Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Hans-Jürgen Becker / Konrad Maria Färber (Hg.)

Regensburg wird bayerisch. Ein Lesebuch

Regensburg 2009, Pustet, 203 Seiten, 34 Abbildungen

Rezensiert von Jürgen Nemitz (Marburg)      PDF-Datei


Als Regensburg 1803 seine Reichsunmittelbarkeit verlor, konnte sich die verschuldete und wirtschaftlich längst marginalisierte Stadt des Reichstages noch der Illusion hingeben, als nunmehrige Residenzstadt des Kurerzkanzlers weiterhin eine herausgehobene Bedeutung zu behalten. Retrospektiv gesehen stellte das Fürstentum Regensburg unter Dalberg jedoch nur ein Zwischenspiel dar, dem am 23. Mai 1810 der Übergang Regensburgs an Bayern folgte. Von nun an gehörte die vormals einzige Reichsstadt des Bayerischen Kreises ohne jede Sonderstellung zum jungen Königreich Bayern, in dem Montgelas zwei Jahre zuvor den Städten ihre Selbstverwaltung genommen hatte.
Es ist evident, dass die zweihundertjährige Wiederkehr der Vorgänge Anlass bietet, deren Folgen für die Stadt historisch zu würdigen. Der hier vorliegende Sammelband vereint in diesem Sinne zehn Beiträge zur Politik-, Kunst- und Kulturgeschichte Regensburgs im 19. Jahrhundert aus der Feder von sieben Autoren. Hinzu kommt eine Synthese von Konrad Maria Färber.
Färber ist es auch vorbehalten, in zwei Beiträgen die Vorgeschichte des Jahres 1810 darzulegen. Er fasst einerseits die Hauptlinien bayerischer Politik zusammen, die nach dem gescheiterten Intermezzo von 1486 bis 1492 die Wiedergewinnung Regensburgs nie aus den Augen verloren hatte. Zum anderen liefert Färber einen Überblick zur Dalbergzeit, die den Beginn gesellschaftlicher Modernisierung markierte und überdies bleibende architektonische Spuren hinterließ. Dass der Dalberg-Biograph Färber eine Würdigung der Person Dalbergs einfließen lässt, versteht sich geradezu von selbst. In inhaltlichem Zusammenhang damit steht Hans-Jürgen Beckers Betrachtung der unmittelbaren Vorgeschichte und des Vollzugs der Übergabe Regensburgs an Bayern. Eine Skizze der rechtlichen Rahmenbedingungen im Königreich Bayern rundet seinen Beitrag ab. Dass das bayerische Judenedikt hierbei auf 1833 (statt 1813) datiert wird (S. 31), darf man wohl als Druckfehler verbuchen.
Werner Chrobak fügt als ausgewiesener Fachmann dem Band einen Aufsatz hinzu, der den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen während des Vormärz und der Revolution 1848/49 gewidmet ist. Trotz eines stetigen Anwachsens des katholischen Bevölkerungsanteils blieben die Gemeindegremien weitgehend protestantisch dominiert, da das Zensuswahlrecht dem etablierten Bürgertum aus reichsstädtischer Zeit den politischen Vorrang sicherte. Chrobak skizziert prägnant die hieraus erwachsenden Konflikte, wendet aber auch den Blick auf die Abgeordneten zur Ständeversammlung, das Vereins- und Pressewesen und nicht zuletzt auf markante politische Akteure wie Gottlieb von Thon-Dittmer oder den kauzig-eigenwilligen Regensburger Paulskirchenabgeordneten Adolf von Zerzog. In unmittelbarem Zusammenhang mit Chrobak sollte man Karl Hausbergers Ausführungen zum religiösen Leben in Regensburg lesen. Hausberger legt dar, wie das irenische Einvernehmen der Konfessionen, das noch in der Dalbergzeit geherrscht hatte, bis zu den 1830er Jahren in offene Konfrontation umschlug, wozu neben lokalen Faktoren die antiprotestantische Politik des Abel-Régimes beitrug. Hausberger betont aber auch Regensburgs herausgehobene Rolle in der katholischen Erneuerungsbewegung, wofür der Name Johann Michael von Sailer steht. Ein Blick auf die jüdische Gemeinde zwischen Orthodoxie und Reformjudentum schließt den informativen Beitrag ab.
Der ehemalige Regierungsdirektor Joachim Merk beschäftigt sich mit Regensburg als Sitz der Kreisregierung. Es handelt sich um einen konzentrierten Abriss zur Geschichte der Mittelbehörden in Bayern am Regensburger Beispiel.
