Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Wolfgang Wüst / Peter Fassl / Rainhard Riepertinger (Hg.)

Schwaben und Italien. Zwei europäische Kulturlandschaften zwischen Antike und Moderne. Aufsätze zur Bayerischen Landesausstellung 2010 "Bayern-Italien" in Füssen und Augsburg

(Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 102), Augsburg 2010, Wißner, 445 Seiten

Rezensiert von Helmut Flachenecker (Würzburg)      PDF-Datei


Der kulturelle Austausch zweier Regionen, nördlich und südlich der Alpen gelegen, steht im Mittelpunkt der vorgelegten Aufsatzsammlung. Dabei offenbart sich zunächst ein Ungleichgewicht: Während Schwaben ein, wenn auch politisch zersplittertes, doch kulturell weitgehend homogenes Gebiet darstellt, zerfällt der Begriff 'Italien' in viele Einheiten. Lediglich für die Antike kann von einer festen politischen Verbindung der untersuchten Räume ausgegangen werden, wobei Augsburg (Wolfgang Kuhoff) und Kempten (Gerhard Weber) wichtige Vororte für militärische wie zivile Aufgaben in der römischen Provinz Raetien bildeten. Gerade in dieser Zeit kam es zu einem lebhaften politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Austausch. Für das Mittelalter wird die Sache allerdings schon problematischer: Obwohl das Bistum Augsburg zweifellos geographisch gesehen an einer Kontaktzone zum Süden liegt, reduziert sich der 'Italienblick' des Augsburger Bischofs Hermann (1096-1133) in weiten Teilen auf Rom und das Papsttum. Daneben zog er mit den salischen Herrschern nach Ober- und Mittelitalien; welche kulturellen Einblicke ein Bischof aus der Zeit um 1100 jedoch dabei mitnahm, berichten die Quellen nicht (Christof Paulus). Und auch im Hoch- und Spätmittelalter tut man sich bei der Umsetzung der an sich spannenden Fragestellung schwer. Weder im Falle der Reichsstadt Memmingen (Gisela Drossbach) noch beim Stift und der Reichsstadt Kempten (Franz-Rasso Böck) können tiefere Einblicke gewonnen werden, sieht man von allgemeinen Spuren künstlerischer Art (Renaissance) sowie kirchlicher Aspekte (Konzil von Trient) ab. Die Kontakte konzentrieren sich im Weinbau meist auf die Übergangszone des heutigen Südtirols und des Trentino, die im mittelalterlichen Sinne streng genommen noch nicht zu Italien gehörten. Weine aus dem Mittelmeerraum konnten nur von den ganz Vermögenden erworben werden und blieben Luxusware. Der Weinhandel zeigt aber ganz deutlich, dass auch im Mittelalter die Alpen eher eine durchlässige denn eine trennende Funktion besaßen (Andreas Otto Weber).
Greifbarer werden die kulturellen Beziehungen in den Reiseberichten italienischer Adeliger und Kirchenfürsten, die im 16. und 17. Jahrhundert Bemerkungen über Essen und Trinken in Schwaben, über die städtischen Verfassungsstrukturen und die bikonfessionellen Verhältnisse hinterließen. Diese Themen waren für die Fremden im Vergleich zu ihren einheimischen Verhältnissen besonders interessant (Wolfgang Wüst). Gerade der juristische Bereich bildete hier keine Einbahnstraße, wenn nach dem Einfluss des Römischen Rechts auf das Augsburger Stadtrecht gefragt wird (Christoph Becker).
Von schwäbischer Seite wiederum waren in vielen Dingen die wirtschaftlichen Verbindungen vorwiegend augsburgischer Großkaufleute (Fugger, Welser) die entscheidenden Grundlagen. Ein besonderes Kapitel bildeten dabei die Beziehungen Augsburgs zu Venedig (Paolo Cavalieri), die im 18. Jahrhundert mit einem schwunghaften 'Handel' mit Augsburger Schwerverbrechern für venezianische Galeeren eine eigentümliche Facette erhielten (Hans Schlosser). Reicheres Material kommt bei der Verbreitung der italienischen Renaissance wie des Humanismus in das Blickfeld. Die Fugger haben entsprechende Kunstpatronage betrieben, um sich vom bisher geltenden "lokalen Repräsentationsstandard" abzuheben (Sylvia Wölfle). Die Rezeption italienischer Kunsteinflüsse lässt sich auf mehreren Ebenen greifen: in der mehr oder weniger genauen bildlichen Darstellung der römischen Hauptkirchen, in der Verarbeitung von Renaissanceelementen als Kulisse und Rahmen sowie in der Vertiefung der Perspektivmalereien (Magdalena Gärtner). Die Beziehungen zum Humanismus konzentrieren sich ebenfalls sehr auf Augsburg. Das Universitätsstudium gebildeter Kreise in Italien, die Präsenz entsprechender Werke in Büchersammlungen, deren Übersetzungen und Drucke aus Augsburger Druckereien u.a.m. trugen zu dessen Verbreitung bei (Helmut Gier). Bei den in Schwaben wirkenden Barockmalern zeigt sich, dass sie italienische Einflüsse entweder von in Schwaben wirkenden Italienern (etwa im 16. Jahrhundert) oder, besonders in der Rokokozeit, durch eigene Aufenthalte im Lande am Mittelmeer erhielten (Gode Krämer). Ein vergleichbarer Austausch lässt sich bei den vielfältigen wissenschaftlichen Instrumenten (Uhren, Zirkel, Messgeräte u.a.) feststellen, die von Augsburg aus nach Italien verkauft wurden, deren Herstellung aber von technischen Anregungen aus dem Süden profitierte. Ähnliches gilt im Übrigen auch im Bereich von Frömmigkeitsformen, zumal zahlreiche Barockheilige vom Süden her ihren Weg über die Alpen gefunden haben (Walter Pötzl). Von Augsburg weg in den Füssener Raum führen die dortigen Lautenmacher, die in Rom sogar eine eigene Gasse bewohnten. Deren Techniken bei der Herstellung von Instrumenten wurden im 17. Jahrhundert im Cremoneser Geigenbau weiter entwickelt (Josef Focht). In die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts führt der Beitrag zu arbeitsuchenden Italienern in Bayern und Schwaben (Marita Krauss).
Insgesamt diskutieren die Beiträge Möglichkeiten und Grenzen einer vergleichenden Kulturlandschaftsmethodik. Die im Hintergrund stehende und postulierte "neue europäische Kulturgeschichte" lässt aber noch weiten Raum für weitere Fragestellungen, wobei diesen durch die jeweilige Quellenlage häufig enge Grenzen gezogen sein können.

Erschienen am 24.03.2011

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