Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Frank-Rutger Hausmann

Das Fach Mittellateinische Philologie an deutschen Universitäten von 1930 bis 1950

(Quellen und Untersuchungen zur Lateinischen Philologie des Mittelalters 16), Stuttgart 2010, Hiersemann, XII, 324 Seiten

Rezensiert von Tina B. Orth-Müller (München)      PDF-Datei


Die anzuzeigende Studie zur Fachgeschichte der Mittellateinischen Philologie ist eine erweiterte Fassung eines im Mittellateinischen Jahrbuch (44, 2009, S. 1-72 und 195-248) in zwei Teilen erschienenen Beitrags. Dabei konzentriert sich der Verfasser hauptsächlich auf die Zeit des Nationalsozialismus, die sich in der Rückschau als eine Ära des Übergangs darstellt zwischen den Anfängen des Fachs, die mit den Namen von bedeutenden Persönlichkeiten wie Ludwig Traube, Wilhelm Meyer aus Speyer, Paul von Winterfeld, Karl Strecker und Paul Lehmann verbunden sind, und der Zeit ab 1957, als sich die Mittellateinische Philologie als eigenständiges Fach an den Universitäten etablierte und eigene Mittellateinische Seminare und Lehrstühle eingerichtet wurden.
In einem ersten Abschnitt beschreibt der Verfasser die Ausgangslage des Fachs zu Beginn der dreißiger Jahre, in denen es an den Universitäten institutionell kaum vertreten war, obwohl Mittellatein seit 1931 fest in den Lehrplänen der Gymnasien verankert war. Daran änderte sich auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 nichts. Die Bemühungen Karl Langoschs, mit seiner Schrift "Mittellatein als Deutschkunde" als Vorkämpfer des Faches aufzutreten, scheiterten trotz einer sich dem NS-Regime mitunter anbiedernden Rhetorik. Der Lehrstuhl von Paul Lehmann in München war somit während der Zeit des Nationalsozialismus der einzige in Deutschland. Die Einrichtung eines weiteren mittellateinischen Lehrstuhls an der Universität Straßburg 1941, der mit Walter Stach besetzt wurde, ist im Zusammenhang mit dem Ausbau der Straßburger Universität als Konkurrenz zur Pariser Sorbonne zu sehen.
Der Hauptteil des Buches beschäftigt sich mit dem Fach im universitären Lehrbetrieb, das von München und später Straßburg abgesehen nur durch Lehraufträge (Berlin, Breslau, Frankfurt a. M., Göttingen, Hamburg, Heidelberg, Köln, u.a.) abgedeckt wurde. Die Darstellung liefert zudem einen Beitrag zu den Biographien von Karl Strecker, Karl Langosch, Norbert Fickermann (Eickermann), Joseph Klapper, Otto Schumann, Hans Walther, Walther Bulst, Hans Liebeschütz, Heinrich Meyer-Benfey, Goswin Frenken, Paul Lehmann, Bernhard Bischoff, Walter Stach und Karl Hauck. Dabei erfährt man mitunter auch wenig bekannte Details, etwa vom Tod des Kölners Goswin Frenken im KZ Flossenbürg oder von den Beziehungen Paul Lehmanns zur Forschungsgemeinschaft "Ahnenerbe" der SS, einer 1935 von Heinrich Himmler gegründeten "Schattenuniversität", in der der Rektor der Münchener Universität Walther Wüst das Amt eines Kurators innehatte.
Der Blick des Verfassers auf die Mittellateinische Philologie ist nicht ausschließlich personenbezogen. Der Leser erhält auch Einblick in fachliche Diskussionen und erfährt zum Beispiel von den Reaktionen der Zeitgenossen auf das Erscheinen des Werkes "Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter" des Romanisten Ernst Robert Curtius und auf die Aufführung von Carl Orffs szenischer Kantate "Carmina Burana", der ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Ein Exkurs handelt von den Anfängen des Mittellateinischen Wörterbuchs. Im Anhang bietet der bis dahin unpublizierte Briefwechsel Carl Orffs mit Karl Langosch einen lebendigen Einblick in den Alltag von Künstler und Wissenschaftler und zeigt die vergeblichen Versuche Langoschs, Orff zu einer Vertonung des "Ludus de Antichristo" zu bewegen.
Das Buch ist sehr sorgfältig recherchiert. Hausmann läßt sich bei seiner Fachgeschichte nicht auf Spekulationen ein, sondern stützt sich durchweg auf Fakten. Viele (meist unveröffentlichte) archivalische Quellen wie Briefe, Auszüge aus Personalakten oder Gutachten werden im laufenden Text oder in den Fußnoten zitiert. Sie sind im Quellen- und Literaturverzeichnis ebenso aufgeführt wie speziell mittellateinische und allgemeine Forschungsliteratur. Ein Namenregister sowie ein Register antiker und mittelalterlicher Autoren und Werke erschließen die instruktive Fachgeschichte.

Erschienen am 18.04.2011

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