Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Stefan Grüner

Geplantes "Wirtschaftswunder"?. Industrie- und Strukturpolitik in Bayern 1949 bis 1973

(Bayern im Bund 7), München 2009, Oldenbourg, 493 Seiten

Rezensiert von Karl-Ulrich Gelberg (München)      PDF-Datei


Thomas Schlemmer und Hans Woller haben Ende der neunziger Jahre das Projekt "Gesellschaft und Politik in Bayern 1949 bis 1973" für das Institut für Zeitgeschichte konzipiert (vgl. Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 46, 1998, 312-325). Mit dem jetzt vorgelegten siebten Band kommt das Projekt zum Abschluss. Erschienen sind drei Sammelbände "Die Erschließung des Landes 1949 bis 1973" (2001), "Gesellschaft im Wandel 1949-1973" (2002) und "Politik und Kultur im föderativen Staat 1949 bis 1973" (2004), dazu vier Monographien (Dissertationen bzw. Habilitationen) von Jaromír Balcar "Politik auf dem Land. Studien zur bayerischen Provinz 1945-1972" (2004), Dietmar Süß "Kumpel und Genossen. Bayerische Montanindustrie 1945 bis 1976" (2003), Thomas Schlemmer "Industriemoderne in der Provinz. Ingolstadt zwischen Neubeginn, Boom und Krise 1945 bis 1975" (2009) sowie die hier anzuzeigende Augsburger Habilitationsschrift von Stefan Grüner.
Der Schwerpunkt aller sieben Bände liegt auf dem unzweifelhaft markanten sozio-ökonomischen Wandel, den der Freistaat Bayern in den Jahrzehnten seit 1945 erlebt hat und der ihn von einem hinteren Platz am Kriegsende bis Ende des 20. Jahrhunderts an die wirtschaftliche Spitze der Bundesländer führte. Es ist daher im Rahmen der Besprechung auch danach zu fragen, ob die zentrale Fragestellung des Projekts beantwortet worden ist: zu zeigen, in welchem Maße und auf welche Weise der forcierte Strukturwandel der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre in Bayern von politischer bzw. exekutiver Seite aus gesteuert, geplant oder zumindest befördert worden ist, ja welcher Anteil daran der Bayerischen Staatsregierung, Politik und Verwaltung und seit 1966 heißt das implizit auch der CSU als allein regierender Partei zugerechnet werden kann? Zweifel daran, ob dies möglich ist, sind bereits im Titel von Grüners Studie angedeutet.
Grüners Buch gliedert sich in drei Teile: "Aufbaupolitik in Bayern zwischen Nachkriegsnot und 'Gründungskrise', 1945-1949/50", "Bayern als Nachzügler im bundesdeutschen 'Wirtschaftswunder', 1950-1958/59" und "'Bayern auf festem Fundament' - Strukturpolitik in der Phase der Expansion, 1958/59-1973". Im ersten Teil rekapituliert der Autor die Ausgangsbedingungen. Er konstatiert unter anderem, dass die industrielle Entwicklung Bayerns nach 1945 nicht bei Null begann, sondern an Vorkriegsentwicklungen anknüpfen konnte; er benennt die demographischen Veränderungen (1946: 2,3 Millionen Menschen mehr als 1939), die Kriegsschäden, die veränderte geographische Situation durch den Eisernen Vorhang, der Bayern vom mitteldeutschen Wirtschaftsraum abkoppelte, die widerstreitenden amerikanischen Konzeptionen, in deren Politik sich Wiederaufbaubemühungen und Reparationsforderungen konterkarierten sowie die anfangs nur geringen Handlungsspielräume, die die amerikanische Besatzungsmacht der Staatsregierung gewährte. Grüner kommt zu dem Urteil, dass weder die Kriegszerstörungen noch die Demontage die Wirtschaftsentwicklung langfristig negativ beeinflussten. Es schließt sich eine Analyse der wirtschaftspolitischen Diskurse der ersten Nachkriegsjahre an. Neben der "Volkswirtschaftlichen Arbeitsgemeinschaft für Bayern", einer frühen "Denkfabrik" um den Nationalökonomen Adolf Weber, werden die wirtschaftspolitischen Positionen von CSU und SPD bei den bayerischen Verfassungsberatungen, in ihrer Programmatik und im Regierungshandeln der ersten Jahre betrachtet. Bemerkenswert ist, dass die bei beiden Parteien eher pragmatische Linie zwischen sozialistisch-genossenschaftlichem Ideengut und marktwirtschaftlicher Orientierung letztlich dazu führte, dass Konsens darüber bestand, die 1945 existierenden Staatsbeteiligungen vor allem an Energieversorgungsunternehmen in den fünfziger Jahren noch aufzustocken.
