Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Martin Hille

Providentia Dei, Reich und Kirche. Weltbild und Stimmungsprofil altgläubiger Chronisten 1517-1618

(Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 81), Göttingen 2010, Vandenhoeck & Ruprecht, 672 Seiten

Rezensiert von Stefan Benz (Bayreuth)      PDF-Datei


Die Frage nach dem Erleben und Erinnern der Umwälzungen ab 1517 motivierte die vorliegende Untersuchung. Martin Hille geht davon aus, dass das frühneuzeitliche Weltbild auf dem Vorsehungsglauben basiere. Dieses, unterbewusst verankert, untersucht er anhand von Äußerungen zur Situation der Zeit. Damit entdeckt er die Geschichtsschreibung als individuelle Leistung neu, indem er die nur zu berechtigte Frage aufwirft, wie sich die Weltsicht für diejenigen änderte, die die Reformation Martin Luthers und anderer als fremde Kontingenz in ihrer Welt verarbeiten mussten: Wohl erstmals wird das Geschichtsbewusstsein der sogenannten Altgläubigen im 16. Jahrhundert analysiert. Leitbegriff von Hilles Untersuchung ist also die Providenz, die von den Veränderungen des 16. Jahrhunderts nicht unbeeindruckt geblieben sein kann. Damit ist die Untersuchung thematisch in der Schnittmenge zum religiösen Bewusstsein angesiedelt, das sonst bestenfalls in den Blick der Volkskunde gerät. Tatsächlich konkurrieren Geschichte und Glaube um die Aufgabe der Sinnbildung für die menschliche Existenz.
Der interdisziplinäre Ansatz zeigt sich zugleich in der Quellenbasis. In einem guten Drittel der Arbeit würdigt der Autor die Verfasser volkssprachiger Chroniken der Zeitgeschichte, meist später gedruckte Arbeiten, einiger Kalender, aber auch theologischer Kontroversschriften. Das Jahrhundert von 1517 bis 1618 wird außerdem in drei Generationen unter Berücksichtigung der pragmatisch aufgefassten Textgattungen und ferner in geographische Großregionen geteilt - ohne Berücksichtigung der Niederlande, aber unter starker Würdigung Schweizer Chronisten. Auf diese Weise werden differenzierte Ergebnisse erzielt, doch die Abhängigkeit der Aussagen von einigen besonders schreibfreudigen Autoren steigt an. Da die Ergebnisse an den historischen Wahrnehmungsraum der Chronisten zurückgebunden werden, zum Beispiel an die Türkenkriege oder die Verfassungsentwicklung des Reichs, bleiben die Aussagen überprüfbar. Dabei gelingt es fast immer (vgl. S. 321, 465-467), die referierte Historiographie als Deskription des historischen Erfahrungshorizonts, dessen theoretische Deutung und die modern betrachtete Geschichte als gegenwärtige Einschätzung mit der nur aktuell prädizierten Geschichtstheorie der Vorsehung dem Leser unterscheidbar und gleichwertig darzustellen.
Die Arbeit weist unter anderem nach, dass die Altgläubigen stark unter dem Eindruck der Veränderung standen und schrieben. Das heißt, dass die Erfahrung von historischem Wandel als Folge von Kontingenz dem Menschen recht universell zugänglich ist und nicht erst mit der so definierten Moderne auftritt. Damit schließt die Untersuchung direkt an die Forschungen von Hans-Werner Goetz zum Mittelalter an und trägt zur Revision allzu schablonenhafter Begriffs- und Ideengeschichten moderner Theoretiker bei.
