Lindenberg i. Allgäu 2010, Fink, 344 Seiten
Rezensiert von Rainhard Riepertinger (Augsburg) PDF-Datei
Die vorliegende Aufsatzsammlung basiert auf den Vorträgen der im Februar 2010 abgehaltenen Historischen Woche der Katholischen Akademie in Bayern. Auf dieser Tagung waren ausgewählte Kontaktfelder zwischen Bayern und Italien diskutiert worden, auch um dem wachsenden Interesse zwischenstaatlicher Beziehungen und ihrer Entwicklungsgeschichte Rechnung zu tragen. Im Fokus standen politik- und rechtsgeschichtliche, kirchen- und kunstgeschichtliche, sozial- und wirtschaftsgeschichtliche sowie musik- und philosophiegeschichtliche Fragestellungen von der Römerzeit bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Thematisch korrespondierte die Tagung mit dem Konzept der Bayerischen Landesausstellung 2010 "Bayern-Italien", die 2010 vom Haus der Bayerischen Geschichte in Füssen und Augsburg veranstaltet wurde. Die Referenten haben sich aber auch Forschungsfeldern zugewandt, die im Rahmen der genannten Ausstellung nicht präsentiert wurden. Insofern stellt die Aufsatzsammlung eine gelungene Ergänzung des opulenten Ausstellungskatalogs "Bayern-Italien" dar. Leider ist es für die Drucklegung nicht gelungen, alle Aufsätze einheitlich mit einen Anmerkungsapparat auszustatten. So verfügen nur elf der insgesamt 15 Beiträge über wissenschaftliche Anmerkungen. Dies kann aber den positiven Eindruck des mit einem Personenregister ausgestatteten Bandes nicht entscheidend schmälern.
Im ersten Beitrag von Karlheinz Dietz "Italien und Bayern. Facetten einer Beziehung im ersten halben Jahrtausend n. Chr." werden die mit der römischen Eroberung im Jahr 15 v. Chr. verknüpften Entwicklungen geschildert. Eingegangen wird auf Erschließung, Ausbau, Verwaltung, Versorgung und schließlich auf das faktische Ende der römischen Herrschaft im Alpenvorland am Ende des 5. Jahrhunderts. Der Autor verweist auf die unterschiedlich ausgeprägte Romanisation im Alpenvorland, die geordnete Verwaltung und die Einwohnerstruktur aus romanisierten Kelten aus Italien und Gallien sowie aus weitgehend friedlichen Rätern und Vindelikern. Zu den nachhaltigsten römischen Importen zählt Dietz die römische Lebensart und die lateinische Sprache (S. 22). Administrativ umfasste der Begriff 'Italia' um 300 n. Chr. die Gebiete bis zur Donau und schloss damit auch heute bayerische Regionen ein. Die Anbindung an Italien blieb nach dem Ende Westroms bestehen, wobei Grabfunde wie jüngst in Unterhaching eine verstärkte ostgotische Präsenz in Bayern im 5./6. Jahrhundert andeuten. Die Genese des Stammes der Baiern geschah laut Dietz "im Dunkel der Geschichte, offenbar auf dem Boden einer polyethnischen und Fremdeinflüssen offenen Bevölkerung und gewiss unter Beteiligung militärischer Restverbände" (S. 29).
Jörg Jarnut geht in seinem Aufsatz "Das Herzogtum Bayern unter den Agilolfingern und seine Beziehungen zu den Langobarden (circa 550-774/788)" auf das bayerisch-langobardische Verhältnis und die Querverbindungen zu den Franken ein. Die Dichte der Beziehung zeigt sich unter anderem in den durch Heiratsallianzen gestalteten Bündnissen. Der Verfasser sieht ein sensibles Dreiecksverhältnis zwischen Franken, Langobarden und Bayern, das er durch Walderada und Theodolinde personalisiert. Insgesamt geht er von einer engen Kommunikation zwischen den einzelnen Machtblöcken aus, welche von Adelsverbänden getragen wurde, die unterschiedliche Bindungen eingingen. Eine überragende Rolle weist Jarnut dabei den Frauen zu.
