Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Dirk Götschmann

Wirtschaftsgeschichte Bayerns. 19. und 20. Jahrhundert

Regensburg 2010, Pustet, 669 Seiten, zahlr. Abbildungen

Rezensiert von Cornelia Meyer-Stoll (München)      PDF-Datei


Götschmann möchte mit seinem Handbuch die Studierenden der Geschichtswissenschaften, insbesondere der bayerischen Landesgeschichte, anregen, sich mit der bayerischen Wirtschaftsgeschichte der letzten beiden Jahrhunderte zu befassen. Sein Anliegen ist vor allem darzulegen, daß Bayern nicht, wie die CSU gern behauptete, noch bis in die 1950er Jahre ein Agrarstaat und rückständiger Wirtschaftsraum gewesen sei. Anders als Götschmann schreibt (S. 12f.), leistete Karl Bosl dieser Interpretation keinen Vorschub, als er von der "geminderten Industrialisierung" Bayerns sprach (in: Aufbruch ins Industriezeitalter, 1985, Bd. 1, 22-39). Bosls Anliegen war ein anderes. Er grenzte den "evolutionären Prozeß" der Industrialisierung Deutschlands, insbesondere Bayerns, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von der revolutionären Frühindustrialisierung Englands in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ab.
Dem Industrialisierungs- und Modernisierungsprozeß in Bayern im 19./20. Jahrhundert widmet Götschmann dann auch seine Darstellung. Er veranschaulicht, daß diese Entwicklung seit Beginn des 19. Jahrhunderts ein langwieriger und komplexer Prozeß war und ist, bei dem der Handlungsspielraum der Landespolitik zuerst mit der Reichsgründung 1871, dann vor allem während des Dritten Reichs, aber auch durch die gesamtdeutschen Rahmenbedingungen nach 1945 und später durch die an die EG/EU abgetretenen Kompetenzen immer mehr eingeengt wurde.
Das verständlich und flüssig geschriebene Werk ist in sechs Kapitel gegliedert: I. Grundlagen und Voraussetzungen der Industrialisierung um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert (S. 16-75), II. Bayern auf dem Weg zum Industriestaat (S. 76-147), III. Gesellschaft und Wirtschaft im Wandel (1840-1914) (S. 148-272), IV. Zwischenkriegszeit und Zweiter Weltkrieg (S. 273-392), V. Die Nachkriegszeit (1945-1970/75) (S. 393-603) und VI. Bayern auf dem Weg ins 21. Jahrhundert (S. 604-626). Ein Rückblick auf zwei Jahrhunderte bayerischer Wirtschaftspolitik (S. 627-632) sowie ein Anhang mit ausführlichen Registern und Verzeichnissen schließen den Band ab.
Der Fließtext wird von insgesamt 49 "Themenkästen" im Umfang von ein bis drei Seiten durchbrochen, in denen bereits Thematisiertes anschaulich bebildert, ergänzt und fortgeführt wird: zum Beispiel über das Münchener Ausstellungs- und Messewesen bis zum Zweiten Weltkrieg (S. 45f.), über die kommunale Stromversorgung in Regensburg (S. 142-144), den genialen Erfinder und erfolgreichen Unternehmer Carl von Linde (S. 200-202), Bayerns Sprung ins Atomzeitalter (S. 481-483) oder über den Altersaufbau der Bevölkerung von 1880-1971 (S. 493).
Der Titel des Buches ist unglücklich gewählt. Er weckt Erwartungen an eine Wirtschaftsgeschichte im umfassenden Sinne, die die Entwicklung der Staats- und Privatwirtschaft (Landwirtschaft, Handel, Gewerbe und Industrie) gleichermaßen und gemäß ihrer jeweiligen Bedeutung innerhalb Bayerns über die thematisierten Jahrhunderte hinweg schildert. Dies aber bietet Götschmann nicht. Ihn interessiert vor allem die Industrialisierung und Modernisierung. So spiegelt sich in seinem Werk nicht das Gewicht wider, das die Landwirtschaft in Bayern hatte. Daß Staat, Regierung und Landtage bis zum beginnenden 20. Jahrhundert an einer forcierten Industrialisierung Bayerns kein Interesse hatten und daher die Förderung der Landwirtschaft Vorrang hatte, wird nirgends deutlich (vgl. S. 43, 235f., 352ff.). Einen Absatz (S. 231-247) und einen Themenkasten (S. 233f.) über die Landwirtschaft fügt Götschmann erst zum Ende seiner Darstellung zum 19. Jahrhundert ein, als die ausländische Konkurrenz einen Modernisierungsdruck erzeugte. Das breit eingestreute statistische Material ist meistens informativ, aber es fehlen vielfach vergleichende Relationen zu anderen deutschen Ländern. Auch fehlen zu Beginn generelle Ausführungen über die wirtschaftspolitischen Grundauffassungen (Merkantilismus, Liberalismus). Der Absatz Wirtschaftspolitik (S. 100-104) bietet vornehmlich einen institutionellen Abriß der Geschichte des Handelsministeriums.
Für die nächste Auflage würde man sich wünschen, daß sachliche Irrtümer - zum Beispiel der eigenständige Konzern Gutehoffnungshütte habe wie die Maxhütte zum Flick-Konzern gehört (S. 290) oder die Linde AG habe "Sauerstoff" (S. 201) statt flüssigen Sauerstoff erzeugt - sowie die vielen formalen Fehler - Zahlendifferenzen in Text und Tabellen (S. 87 zu S. 90 u. 92; S. 98f. zu S. 99; S. 319f.) - ausgemerzt, insbesondere aber die Literaturnachweise in den Anmerkungen und in den Verzeichnissen (S. 664-667) gründlich überarbeitet werden.

Erschienen am 01.03.2012

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