Die Arbeit bewegt sich auf einem hohen Abstraktions- und Diskursniveau, wobei der Verfasser seine Deduktionen durch eine beeindruckende Literaturkenntnis statistischer, ökonomischer, finanzwissenschaftlicher und wirtschaftsgeographischer Literatur untermauert. Neben vielen archivalischen Quellen, vor allem aus dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv und dem Bundesarchiv, ragen zwei gedruckte Quellen heraus: die offiziöse "Bayerische Staatszeitung" und die seit 1947 erscheinende Monatszeitschrift des Statistischen Landesamtes (heute Bayerisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung) "Bayern in Zahlen". Diese beiden seriellen Quellen sind so zentral für die Landeszeitgeschichte, dass sie unbedingt so bald wie möglich in digitaler Form in die Bayerische Landesbibliothek Online (BLO) integriert werden sollten.
Neben der Analyse der Ausgangsbedingungen nach 1945 stehen einzelne Tiefenbohrungen, etwa zur Gruppenansiedlung sudetendeutscher Flüchtlingsbetriebe, zu Bundesaufträgen für Bayern oder zur bayerischen Energiepolitik zwischen Kohle und Erdöl, die zur Schließung der oberbayerischen Pechkohlengruben führte.
Differenziert fällt Grüners Bewertung der Zuwanderung von rund 2 Millionen Flüchtlingen für die ökonomische Entwicklung des Landes aus. Für bedeutender als die zeitgenössisch hervorgehobenen "Flüchtlingsbetriebe" hält er das Arbeitskräftepotential der Flüchtlinge, das sich allerdings erst mit Eintritt der Vollbeschäftigung in den fünfziger Jahren für Bayern als besonders vorteilhaft erwiesen habe.
Aus der Fülle der Aspekte, die die Arbeit bietet, sollen drei Themenkomplexe herausgegriffen werden, denen das besondere Interesse des Autors gilt: Die Landesplanung und Raumordnung, die Subventions- und Förderpolitik europäischer Provenienz sowie die bundespolitische Förderpolitik und weitere Finanztransfers.
Besonders dicht fällt das Kapitel "Die Aktivierung der Landesplanung als Arbeitsinstrument" aus, unter anderem weil hier - was in den anderen Teilen der Studie nicht in gleichem Maße gelingt - bis auf die Referatsebene diejenigen Personen klare Konturen gewinnen, die vor und nach 1945 in Bayern auf diesem Feld Schlüsselpositionen besetzten. Insgesamt arbeitet Grüner heraus, dass die CSU-geführten Staatsregierungen bei aller Planungseuphorie, die auch die Münchener Ministerien zeitweise ergriff, stets darauf achteten, dass die staatliche Prärogative erhalten blieb - dem Slogan der SPD, Landesentwicklung als aktive Gesellschaftspolitik zu betreiben, erteilte man eine klare Absage - und der Einfluss des Bundes nicht zu groß wurde.
Eine besondere Leistung der Arbeit ist es aufzuzeigen, inwieweit der wissenschaftliche Diskurs, zum Beispiel die so genannte "Ballungsdebatte" in den Raumwissenschaften oder die in der ökonomischen Regionaltheorie bereits in den dreißiger Jahren eine Rolle spielenden "zentralen Orte", zwar nur mit erheblicher zeitlicher Verzögerung die Förderpraxis strukturierte, dann allerdings ohne von Politik und Verwaltung noch einmal inhaltlich diskutiert oder in Frage gestellt zu werden. Dies erinnert an die Umstände der in Bayern in den siebziger Jahren durchgeführten Gebietsreform. Es erstaunt im Übrigen, dass diese Reform, ein planungs- und raumordnerisches Großprojekt, keine angemessene Berücksichtigung im Rahmen des Projekts "Gesellschaft und Politik in Bayern" gefunden hat.
Deutlich arbeitet Grüner heraus (S. 406ff.), dass die seit den siebziger Jahren mit Verve betriebene regionale Strukturpolitik nicht zu dem gewünschten Resultat führte, die Kluft zwischen Ballungsräumen und schwach strukturierten Regionen zu verringern. Hier wäre genauer zu untersuchen, in welcher Weise die Politik der Landeshauptstadt München oder anderer Städte diese Zielsetzungen auch konterkarierten.
Einen wichtigen Impuls gibt Grüners Arbeit der Landesgeschichte mit seinen Ausführungen zu "Bayern im vergrößerten Wirtschaftsraum der EWG". An die Stelle von Reserve und Skepsis, die anfänglich dominierten, traten mit Blick auf die Fördertöpfe der Agrar- und Regionalpolitik der EWG schnell konstruktive und dynamische Aktivitäten der Staatsregierung unter Ministerpräsident Alfons Goppel.
