Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Martin Scheutz / Andrea Sommerlechner / Herwig Weigl (Hg.)

Quellen zur europäischen Spitalgeschichte in Mittelalter und Früher Neuzeit. Sources for the History of Hospitals in Medieval and Early Modern Europe

(Quelleneditionen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 5), Wien/München 2010, Böhlau/Oldenbourg, 684 Seiten

Rezensiert von Rudolf Neumaier (Töging am Inn)      PDF-Datei


Nach einem Aufsatzband über die Entwicklung des europäischen Spitalwesens ediert das Österreichische Institut für Geschichtsforschung nun Quellen zum nämlichen Themengebiet. Das Inhaltsverzeichnis kündigt 18 sehr unterschiedliche Beiträge an: Sind die einen auf eine ganze Epoche ausgerichtet, sollen andere einen kurzen Zeitabschnitt wie das Ende des 18. Jahrhunderts abbilden. Und stehen Beiträge wie die der englischen Spitalforscher Sethina Watson ("The Sources for English Hospitals 1100 to 1400") und Ian W. Archer ("Sources fort he Early Modern English Almhouse") für ganz England, so behandeln andere lediglich Landstriche, einzelne Einrichtungen oder gar nur Teile von diesen wie die Badstube des Spitals von Breslau (Marek Slon und Urszula Sowina).
Die vier Herausgeber waren sich der Schwierigkeit ihrer Unternehmung bewusst. Schließlich sprechen sie in der ausführlichen Einleitung, die auch ins Englische übersetzt ist - was wiederum auf die für dieses Projekt beanspruchte internationale Relevanz hinweist -, von einem Versuch, bei dem lediglich "die Machbarkeit einer ,Quellenkunde' des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Spitals in Europa zur Diskussion" gestellt werde. Dafür, dass es sich um eine Art prototypische Machbarkeitsstudie handelt, haben sie reichlich investiert: Das Buch umfasst stattliche 684 Seiten. Indem auch "Raritäten in der Form und im Inhalt aufgrund ihrer ,Originalität' aufgenommen" wurden, sollte "die Heterogenität des Ganzen" aufgezeigt werden. Daneben weist das Herausgeberteam von sich aus auf das Fehlen von Kernregionen wie Frankreich und dem neuzeitlichen Italien hin. Stattdessen hat es im Gegensatz zum Vorgängerband Quellen aus Polen und Livland neu im Angebot.
Das chronologische Quellenverzeichnis listet 203 edierte Quellen auf. Die früheste berichtet von der Heilung eines blinden Mannes Mitte des 9. Jahrhunderts im Spital der belgischen Abtei Saint-Hubert und die jüngste stammt aus dem Jahr 1797: Es handelt sich um einen mit umfangreicher Mängelliste versehenen Visitationsbericht über das Hospital im hessischen Hofheim. Die aus den mehr als tausend Jahren dazwischen transkribierten Schriften sind disparat. Hier seien nur einige Beispiele aufgeführt: In der Abhandlung "Health and Welfare Institutions in Renaissance Italy: Selected Sources from the Veneto" von Francesco Bianchi wird eine Quelle vorgestellt, in der das Generalkapitel der Bruderschaft von San Marcello in Vicenza zwei neue Mitglieder aufnimmt, während Dorothee Rippmann und Katharina Simon-Muscheid in ihrem - gleichwohl interessanten - Beitrag über das Basler Spital unter anderem dessen Ausgaben für den Weinbau en detail auflisten. Daneben finden sich eine Anordnung von Papst Clemens V. an alle Prälaten und Kleriker, die Almosensammler der Antoniter zu unterstützen, eine Kostenauflistung des Spitalpriors von Breslau über den Ausbau der Badstube, eine Abrechnung des Spitalmeisters im schweizerischen Aarau, ein Speiseplan von Siechenpfründnern in St. Gallen, die Bittschrift eines Vaters zur Wiederaufnahme seiner wegen vermeintlicher Schwangerschaft aus einer Pfründe entlassenen Tochter in das Spital von Merxhausen (Hessen) und die Grabinschrift einer Hebamme in Sopron (Ungarn). Wenn mit diesem Projekt allein demonstriert werden soll, wie mannigfaltig Quellen aus Spitälern oder ihrem Umfeld sein können, so ist es von Erfolg gekrönt.
Nachzulesen sind gleich mehrere Spitalstatuten aus dem Mittelalter. Vermutlich wäre es bei einer solchen Quellenedition im Hinblick auf den Nutzwert sinnvoller gewesen, sich überhaupt nur auf bestimmte Quellengattungen zu beschränken, etwa auf instruktive Texte wie Haus- und Spitalordnungen oder auf Stiftungs- und Schenkungsurkunden. Damit könnte man regionale Vergleiche anstrengen und Entwicklungslinien herausarbeiten.
Die Lektüre der meisten Beiträge ist dennoch lohnend, ja für Historiker, die sich auf diesem Gebiet bewegen, sogar unabdingbar. Vor allem die Herausgeber selbst, alle vier ausgewiesene Spitalexperten, bilden in ihren eigenen Kommentaren und Ausführungen zu den von ihnen edierten Quellen die aktuelle Forschungsdiskussion ab und treiben sie mit wertvollen Überlegungen und neuen eigenen Erkenntnissen voran. Leider folgten diesem Beispiel nicht alle Autoren. Als mustergültig hervorzuheben sind Andrea Sommerlechners Beitrag über oberitalienische Spitäler vom 11. bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts, die Ausführungen von Martin Scheutz und Alfred Stefan Weiß über "Die Spitalordnung für die österreichischen Hofspitäler im 16. Jahrhundert" sowie die quellenbezogenen Bemerkungen über die mittelalterliche Spitalgeschichte im Südosten des deutschen Sprachraums von Herwig Weigl und Thomas Just.
Über altbayerische und fränkische Spitalquellen ist leider wenig zu erfahren. Weigl und Just versahen ihren Beitrag zwar mit dem Titel "Quellen zur mittelalterlichen Spitalgeschichte aus dem bayerisch-österreichischen Raum", allein sie beschränken sich "aus rein pragmatischen Gründen" nahezu ausschließlich auf Quellen ober- und niederösterreichischer Einrichtungen. Dabei wäre von den historisch bedeutenden bayerischen Einrichtungen durchaus qualitativ und quantitativ herausragendes Quellenmaterial überliefert. Man denke nur an die Heilig-Geist-Spitäler von München und Nürnberg sowie an das Regensburger St. Katharinenspital, dessen Archiv sich heute als eine wahre Schatzkammer für Spitalforscher darstellt und das jüngst die tausendste Urkunde aus seinem Bestand digitalisiert auf der Internet-Plattform monasterium.net publizierte.
Vor diesem Hintergrund dürfen bayerische Sozialhistoriker mit großer Erwartung dem Ende eines Projektes entgegensehen, bei dem unter der Leitung des früheren Direktors des Bayerischen Hauptstaatsarchivs, Joachim Wild, ein Überblick über die Quellen sämtlicher bayerischer und fränkischer Spitäler erarbeitet wird. Dem Vernehmen nach werden zunächst alle Daten erfasst und dann in einer Art Repertorium bayerischer Spitalgeschichtsquellen veröffentlicht. Damit wären sie auf sinnvolle Weise zugänglich gemacht.

Erschienen am 18.04.2011

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