Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Rita Garstenauer / Erich Landsteiner / Ernst Langthaler (Hg.)

Land-Arbeit. Arbeitsbeziehungen in ländlichen Gesellschaften Europas (17. bis 20. Jahrhundert)

(Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes 5/2008), Innsbruck 2010, Studienverlag, 287 Seiten

Rezensiert von Helmut Rankl (München)      PDF-Datei


Mit der Frage: "Bedingen die spezifischen Merkmale eines Agrarsystems die Formen und sozialen Beziehungen der Produktion?", möchten die Herausgeber den Gegenstand des vorliegenden Bandes "am einfachsten beschreiben" (Einleitung, S.7). Diese allgemeine und unverbindliche Formulierung ermöglicht die große thematische Breite der zehn Aufsätze und im Forum des Bandes anschließenden fünf Beiträge, welche in ganz unterschiedlicher Intensität Aussagen über "Arbeitsbeziehungen in ländlichen Gesellschaften Europas" machen. Die Fallstudien erfassen eine große Vielfalt von europäischen Agrarsystemen, nämlich "Küsten- und Kontinentallagen, Flach-, Hügelland- und Gebirgsgebiete, subtropische, gemäßigte, subpolare und polare Klimazonen, zentrale und periphere Regionen, agrarische und proto-industrielle Kontexte" (Abb. 1, S.14). Der zeitliche Rahmen reicht vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart.
Hermann Zeitlhofer (Wien) zeigt die Bedeutung von Flachsbau und -verarbeitung im Agrarsystem des Böhmerwaldes vom 17. bis ins 19. Jahrhundert auf. Jovica Lukovic (Frankfurt/M.) behandelt die Habsburger Akkulturationspolitik im Banat (1718-1778), welche mit der traditionellen Wirtschaftsform in Konflikt geriet. Frank Konersmann (Bielefeld) untersucht den wechselnden Arbeitskräftebedarf von Großbauern/Bauernkaufleuten in einem klassischen Realteilungsgebiet im Südwesten Deutschlands im 18./19. Jahrhundert. Mit der Argumentation zur Erlangung von Ehedispensen mit blutsverwandten Ehekandidat(inn)en in Bergdörfern Tirols und Vorarlbergs im 19. Jahrhundert setzt sich Margareth Lanzinger (Wien) auseinander. Die Ergebnisse einer umfassenden Untersuchung des Agrarsystems im katalanischen Landkreis Valles um 1860 präsentieren Ramon Garrabou/Enric Tello/Xavier Cusso (Barcelona). Im Beitrag von Herdis Kolle (Bergen) werden die Auswirkungen der protoindustriellen und industriellen Textilproduktion auf die Strukturen der bäuerlichen Haushalte und Gemeinden einer Moskauer Textilregion nach der Bauernbefreiung untersucht. Ottar Brox (Oslo) wendet sich den nordnorwegischen Fischerbauern zu, die in der Kombination von Kleinlandwirtschaft und Fischerei bis zum Boom der Erdölwirtschaft ein Auskommen fanden (1930-1970). Gertraud Seiser (Wien) legt eine ethnographische Beschreibung der Kooperation zwischen Bauernhöfen und Kleinlandwirtschaften beim Getreideschnitt und der daraus resultierenden Austauschbeziehungen im Unteren Mühlviertel vor (1920-1980). Die Unterschiede in der außerlandwirtschaftlichen Verwendung von Familienarbeitskräften im Salzburger Gebirgsgebiet und südburgenländischen Hügelland Anfang der 1970er Jahre zeigt der Beitrag von Rita Garstenauer (St. Pölten) auf. Mit den Auswirkungen des Tourismus auf die Lebens- und Arbeitsverhältnisse auf Tiroler Bauernhöfen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts befasst sich der Beitrag von Wolfgang Meixner/Elisabeth Rieder/Markus Schermer (Innsbruck). Die Aufsätze des vorliegenden Bandes, welche größtenteils aus dem Workshop "Agrosystems and Labour Relations in European Rural Societies" hervorgegangen sind, eignen sich vorzüglich zur Demonstration der Vielfalt in den sozialen Organisationen und Produktionsverhältnissen der europäischen Landwirtschaft.
Im Forum des Bandes stellt zunächst Elisabeth Schaschl die Ergebnisse ihre sozial-ökologischen Masterarbeit (Arbeitsjahr in unterschiedlichen Agrarsystemen Österreichs im 19. Jahrhundert) vor. Die anschließenden Beiträge von Stefan Eminger (Distinktionskämpfe im österreichischen Gewerbe 1918-1938), Rita Garstenauer (Landflucht und Abwanderung aus der Landarbeit in den 1920er-1960er Jahren) und Ernst Langthaler (Konstruktion von "Bäuerlichkeit" mit Bezug auf das Reichserbhofgesetz von 1933) entstammen einem Panel des Kulturgeschichtstages 2007 in Linz.
Die Herausgeber führen in ihrer Einleitung alle wichtigen Agrarsystem-Konzepte vor, informieren über die divergierenden Antworten der Vertreter/-innen der Anthropologie, Ökonomie, Ökologie, Geographie, Soziologie und Geschichte auf die eingangs zitierte Frage und versuchen mit ihrer eigenen Antwort eine Brücke zwischen den gegensätzlichen Positionen zu schlagen.

Erschienen am 18.02.2011

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