Ein zentrales Ergebnis der Arbeit ist schließlich, in welchem Maße bundesstaatliche Leistungstransfers von den fünfziger bis in die siebziger Jahre dazu beigetragen haben, Bayern ökonomisch an das Niveau der anderen Länder der Bundesrepublik heranzuführen. Dazu trug die Regionalförderung des Bundes ebenso bei wie der horizontale Finanzausgleich oder die große Finanzreform von 1969, die über die Gemeinschaftsaufgaben zwar die Kompetenzen des Bundes ausweitete, dafür den Ländern jedoch etwa beim Hochschulausbau finanziell unter die Arme griff und auch höhere Steuereinnahmen gewährte. Dies ging häufig mit einer Einschränkung von Landeskompetenzen einher. Die bayerische Reaktion darauf verlief häufig zweigleisig: Unter Hinweis auf den Föderalismus führte man einerseits laut Klage; in der Praxis regierte andererseits Pragmatismus.
Am Ende räumt Grüner ein, dass sich die "Wirkungstiefe strukturpolitischen Handelns" für einen Betrachtungsraum von dreißig Jahren schwer messen lasse: "Zu komplex ist das dargestellte Beziehungsgefüge von übergreifenden ökonomischen Entwicklungen, raumstrukturellen Veränderungen in Westdeutschland, fortwirkenden Pfadabhängigkeiten und Akzidentien, die in der bayerischen Entwicklung zum Tragen kamen" (S. 429). Diese Feststellung ehrt den Autor. Sie stellt auch keineswegs eine Kapitulation dar, zumal es ihm gelungen ist, deutlich zu machen, welcher zentrale Faktor der Bund in diesem Transformationsprozess war.
Diese Erkenntnis wird stets zu berücksichtigen sein, wenn der Frage weiter nachgegangen wird, welche Institutionen oder Personen der Entwicklung des Freistaates ihren Stempel aufgedrückt haben.
Am Ende des IfZ-Projekts kann man Bilanz ziehen: Die entstandenen Arbeiten beantworten zwar nicht alle Fragen, haben aber das Tor dieses Forschungsfeldes weit aufgestoßen und bereits jetzt vielfach anregend gewirkt. Zum Wissens- und Methodentransfer von den USA nach Bayern ist die Arbeit von Ellen Latzin "Lernen von Amerika? Das US-Kulturaustauschprogramm für Bayern und seine Absolventen" (2005) zu nennen. Zur Schulpolitik ist die Arbeit von Norbert Lehning "Bayerns Weg in die Bildungsgesellschaft. Das höhere Schulwesen im Freistaat Bayern zwischen Tradition und Expansion 1949/50-1972/73" (2007) erschienen, zur Geschichtspolitik diejenige von Ulla-Britta Vollhardt, "Staatliche Heimatpolitik und Heimatdiskurse in Bayern 1945-1970. Identitätsstiftung zwischen Tradition und Modernisierung" (2008). Eine Lücke im Bereich des kirchlich-religiösen Lebens, die die Initiatoren selbst als Manko betrachteten, hat die Dissertation von Michael Fellner "Katholische Kirche in Bayern 1945-1960. Religion, Gesellschaft und Modernisierung in der Erzdiözese München und Freising" (2008) geschlossen. Es gibt jedoch auch Bereiche, die bisher nicht berücksichtigt wurden, aber für die Beantwortung der Leitfrage des Projekts von eminentem Gewicht sind und noch der Untersuchung harren: Genannt sei als Beispiel eine Analyse des Landesparlamentarismus, die einen detaillierten Blick auf die Regierungsfraktion oder die Rolle der Oppositionsfraktionen richten würde. Als Vorbild könnten die Arbeiten von Dieter Düding zur SPD-Fraktion des Landtags von Nordrhein-Westfalen und von Guido Hitze zur nordrhein-westfälischen CDU in der Opposition dienen. Welchen Anteil hatten die Fraktionen oder einzelne ihrer Akteure an den Veränderungen, welche Impulse gingen von ihnen aus? Wie lief der Entscheidungsprozess ab? Wie war das Verhältnis zur Regierung? Wann wirkten Landtag oder Fraktionen eher retardierend? Auch wenn es - wie stets - weitere Desiderate gibt: Dies ändert nichts daran, dass im Unterschied zu anderen Ländern die Landeszeitgeschichte in Bayern mit den sieben Bänden des Instituts für Zeitgeschichte von einem beeindruckenden Fundament aus weiter forschen kann.

Erschienen am 26.07.2010

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