Stephan Freund wendet sich in seinem Beitrag "Ein Bayer beim Papst zwischen Gebet und Politik. Herzog Theodo († ca. 718) und die Pläne einer bayerischen Kirchenorganisation" den Bezügen zwischen Papst Gregor II. und dem bayerischen Agilolfingerherzog Theodo vor dem Hintergrund kirchengeschichtlicher und machtpolitischer Weichenstellungen zu. Im Kontext des frühen 8. Jahrhunderts war Herzog Theodo für den Papst ein wichtiger Bündnispartner oder Vermittler im Hinblick auf die Bedrohung durch die Langobarden. Dies war neben Fragen der bayerischen Kirchenorganisation ein Gegenstand der Gespräche beim Besuch Herzog Theodos in Rom 715/716. Das Ergebnis war unter anderem die Entsendung päpstlicher Legaten, die auch eine Diözesanordnung in Bayern errichten sollten. Abschließend stellt Freund fest: "Herzog Theodo und die Agilolfinger, nicht Bonifatius und die Karolinger sind die Gründerväter der bayerischen Kirche!" (S. 66).
Die gegen den Papst gerichtete Italienpolitik Ludwigs des Bayern ist Thema des Beitrags "Imperiales Beben. Ludwig der Bayer, Italien und der Papst" von Michael Menzel. Die vom wittelsbachischen Kaiser inszenierte Erlangung der Kaiserkrone aus rein weltlicher Machtfülle und ohne päpstlichen Segen stuft der Verfasser als revolutionäres Beben ein. Den Hintergrund bildete die Einflussnahme des Papstes auf das reiche Oberitalien, die Ludwig der Bayer zurückdrängen wollte. Am Ende standen die Emanzipation des Reiches von der Kurie und ein neues Reichsbewusstsein. Der Papst wurde als substantielle Quelle des Kaisertums ausgeschaltet, die Königswahl im römisch-deutschen Reich durch die Fürsten wurde 1338 zementiert. Ein einziger Italienzug Ludwigs des Bayern hatte genügt, "um Oberitalien nicht den Päpsten zu überlassen und um das Reich insgesamt gegenüber der Kurie auf Distanz zu bringen" (S. 86).
Um die Rolle Münchens in geistiger Hinsicht zur Zeit Ludwigs des Bayern dreht sich der zweite Aufsatz von Michael Menzel mit dem Titel "Weltstadt mit Geist? Marsilius von Padua, Michael von Cesena, Bonagratia von Bergamo und Wilhelm von Ockham in München". Im 14. Jahrhundert hatte sich eine kleine Gelehrtenschar in München eingefunden, obwohl die Stadt in dieser Zeit nicht als Zentrum des Reiches galt. Einigendes Band zwischen Gelehrtenschar und Ludwig dem Bayern war die Gegnerschaft zum Papst. Ein Einfluss dieser bedeutenden Geistesgrößen auf die politischen Strategien Ludwigs ist laut der überzeugenden Argumentation des Autors nicht nachweisbar und allenfalls sehr bescheiden. Menzels Fazit lautet daher: "Weltstadt mit Geist, die Verschränkung von Macht und Intellekt in dieser Stadt, das ist eine Illusion" (S. 100).
Claudia Märtl skizziert in ihrem Aufsatz "Weltläufige Prälaten, wankelmütige Fürsten, wohlhabende Städte. Der Humanist Enea Silvio Piccolomini (Papst Pius II., 1405-1464) und Bayern" das weitläufige Kontaktnetz dieses "Apostels des Humanismus" (S. 103). Seine Begegnungen mit der deutschen Kultur waren vielschichtig und im Hinblick auf Bayern auch durch die fördernden Verbindungen zu den Bischöfen von Freising, Passau und Chiemsee geprägt. Erwähnenswert sind ferner die Beziehungen Piccolominis zu den bayerischen Herzögen Albrecht III. und Ludwig dem Reichen. Vor allem die Ablehnung der böhmischen Königskrone durch Albrecht III. unter Hinweis auf einen fehlenden Rechtstitel wird von Piccolomini gewürdigt. Während sich die Einschätzung Piccolominis gegenüber Albrecht dadurch positiv veränderte, revidierte er seine zunächst wohlwollende Meinung über Ludwig den Reichen nach dessen Zurückhaltung bei der Vorbereitung des Türkenkrieges. Insgesamt spielte das Land Bayern in den historisch-geografischen Schilderungen Piccolominis eine wichtige Rolle. So stellte er als erster die folgenreiche These von der keltischen Abstammung des Stammes der Baiern auf.
