Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Reinhard H. Seitz

Das Fürstliche Renaissanceschloß zu Höchstädt a.d. Donau - seine Baugeschichte und seine (ost)europäischen Bezüge

Weißenhorn 2009, Konrad, 300, 12* Seiten, 102 Abbildungen

Rezensiert von Wilfried Sponsel (Nördlingen)      PDF-Datei


Der Autor gibt in einer Schlussbetrachtung eine das ganze Buch erhellende kurze Zusammenfassung: "Einen weiten Weg durch nicht ganz 1000 Jahre Geschichte haben wir zurückgelegt. Im Objekt unserer Betrachtung spiegelt sich deutsche und europäische Geschichte wider: Nicht allein von den drei Schlachten bei Höchstädt (1081, 1703, 1704) her, sondern auch von den Bauleuten aus dem Misox, die unter ihrem Bauunternehmer Gilg Vältin/Julio Dino in wenigen Jahren ab 1589 die beachtliche Vierflügelanlage des Höchstädter Schlosses hingestellt haben, dann durch dessen Nutzung als Witwensitz der Pfalzgräfin Anna, einer geborenen Prinzessin von Jülich-Kleve-Berg; noch mehr aber von den Jahren 1944/45 her, als im Schloss die beiden vor- und frühgeschichtlichen Institute für den von den Deutschen besetzten Ostraum mit der Bergungsstätte für eine Vielzahl ukrainischer Museen sowie der Museen Minsk und Wilna/Vilnius angesiedelt waren."
Diesen weiten Bogen füllt Reinhard H. Seitz detailliert und faktenreich mit Inhalt. Nach einer kurzen Einführung in die Entstehungsgeschichte des Fürstentums Neuburg thematisiert er zuerst einmal die Heirat von Pfalzgraf Philipp Ludwig mit Anna von Jülich-Kleve-Berg im Jahr 1574. Das Heiratsgut von "Frewlein Anna" sollte dabei auf "Statt, Schloß vnnd Ambt Hochstett" versichert sein - ein für das weitere (Bau-) Schicksal von Schloss Höchstädt sehr wichtiger Passus. Denn die Konsequenz aus dem Heiratsvertrag von 1574 lautete: Neubau eines Schlosses zu Höchstädt ab 1589 oder, vorsichtiger formuliert, grundlegender Umbau der bis dahin hoch- und spätmittelalterlichen, 1270 erstmals ausdrücklich genannten Burg.
Die Frage nach dem "Architekten" bzw. dem Baumeister dieses Schlossneubaus war bisher keineswegs eindeutig geklärt. War es wirklich der in der Literatur genannte fürstliche Baumeister Sigmund Doctor? Akribische archivalische Recherchen können nun belegen: Lienhard Greineissen, fürstlicher Baumeister zu Burglengenfeld zeichnete für Planung und die ersten Jahre des Neubaus verantwortlich. Er wurde, wohl ab 1593, abgelöst von Sigmund Doctor zu Neuburg.
Die bauausführenden Maurer waren "welsche Maurer", genauer: Mitarbeiter des aus Roveredo (Graubünden) stammenden Bauunternehmers Gilg Vältin und dessen Kompagnon Hans Riegeisen, die sich spätestens 1587 zu einer "Firma" zusammengeschlossen hatten. Am 26. Juli 1591 ist "Maister Gilg, welscher Maurermeister", erstmals als Verantwortlicher für den Neubau des Schlosses Höchstädt greifbar. 1592/93 waren die Rohbauarbeiten abgeschlossen, im Sommer 1594 waren die beiden Meister Gilg Vältin und Hans Riegeisen schon wieder anderweitig beschäftigt.
Auch die Frage des Bezugs des neuen Schlosses seitens der fürstlichen Familie war bisher keineswegs eindeutig geklärt. Hier konnte das Studium der Rechnungen des Probstamtes Kloster Medingens zumindest den Zeitraum eingrenzen, so dass die ersten Aufenthalte bzw. der Bezug des Schlosses durch die fürstliche Familie 1601/02 erfolgt sein dürften.