Vor dem Hintergrund einer sich verändernden Medienlandschaft macht Hille ferner eine deutliche Regionalisierung der Geschichten aus. Kaiser und Reich gerieten zunehmend in den Hintergrund: Karl V. ist der letzte von den Zeitgenossen ausführlich gewürdigte Herrscher. Die mit seiner Person verbundene Hoffnung löste sich auf und mit ihm der Kaisermythos - jedenfalls bei den Altgläubigen. Mit der Verfestigung der Kirchenspaltung, ja der teilweisen Akzeptanz der Evangelischen in Frontstellung gegen den Calvinismus, geht die erwartete eschatologische Interpretation der Gegenwartsgeschichte gegen Ende des 16. Jahrhunderts weiter zurück; sonderlich ausgeprägt war die Sinngebung qua Historia sacra allerdings nie. Schon Hegel hatte bemerkt, der Glaube an die Vorsehung sei inhaltlich leer. Die von den Zeitgenossen der Kirchenspaltung erlebte Offenheit profanen Geschehens, die Krise der Providenz, führte vielmehr zu einer verstärkten Zeitwahrnehmung; knapp könnte man sagen: Gott tritt (weiter) aus der Geschichte zurück, und ein Bezug zur Bibel wird in der Historiographie anders als bei den Protestanten kaum gesucht. Auch die Textgattungen - Theologie und Historiographie - entflechten sich dementsprechend. Dabei wird der Konflikt dieser Erfahrung von verlorener Ordnung mit dem normativen Statikgebot (Winfried Schulze) deutlich: Die Menschen erlebten ihre Zeit als krisenhaft - freilich griffen sie genau deswegen zur Feder.
Die beginnende katholische Reform trägt um 1600 kaum zu einer Aufhellung des Stimmungsbilds bei, zumal das Papsttum weiterhin für deutsche Katholiken keinen Anker historischer Identifikation darstellt: Es gibt bis ins 17. Jahrhundert praktisch keine Papstgeschichte aus deutscher Feder. Dem Rezensenten fällt auf, dass die Altgläubigen anscheinend kein Interesse an der realen Auseinanderentwicklung der Protestanten zeigen, nicht zuletzt im mitteldeutschen Kernraum der Reformation. Dafür tauchten eher Ansätze einer globalen Sicht der Kirche auf, deren Ewigkeit (permansio) allem Pessimismus zum Trotz einen Grundkonsens der Altgläubigen bildete.
Angesichts dieser Ergebnisse wird die weitere Forschung zu fragen haben, ob der hier ansatzweise erkennbare Geschichtsverdruss im 17. Jahrhundert in eine "Kultur der Niederlage" überführt wurde oder ob die klassischen Angebote religiös-volkstümlicher Sinnbildung und Welterklärung verstärkt an Boden gewannen. Das Aufblühen des Wallfahrtswesens vollends nach dem Dreißigjährigen Krieg scheint auf letzteres zu deuten.
Trotz des beeindruckenden Umfangs der Arbeit sind kaum Versehen zu entdecken. Die Chronik des Klosters Ribnitz (so!) in Mecklenburg wird man nach der vollständigen Ausgabe von 1909 benutzen, doch taucht sie unter ihrem Verfasser Lambert Slaggert zumindest in deutschen Bibliothekskatalogen nicht auf. Hier entfällt auch der Schreibanlass: Ein irgendwie geartetes Klosterjubiläum wurde 1523 dort nicht gefeiert (S. 83), und Slaggert gilt als eher unbedeutender Fortsetzer einer älteren Arbeit; eine Kontamination vermutlich erklärt S. 256 die sonst unbekannte Mechthild von Bingen, und S. 327 ist der Verfasser der Augsburger Stadtchronik - wie sonst auch beachtet - nicht Marcus Welser, sondern der lutherische Pirmin Gasser.
Forschungsgeschichtlich kann die Studie als Komplement zu Matthias Pohligs Monographie von 2007 angesehen werden, die die Identitätsbildung der Lutherischen qua Historie untersucht. Fortgesetzt gewissermaßen wird sie in der Untersuchung zum Historismus der Jesuiten, zu den Bollandisten im 17. Jahrhundert, die Jan Marco Sawilla 2009 vorlegte. Beide Arbeiten nehmen indes eher die intellektuellen Eliten in den Blick, nicht den schreibenden Stadtbürger oder den volkssprachlich sich artikulierenden Geistlichen, was den Pioniercharakter von Hilles Arbeit unterstreicht. Ein Orts- und Personenregister über 18 Seiten erschließt die Passauer Habilitation der personen- und landesgeschichtlichen Forschung.

Erschienen am 25.11.2010

[KBL-Startseite] [ZBLG-ONLINE] [Impressum]