Mark Häberlein verweist in seinem Beitrag "Der Fondaco dei Tedeschi in Venedig und der Italienhandel oberdeutscher Kaufleute (ca. 1450-1650)" auf den nach wie vor lückenhaften Forschungsstand der oberdeutsch-venezianischen Handels- und Kulturbeziehungen, wobei Venedig auch nach dem Dreißigjährigen Krieg ein "Bezugspunkt des schwäbischen Fernhandels blieb" (S. 124). Häberlein konzentriert sich auf die Blütezeit des oberdeutsch-venezianischen Handels im 16. Jahrhundert und stellt exemplarisch drei schwäbische Kaufmannsfamilien vor: die Familien Fugger, Schorer und Hopfer. Sämtliche Handelstätigkeiten mussten seitens der deutschen Kaufleute im Fondaco dei Tedeschi ausgeführt werden, einem dafür bestimmten Gebäude mit Wohnungen und Warenlagern. Diese Verpflichtung spiegelt Zwang und Freiheit gleichermaßen wider. Häberlein zeigt auf, dass ungeachtet der Verschiebung der Handelsachsen nach Nordwesteuropa Venedig im langen 16. Jahrhundert seinen Rang als Handelszentrum bei den oberdeutschen Kaufleuten behaupten konnte und für manche Familien sogar zum Lebensmittelpunkt avancierte.
Im Aufsatz "Die Lauten- und Geigenmacher des Füssener Landes und ihre Werkstätten in Italien" zeigt Richard Bletschacher die europaweite Bedeutung Füssens für diesen Handwerkszweig auf. Der Autor vermutet, dass die aus dem arabischen Raum stammende Laute durch die staufischen Kaiser nach Füssen gelangte. Auch die belegten 38 Aufenthalte Kaiser Maximilians I. in Füssen und die damit einhergehenden Musikdarbietungen sollen die Vorrangstellung Füssens im Lautenbau befördert haben. Allerdings bleibt der Autor den historischen Nachweis für die beiden von ihm vermuteten Ursachenkomplexe schuldig. Als sicher gilt, dass der Holzreichtum der Region und hier besonders die zahlreichen Eiben Voraussetzung für den Lautenbau im Raum Füssen waren. Bletschacher stellt im Folgenden einige Lautenbauerfamilien und ihre Beziehungen nach Italien vor und geht auf die Entwicklung des Geigenbaus ein, der nach dem Ende der Blütezeit des Lautenbaus Mitte des 17. Jahrhunderts in Füssen einen neuen Mittelpunkt in Deutschland fand. Erst im 19. Jahrhundert verlor der Füssener Geigenbau wegen der italienischen Konkurrenz an Relevanz. Der Beitrag endet mit Hinweisen auf kulturpolitische Vorschläge Bletschachers, die er bei er Stadt Füssen vorgebracht hat. Letztere Ausführungen wirken im Rahmen dieses Tagungsbandes mehr als deplatziert. Dürftig ist auch der nur einen Titel umfassende Hinweis auf weiterführende Literatur, wodurch die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte völlig ausgeblendet wird.
