Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Gunnar Och / Bertold von Haller (Hg.)

Bauskandal am Erlanger Platenhäuschen. Eine Dokumentation

Erlangen 2009, Palm & Enke, 98 Seiten, zahlr. Abbildungen

Rezensiert von Werner Wilhelm Schnabel (Erlangen)      PDF-Datei


"Wutbürger" ist eine der bemerkenswertesten Wortschöpfungen des Jahres 2010. Sie beschreibt die Beobachtung, daß mittlerweile auch 'bürgerliche' Kreise die Mittel medienwirksamen Protests wählen, um mittels öffentlich verbreiteter Empörung bestimmte Ziele zu erreichen, denen sich die politischen Repräsentanten und die von allen finanzierte Verwaltung - aus welchen Gründen auch immer - verweigern. Natürlich ist das Phänomen, das jeder aus den Medien kennt, nur bedingt mit dem zu vergleichen, das im vorzustellenden Büchlein dokumentiert wird. Zu Ausschreitungen und Blockaden ist es in der akademisch geprägten Universitäts- und Medizintechnikstadt Erlangen nicht gekommen, und mittlerweile hat sich die Aufregung auch wieder gelegt. Aber auch hier hat eine bauliche Maßnahme an einem identitätsstiftenden Bauwerk - bereits an der Jahreswende 2008/09 - erhebliche öffentliche Erregung hervorgerufen, die das Agieren einer selbstbezogenen, gegenüber kulturell motivierten Anliegen desinteressierten und rein kommerziell denkenden Verwaltung in merkwürdigem Licht erscheinen läßt.
Anlaß der Irritationen waren Baumaßnahmen im unmittelbaren Umfeld eines wohl 1757 erbauten Sandsteinhäuschens, das ab 1824 zeitweilig als Refugium des Dichters August von Platen gedient hatte. Die einzige Dichtergedenkstätte Erlangens war 1925 durch den lokalen Geschichtsverein vor dem Abriß bewahrt und 1963 an die Stadt Erlangen geschenkt worden, da der Bauunterhalt nicht mehr zu finanzieren war. In der Folge wurde die durch bürgerschaftliches Engagement gerettete Anlage immer wieder kulturell genutzt, 1976/77 renoviert und 2007 mit einer wissenschaftlich konzipierten Ausstellung bestückt. Ende 2008 nun ließ die Stadt im eindeutigen Verstoß gegen die Verträge von 1925, die eine Art 'Ensembleschutz' des romantischen Gartengrundstücks festschrieben, Baumaßnahmen innerhalb der geschützten Zone zu. Nicht nur wurde das bestehende Bauverbot gegen eine Ablösesumme von 100 000 Euro aufgehoben, sondern auch die Bewaldung des 'einsamen Ortes' abgeholzt und eine schwerwiegende Veränderung des Terrains durchgeführt. Einsprüche aufgeschreckter Bürger wurden von der Verwaltung in sattsam bekannter Weise abgefertigt oder verschleppt, Halb- oder Falschinformationen gestreut, kritische Leserbriefe selbst in der lokalen Presse redaktionell 'bearbeitet'. Nur die Einschaltung der überregionalen Presse, die offensichtlich als Drohpotential wahrgenommen wurde, bewog Stadtspitze und Ämter zu einem Rückzug, der mittlerweile zu einer weitgehenden Wiederherstellung des Ausgangszustands geführt hat.
Die Dokumentation mit Beiträgen von Michaela Meyer, Sylvia Ostertag-Henning und Bertold von Haller rekonstruiert dokumentengestützt die Bau- und Nutzungsgeschichte des Platenhäuschens und unterstreicht damit den Rang dieser Erinnerungsstätte und den Willen der einstigen Donatoren. Und sie zeichnet - manchmal durchaus in bitterem Ton - die skizzierten Ereignisse im einzelnen nach.
Natürlich mag man Vorkommnisse wie diese von außen als 'Sturm im Wasserglas' bewerten - zumal der Ausgang im beschriebenen Fall ja durchaus befriedigend war; in Zeiten, in denen Verwaltungen, die gegenüber dem Bürger unnachgiebig auftreten, übertragene Rechte erst zu Geld machen und selbst übernommene Pflichten dann vergessen machen wollen, muß dieses Lehrstück in Sachen bürgerlichen (und maßvollen) Protests doch über die Grenzen Erlangens hinaus zu denken geben. Und es kann zu Phantasien darüber anregen, wie schnell es wohl zu einem Abbruch der Bauarbeiten gekommen wäre, wenn man auf dem Gelände des offensichtlich kaum schützenswerten kulturellen Denkmals zufällig die Existenz einer seltenen Käferkolonie entdeckt hätte ...

Erschienen am 08.09.2011

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