer Bilddatenbank dem Nutzer frei zugänglich zu machen, wird ein weiterer wichtiger Schritt in diese Richtung sein.

Erschienen am 27.08.2010

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