Klaus Unterburger umreißt in "München als 'bayerisches Rom'? Die Kirchenpolitik der bayerischen Herrscher im Zeitalter von Reformation und Gegenreformation" Entstehung und Auswirkungen der bayerischen Allianz zwischen Rom und München. Er schildert die vom herzoglich-bayerischen Rat (nicht Kanzler, S. 157) Leonhard von Eck mitgeprägte richtungweisende Entscheidung Bayerns gegen Luther seit 1522 und die damit einhergehende Nähe zwischen Papsttum und bayerischen Herzögen. Eine gegen das Haus Habsburg gerichtete Rompolitik Bayerns war zunächst keine Option. Erst in den 1560er Jahren traten die bayerischen Hausinteressen und eine kompromisslos römisch-katholische Politik in den Vordergrund. Es kam "zu einer bislang nicht gekannten Interessenallianz zwischen Bayern und der römischen Kurie" (S. 160). Rom entschloss sich nun, die gegenreformatorischen Aktivitäten nicht mehr allein auf den Kaiser, sondern vor allem auf die katholisch gebliebenen Reichsfürsten zu stützen. Bayern galt hier als Musterterritorium und strahlte so vielfach über die eigenen Grenzen aus. Die enge Anbindung an Rom führte schließlich zu einer spezifisch süddeutschen kulturellen Prägung im Zeitalter des Barock.
Der große Kenner der Kunst des Barock, Frank Büttner, geht in seinem reich bebilderten Aufsatz "Der Einzug des italienischen Barock in Bayern" dem Import dieses Kunststils nach. Dabei besticht er nicht zuletzt durch einen fächerübergreifenden Ansatz und eine gut verständliche Sprache, die sich nicht nur an Kunsthistoriker wendet. Büttner teilt den Import des Barock in drei Etappen ein: die Zeit vor und nach 1600, die Regierungszeit von Ferdinand Maria 1651-1679 sowie die Zeit unter Max Emanuel bis 1726, die das Ende der italienischen Dominanz mit sich brachte. In der ersten Phase konnte sich der italienische Einfluss in der sakralen Kunst geltend machen. Die zeigt sich am Innenraum der Münchener Michaelskirche, die als Revolution bisher in Deutschland geltender Raumvorstellungen gilt. Die Michaelskirche wurde in der Verbindung von italienischen und regionalen Elementen das entscheidende Bauwerk für den Barock des 17. Jahrhunderts. Insgesamt betrachtet habe aber die frühbarocke Kunst Italiens in Bayern nicht Fuß fassen können (S. 183). Erst mit Henriette Adelaide und nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs kamen wieder neue italienische Impulse nach Bayern. Hier ist vor allem die Theatinerkirche in München zu nennen. Für die Durchsetzung des neuen Stils waren schon bald auch die kirchlichen Auftraggeber sowie die Netzwerke der Orden und von Künstlerfamilien wie den Carlone entscheidend. Neuer Leitbau des italienischen Barock in Bayern in der Verbindung von Stuck und Fresko wurde der Dom von Passau. Mehr und mehr wurde nun eine in Italien ausgebildete einheimische Künstlergeneration maßgeblich. Endgültig war der Barock mit den Bauten der Asam, Zimmermann und Fischer in Bayern angekommen. Konkrete italienische Vorbilder spielten fortan keine wesentliche Rolle mehr. Abschließend stellt Büttner fest: "Die komplexe Gemengelage von Einflüssen und eigenen Traditionen macht den spezifischen Charakter der bayerischen Kunst des Spätbarock und des Rokoko aus" (S. 206).
In "Bayerische Römer. Politisch, religiös und kulturell motivierte Annäherungen an die Ewige Stadt in der Neuzeit" stellt Alexander Koller bayerische Persönlichkeiten und ihre Romerfahrungen in der Zeit zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert vor. Die vom Autor angeführte Definition, wer zu welcher Zeit als Bayer galt, bleibt allerdings diffus. Denn die Eingrenzung auf Personen "deren bavaritas sowohl zeitgenössisch als auch aus heutiger Perspektive einwandfrei festgestellt werden kann" (S. 210), greift bei den ausgewählten Personen nicht immer. Koller betont die Bedeutung des geistlichen Roms und der römischen Aristokratie für das Herzogtum Bayern, dem wichtigsten Verbündeten der Päpste nördlich der Alpen. Zahlreiche Bischofsstühle wurden aufgrund dieser Romnähe mit Wittelsbachern besetzt. Bayern hielt engen diplomatischen Kontakt zu den Päpsten unter anderem über die römischen Familien Crivelli und Scarlatti, die als 'bavaresi' bezeichnet wurden. Diese betreuten zum Beispiel hoch stehende Romreisende aus Bayern wie Kurprinz Karl Albrecht im Jahr 1715. Auch auf dem Feld von Kunst und Wissenschaft waren der Weg nach Rom und die dortigen Eindrücke für viele unverzichtbar.
