Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Hedwig Bramenkamp

Krieg und Frieden in Harsdörffers "Frauenzimmer Gesprächspielen" und bei den Nürnberger Friedensfeiern 1649 und 1650

(Sprach- und Literaturwissenschaften 32), 2. Auflage, Utz 2009, München, 435 Seiten, 24 Abbildungen

Rezensiert von Werner Wilhelm Schnabel (Erlangen)      PDF-Datei


Die Münchener Dissertation von 2008/09 befaßt sich mit einem der zentralen Erfahrungshorizonte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, der naheliegenderweise auch in der Literatur reichhaltigen Niederschlag gefunden hat. Krieg und Frieden werden im ersten, umfangreicheren Teil der Arbeit anhand der "Frauenzimmer Gesprächspiele" Georg Philipp Harsdörffers untersucht - des seinerzeit erfolgreichsten Zyklus literarischer Unterhaltungen zum Zweck unterhaltender Wissensvermittlung, der es zwischen 1641 und 1657 auf immerhin acht umfangreiche, reich bebilderte und zum Teil mehrmals aufgelegte und überarbeitete Bände gebracht hat.
Wie zu erwarten, spielt in den Dialogen die Darstellung des Krieges eine erheblich größere Rolle als die des Friedens, der im wesentlichen als mehr oder minder utopisches Gegenkonzept zu den aktuell unruhigen Zeitläuften wahrgenommen wurde. Die Verfasserin verfolgt das Kriegsmotiv unter verschiedenen Aspekten (Ursachen, Akteure, Folgen) und bemüht sich um eine Systematisierung der aufgefundenen, oft nur sehr knappen Belege. Weiter geht sie der Metaphorik des Krieges nach, der in unterschiedlichem Zusammenhang (Wörterkrieg, Liebeskrieg etc.) literarisch fruchtbar geworden ist. Schließlich widmet sie sich einzelnen Gesprächspielen, die die Kriegsthematik aufnehmen und - wie bei Harsdörffer üblich - verschiedene Aspekte des Gegenstandes zusammen- und gegeneinanderstellen. Schwieriger wird dies in bezug auf die Thematik des Friedens, die in den Gesprächspielen nur weniger explizit zum Tragen kommt. Hier muß deshalb vor allem auf Buchbegleitgedichte anderer Autoren zurückgegriffen werden, aber auch auf Zueignungsgedichte Harsdörffers selbst, die den Korpus der "Frauenzimmer Gesprächspiele" als Paratexte eigentlich sprengen. Einzig das Gesprächspiel "Der Fried" kann hier exemplarisch analysiert werden.
Der Versuch, aus den immer kontextbezogenen, letztendlich disparaten Repliken und Belegen so etwas wie einen gemeinsamen Nenner herauszudestillieren, muß dabei zwangsläufig scheitern. Zum einen ist eine Kohärenzzuschreibung für ein Sammelwerk dieser Art schon von vornherein problematisch. Die Redeinstanzen der Diegese vertreten verschiedene Positionen, die von ihren durchaus konturierten Interessen und Erfahrungen, ja von ihrem Geschlecht abhängig sind. Überdies ist die zugrundegelegte Gesprächsstruktur nicht zwangsläufig auf Konsensbildung, sondern auf Amplifizierung angelegt; sie will möglichst viele Aspekte zu einem gemeinsamen Thema beibringen, ohne aber in der Regel mit einem verbindlichen 'Ergebnis' aufzuwarten. Angesichts dieses Dispositionsverfahrens, wie es auch in vielen anderen Sammlungen Harsdörffers zu Tage tritt, bleibt denn auch der Rekonstruktion kaum mehr als die Konstatierung von Vielfalt und Disparität. Sie ist letztendlich aus der topischen Tradition abzuleiten, der sich der ungemein kenntnisreiche Autor - von der Verfasserin nicht immer weiterverfolgt - bediente.
Etwas kohärenter ist der zweite, nicht eigentlich mit dem ersten verbundene Hauptteil der Untersuchung. Er befaßt sich mit den Nürnberger Friedensfeierlichkeiten der Jahre 1649/50 und ihrem Niederschlag in Dichtungen von Harsdörffer, Birken und Klaj. Auch wenn die Analysen hier wie im ersten Teil überwiegend deskriptiv bleiben, gelingt es doch, die additive Aneinanderreihung von Beobachtungen immer wieder durch die Bildung von Zusammenhängen zu ergänzen. Sie verorten die Friedensschriften in den Auseinandersetzungen zwischen Harsdörffer und Birken und somit als Positionierungen innerhalb des 'literarischen Feldes', bei denen es insbesondere der ehrgeizige Emporkömmling Birken an menschlicher Souveränität wiederholt mangeln ließ.
Im Literaturverzeichnis wird mancher Titel vermißt, der den literarischen Analysen historiographische Bodenhaftung im Hinblick auf Politik-, Kultur- und Sozialgeschichte oder Prosopographie hätte verschaffen können. Quellen sind meist nur über Nennungen in Überblicksdarstellungen zitiert. Läßlich sind einige Unsicherheiten in der lokalen Topographie, problematisch hingegen der durchgehende Gebrauch der 'Elberfelder Bibelausgabe', ja gelegentlich sogar der 'Einheitsübersetzung' für Quellenbelege - sie verdecken in einer Zeit und einem Kulturraum, deren Wissens- und Werthorizonte, ja deren Sprachgebrauch bekanntlich maßgeblich von der Lutherbibel geprägt waren, die Zusammenhänge eher als daß sie sie aufdecken würden. Auf einen erschließenden Index wurde leider verzichtet.

Erschienen am 02.04.2012

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