Schloss Höchstädt war - außer als Jagdschloss - als Witwensitz und nicht als ständige Residenz für die fürstliche Familie und deren Hofpersonal geplant. Mit dem Tod von Pfalzgraf Philipp Ludwig am 12. August 1614 trat dieser Fall ein: Schloss Höchstädt wurde als Witwensitz der Pfalzgräfin Anna kurzfristig zur Residenz (1615-1632). Nach ihrem Tod stand das Schloss gut 180 Jahre lang leer, denn die landesherrlichen Behörden in Höchstädt wie Landvogtei und Kastenamt hatten eigene Neubauten erhalten.
Behördensitz wurde Schloss Höchstädt dann aber im 19. Jahrhundert, als die Amtsräume des Landgerichts (ehemals Landvogtamt) und des Rentamts (ehemals Kastenamt) - vermutlich 1811/12 - in das Schloss verlegt wurden. Letzteres bestand bis 1928, dann wurde es unter Zuteilung zum Finanzamt Dillingen aufgehoben.
Ein nicht alltägliches Schicksal widerfuhr dem Schloss in der Zeit des Nationalsozialismus. 1933 zogen Freiwilliger Arbeitsdienst und Reichsarbeitsdienst ein, in den Jahren 1943 bis 1946 diente es als Bergungsort für Archivalienbestände der bayerischen Staatsarchive Neuburg und Speyer sowie des Bayerischen Hauptstaatsarchivs. Mehr als eine Episode war die Funktion des Schlosses als Sitz des "Landesinstituts für Vor- und Frühgeschichte beim Reichskommissar für die Ukraine" und des "Instituts für nordisch-germanische Frühgeschichte des Ostraums im Reichsostministerium" und als Bergungsstätte vor- und frühgeschichtlicher Funde und volkskundlicher Sammlungen aus den ukrainischen Museen sowie der Historischen Museen von Minsk und Wilna in den Jahren 1944 bis 1945.
Dem Autor, den mit diesen Sammlungen noch persönliche Erinnerungen verbinden, ist dieses Kapitel eine Herzensangelegenheit. Wichtig ist ihm deshalb auch die Diskussion der Frage nach dem damaligen Auftrag von Schloss Höchstädt unter den Aspekten "Kulturgutraub" oder "Bestandssicherung"? Erhellend sind auch die Kurzbiografien ukrainischer und deutscher Mitarbeiter der beiden genannten Institute. 1945 erfolgte der Abtransport der Sammlungen durch die Amerikaner, die 1947 die Objekte an die Sowjetunion zurückgaben. Ob diese restituierten prähistorischen Funde und ethnografischen Sammlungen aus der Ukraine wieder in die ursprünglichen ukrainischen Museen zurückkehrten, ist freilich nicht geklärt. Zurückgegeben sind dagegen die Bestände des Museums Minsk.
Und die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg? 1946 bis 1967 war in Schloss Höchstädt ein Altersheim der Caritas untergebracht. Seitz spricht in Bezug auf das Jahr 1979 mit Recht von einem Neubeginn. In diesem Jahr wurde Schloss Höchstädt von der "Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen" übernommen. Nach weitgehender Umsetzung des damals erstellten Restaurierungs- und Nutzungskonzepts kann seit 2002 das Schloss als weithin beachteter Ausstellungsort genutzt werden.
Anhänge zu den Porträtsammlungen, zu Arbeitsverträgen (1595-1606) und zu Listen der Landrichter, Amtsrichter und Rentbeamten von Höchstädt ab 1803 runden das Werk ab. Weitere Anhänge befinden sich als separat gedruckte Beilage im hinteren Buchdeckel. Ein gut ausgearbeitetes und ausführliches Orts- und Personenregister beschließt das mit zahlreichen Fotografien angereicherte, sehr ansprechend gestaltete Buch.

Erschienen am 17.02.2011

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