Wolfgang J. Weber schreibt über "Vernunft und Wissenschaft. Italienische Einflüsse aufklärerischen Denkens im Bayern des 18. Jahrhunderts." Vorausgeschickt wird, dass die Anfänge der Aufklärung in Bayern vor allem auf Italien zurückgehen. Dabei versteht er die Aufklärung als mittel- bis langfristigen Transformations- und Reformprozess. Als besonders wichtig für Bayern stuft Weber den italienischen Reformkatholizismus ein. Hohe kirchliche Würdenträger stützten dieses päpstliche Modernisierungs- und interkonfessionelle Versöhnungsprogramm. "Wo und wie die römisch-italienischen Reformimpulse in dem von uns beobachteten Raum noch aufgenommen wurden oder Parallelentwicklungen auftraten, ist derzeit erst ansatzweise zu übersehen" (S. 241). Von Bedeutung für die Aufklärung in Bayern war die 1759 erfolgte Gründung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die auch auf italienischen Vorbildern basierte. Doch nur ein Jahrzehnt später verblasste das italienische Vorbild zugunsten des nord- und nordwesteuropäischen Einflusses. Weber bezeichnet dies als epochalen Rückgang des italienischen Bezugs auf der Aufklärungsebene.
Einen Überblick über das Thema "Kronprinz Ludwig von Bayern in Rom" liefert Friedegund Freitag. Am Beispiel der zwei Romaufenthalte von 1804/05 und 1817/1818 wird aufgezeigt, welche Ideen und Anregungen auf Ludwig wirkten und wie er sie in Bayern realisierte. Die Kontakte mit der deutschen Künstlerkolonie in Rom waren prägend für Ludwig. Durch sie wurde er mit der zeitgenössischen Kunst vertraut. Aus dieser Begeisterung erwuchs schließlich seine Sammelleidenschaft. Ludwig wollte München bekanntermaßen zur Kunstmetropole machen - ein Vorsatz, den er durch neue Museumsbauten realisierte. Ohne die italienischen Eindrücke sind "seine spätere Kunst- und Baupolitik und sein mäzenatisches Wirken kaum denkbar" (S. 269).
"Neuordnung nach Säkularisation und Revolution. Die Konkordate von 1817 und 1924 im Vergleich" - das ist das Thema von Katharina Weigand. Nach mehr als zwei Jahrhunderten wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Neuordnung des Verhältnisses zwischen bayerischem Staat und katholischer Kirche notwendig. Vorausgegangen war eine schwere Belastung des Verhältnisses durch die Neuordnung Bayerns unter Montgelas. Vor allem das Religionsedikt des Jahres 1803 hatte für Unruhe gesorgt. 1817 wurde das eigenmächtig vom bayerischen Sondergesandten Haeffelin unterzeichnete Konkordat geschlossen. Bei der Kirchenorganisation war die Kurie dem Königreich Bayern weit entgegen gekommen, da die Diözesangrenzen nun mit den Landesgrenzen übereinstimmten. Andererseits beinhaltete das Vertragswerk Einschnitte in den Punkten Religionstoleranz und Parität. Das Religionsedikt von 1818 reagierte auf diese Passagen des Konkordats und bestätigte Toleranz und Parität. Dieser Widerspruch zwischen Konkordat und Edikt blieb in der Folgezeit bestehen; die staatliche Praxis orientierte sich allerdings am Religionsedikt. Eine weitere Neuordnung des Verhältnisses wurde nach der Revolution von 1918 notwendig, da einige Eckpfeiler aus dem Geflecht Staat und Kirche in Bayern herausgebrochen worden waren. Bestimmend wurden die Artikel der Weimarer Reichsverfassung und der Bayerischen Verfassung. Da aber Probleme wie die der Bischofsernennungen ungelöst blieben, strebte vor allem die Kirche ein neues Konkordat mit dem bayerischen Staat an. 1924 wurde das Konkordat unterzeichnet, in dem der bayerische Staat der Kirche (zum Beispiel bei den Bekenntnisschulen) weit entgegen gekommen war. Gleichzeitig stellte man in Bayern das Verhältnis mit den evangelisch-lutherischen und den protestantisch-evangelisch-christlichen Kirchen auf neue Grundlagen. Diese Reglung war nötig geworden, um die Ratifizierung des Konkordats im Landtag durchzusetzen. Für Weigand hat beim Konkordat von 1817 das Königreich Bayern mehr profitiert, wogegen 1924 eindeutig die Kirchen als Sieger hervorgegangen sind. Bayern hatte sich 1924 "wieder in einen stark christlich ausgerichteten Staat verwandelt" (S. 302). Im Hintergrund stand auf bayerischer Seite der Verlust an Eigenstaatlichkeit, die man mit diesen Mitteln einigermaßen bewahren wollte. "Bayerische Kirchenpolitik begegnet uns also als eines der letzten Refugien eigenstaatlicher Ambitionen" (S. 303).