Die kulturellen Folgen der Säkularisation für Regensburg werden wiederum von Werner Chrobak thematisiert. Vor allem am Beispiel von Bibliotheks- und Archivgut verweist er auf die ab 1810 erfolgten umfangreichen Verlagerungen bedeutender Bestände und Einzelobjekte - darunter des berühmten Emmeramer Codex Aureus - in Münchener Sammlungen. Er bezieht hier, auch wenn es sich im eigentlichen Sinne nicht um Säkularisationsgut handelt, dezidiert auch jene Teile der vormals reichsstädtischen Archivbestände ein, die heute im Bayerischen Hauptstaatsarchiv zu München lagern (S. 104). Chrobak bewertet die Wegnahme dieses Kulturguts als ursächlich für Identitätsverlust, Verarmung und Provinzialisierung von Stadt und Region mit Folgen bis zur Gegenwart (S. 97). Er scheut kein wertendes Vokabular, wenn er von "berauben" (S. 97), "filzen" (S. 104), "plündern" (S. 101), "Ausbeutung" (S. 106) oder "Entführung" (S. 97) spricht und die bayerische Besitznahme - zumindest auf kulturellem Gebiet - mit einer Okkupation vergleicht (S. 106). Da Chrobak den Vorgängen damit einen wenn schon nicht illegalen, so doch allemal illegitimen Charakter zuschreibt, leitet er einen - zumindest moralisch fundierten - Rückführungsanspruch für die Gegenwart ab. Letzteres wiederum lässt den Beitrag nicht nur als geschichtliche Darstellung, sondern zugleich als kulturpolitisches Statement erscheinen, in dem sich unverkennbar nicht nur der Historiker, sondern auch der Regensburger Heimatpfleger Chrobak zu Wort meldet.
Je einen rezeptionsgeschichtlichen Beitrag tragen Eugen Trapp und Eberhard Dünninger bei. Trapp beschäftigt sich mit der Wiederentdeckung und künstlerischen Adaption des mittelalterlichen Erbes in der bildenden Kunst und der Kirchenmusik. Er verweist unter anderem auf den Symbolwert, den Regensburg im Geschichtsbild König Ludwigs I. einnahm (wenngleich Otto I. die bayerische Herzogswürde nicht in Regensburg empfing, wie Trapp S. 131 anführt, sondern in Altenburg). Bekanntestes Regensburger Zeugnis der Mittelalterrezeption ist die Neugestaltung des Domes im Sinne eines Idealbildes der Gotik. Dünninger wiederum skizziert die Bedeutung Regensburgs als literarische Inspirationsquelle im Zeitraum zwischen dem Ende der reichsstädtischen Zeit bis in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts.
Wiederum Eugen Trapp bearbeitet die urbane Entwicklung Regensburgs zwischen 1810 und dem Vorabend des Ersten Weltkriegs. In jenes Jahrhundert fallen der Wiederaufbau der 1809 zerstörten Pauluserwacht mit der Anlage der Maximilianstraße, aber auch der abbruchbedingte Verlust wertvoller Bausubstanz, darunter des Dollingerhauses. Trapp zeigt, dass die Abbrüche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeitgenössisch als unumgängliche Antworten auf tatsächliche oder vermeintliche Herausforderungen urbaner Modernisierung empfunden wurden. Der Beitrag ist im Übrigen für das Buch unverzichtbar, weil Trapp zugleich kenntnisreich wesentliche Rahmenbedingungen der wirtschaftlichen und infrastrukturellen Entwicklung bis 1913 umreißt.
Will man den Band zusammenfassend bewerten, so legt die Charakterisierung als "Lesebuch" nahe, dass es den Herausgebern und Autoren nicht darum ging, unbedingt neue Forschungsergebnisse vorzulegen, sondern vielmehr die Erträgnisse des einschlägigen Schrifttums für ein Publikum jenseits der Fachwissenschaft aufzubereiten. Dies ist gelungen. Es zeigt sich hierbei ein Grundtenor, der das Jahr 1810 keineswegs nur als Ende einer Ära deutet, sondern auch als Anfang einer neuen Epoche Regensburger Geschichte, in der sich die Stadt trotz ihres vergleichsweise bescheidenen Bevölkerungswachstums als Verwaltungssitz etablierte, kulturell keineswegs im Dornröschenschlaf versank und infrastrukturell die Herausforderungen der Moderne annahm. Eine knappe Auswahlbibliographie, ein Personenregister, eine Zeittafel und eine überlegt gewählte Bebilderung ergänzen die Beiträge.
Unter dem Strich steht insgesamt ein Buch, das der viel zitierte "interessierte Laie" mit Gewinn lesen wird, das aber auch vor dem fachlichen Auge bestehen kann.

Erschienen am 19.07.2010

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