Der letzte Beitrag von Jörg Zedler mit dem Titel "Vorbild oder Vorwand? Faschismus-Rezeption im Horizont der bayerischen Politik von 1922 bis 1934" geht der Frage nach, ob der faschistischen Machtergreifung in Italien für die bayerische Regierung eine Vorbildfunktion zukam. Feststellbar ist, dass der antidemokratische Grundzug des italienischen Faschismus von der bayerischen Bürokratie erkannt und durchaus begrüßt wurde. Der Ordnungsgedanke stand letztlich für die Münchener Bürokratie über der Rechtsstaatlichkeit (S. 314). Dies führte aber - so Zedler - nicht zur Zielvorgabe, ein gleichartiges Regime wie in Italien aufzubauen. Eine relevante politische Nähe war ohnehin nicht mit dieser Sympathisierung verknüpft, nicht zuletzt wegen unterschiedlicher Auffassungen in der Südtirol-Frage. In München befürchtete man zeitweise sogar eine italienische Expansion nach Nordtirol und Südbayern. Bayern demonstrierte in diesem Punkt seine außenpolitische Handlungsfähigkeit und Eigenstaatlichkeit; es positionierte sich als Schutzmacht der deutschsprachigen Südtiroler. Die bayerische Politik zwischen 1922 und 1934 wurde nicht primär von ideologischen Momenten bestimmt. Realpolitische und nationale Aspekte spielten ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Gefahren des italienischen Faschismus für Bayern auch hinsichtlich des Umgangs mit bayerischen rechtsextremen Gruppen wurden nicht erkannt. "In diesem Versäumnis liegt ein nicht unerhebliches Moment für den Niedergang der Demokratie in Deutschland vor 1933" (S. 327).
Die vorliegende Aufsatzsammlung bietet einen wertvollen Überblick über die bayerisch-italienischen Beziehungen der vergangenen zwei Jahrtausende. Angesichts der Vielfalt an möglichen Einzelthemen wurde eine überzeugende Auswahl getroffen, die der gewaltigen Bandbreite des Themas "Bayern-Italien" gerecht wird. Es wird deutlich, wie intensiv und weitverzweigt die bayerisch-italienischen Verbindungen waren und wie sie die bayerische Landes- und Kulturgeschichte prägend beeinflusst haben. Gewünscht hätte man sich einen Beitrag über die Ursachen der Umorientierung Bayerns im 19. Jahrhundert, das in dieser Zeit den Blick immer stärker nach Norden wandte, wodurch die Dominanz der italienischen Bezüge beendet wurde. Vermisst wird auch ein Beitrag über die alltags- und wirtschaftsgeschichtlichen Einflüsse in den 1950er und 1960er Jahren durch Tourismus und Industriegastarbeiter. Doch insgesamt betrachtet liegt in der Aufsatzsammlung "Bayern und Italien" ein äußerst lesenswertes Buch vor, das nur weiter empfohlen werden kann.
Erschienen am 17.02.2011
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