Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Mark Häberlein / Hans-Jörg Künast / Irmgard Schwanke (Hg.)

Die Korrespondenz der Augsburger Patrizierfamilie Endorfer 1620-1627. Briefe aus Italien und Frankreich im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges

(Documenta Augustana 21), Augsburg 2010, Wißner, 428 Seiten

Rezensiert von Wolfgang Mährle (Stuttgart)      PDF-Datei


Private Briefwechsel überdauern die Zeiten häufig nur aufgrund von Zufällen. Die Korrespondenz der Augsburger Patrizierfamilie Endorfer aus dem frühen 17. Jahrhundert blieb in Teilen erhalten, weil eine größere Zahl von Briefen im Zuge eines Strafprozesses gegen Friedrich Endorfer d. Ä. (1566/67-1628) vom Augsburger Rat konfisziert und zu den Akten genommen wurde. Im zu besprechenden Buch sind 73 der erhaltenen und erst Mitte der 1990er Jahre wiederentdeckten Schreiben der Endorferschen Familienkorrespondenz ediert. Es handelt sich um Briefe, die während der kaufmännischen Ausbildung der Söhne des beklagten Friedrich Endorfer in Italien und Frankreich im Zeitraum zwischen 1620 und 1627 entstanden sind. Die meisten der edierten Briefe (43) stammen aus der Feder Friedrich Endorfers d. J. (1604-1668). Dieser war der älteste, das Kindesalter überlebende Sohn der Familie; er wurde zwischen 1620 und 1623 in Lucca und zwischen 1623 und 1627 in Lyon ausgebildet. Sechs Schreiben verfasste Friedrichs jüngerer Bruder Hans (1610-1661), der sich in den Jahren 1626 und 1627 ebenfalls in Lyon aufhielt. Die Autoren der restlichen Briefe sind Personen im Umfeld der Patriziersöhne, zumeist die Ausbilder an den ausländischen Handelsniederlassungen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist jeweils der Vater der Auszubildenden, Friedrich Endorfer d. Ä., der Empfänger der Briefe. Die Korrespondenz datiert hauptsächlich in die Zeit zwischen 1623 und 1627. Vor allem in den beiden Jahren 1626 und 1627 ist die Überlieferung vergleichsweise dicht, wenngleich auch in dieser Zeitspanne das Briefkorpus keineswegs vollständig erhalten geblieben ist.
Der Edition vorangestellt ist eine Einführung des Herausgebers Mark Häberlein (S. 9-62). Häberlein skizziert zunächst die Biografie Friedrich Endorfers d. Ä., den er als einen "in vieler Hinsicht typischen Vertreter der reichsstädtischen Führungsschicht des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts" (S. 29) charakterisiert. Endorfer hat jedoch im Unterschied zu seinen Standesgenossen kontinuierlich über seine Verhältnisse gelebt und sich die fehlenden Finanzmittel über Jahre hinweg durch einen Griff in die städtischen Kassen beschafft. 1628 flogen die - in der Summe immensen - Unterschlagungen des Patriziers auf; er wurde vor Gericht gestellt und starb kurze Zeit später im Gefängnis. Seinen Söhnen hatte er eine sehr gute, aber auch kostspielige Ausbildung angedeihen lassen. Häberlein zeichnet die Aktivitäten der jungen Kaufleute Friedrich d. J. und Hans Endorfer in Italien und Frankreich nach. Dabei wird deutlich, dass der Auslandsaufenthalt der Endorfer-Söhne wie derjenige anderer oberdeutscher Kaufmannssöhne im 17. Jahrhundert verschiedene Zwecke erfüllte: Er diente sowohl dem Erlernen handelsspezifischer Geschäftspraktiken als auch dem Erwerb sprachlicher und landeskundlicher Kenntnisse. Friedrich Endorfer d. J. etwa unternahm während seines Aufenthalts in Italien zahlreiche Reisen, unter anderem nach Florenz, Rom und Neapel. Wichtig sind Häberleins Bemerkungen zum Quellenwert der Briefe. Die Endorfer-Korrespondenz zeichnet sich durch zwei wesentliche Merkmale aus, die typisch sind für zeitgenössische Briefwechsel junger, angehender Kaufleute mit ihren Eltern. Erstens befleißigten sich Friedrich d. J. und Hans Endorfer eines Schreibstils, der von wiederkehrenden, formelhaft gebrauchten Redewendungen geprägt ist. Zweitens ist das thematische Spektrum, das in den Briefen eine Rolle spielt, begrenzt. Die Endorfer-Söhne informieren ihren Vater regelmäßig über ihre persönliche Situation (zum Beispiel ihren Gesundheitszustand) und ihre Unternehmungen; weitere wichtige Themen der Briefe sind die Kosten der Ausbildung, die Lernfortschritte der Briefschreiber, aktuelle Ereignisse in ihrem Umfeld sowie Begegnungen mit anderen Kaufmannssöhnen aus Oberdeutschland. Häberlein zufolge lassen die edierten Briefe, ungeachtet der Tatsache, dass sie eindeutig zeittypischen kommunikativen Codes verpflichtet sind, individuelles Erleben und Empfinden erkennen. Dieser Ansicht kann man nach der Lektüre der Texte beipflichten. Für Augsburg ist der publizierte Endorfer-Briefwechsel vor allem deshalb von Interesse, weil ähnliche Familienkorrespondenzen in der schwäbischen Metropole nicht überliefert sind.
Bei der Edition der Briefe haben die Herausgeber die originalen Texte behutsam, etwa hinsichtlich der Interpunktion und der Orthografie, modifiziert, um auf diese Weise ihre Lesbarkeit zu erleichtern. Die Korrespondenzen werden in zahlreichen Fußnoten sehr sensibel und fachkundig kommentiert. Der Anmerkungsteil enthält dabei über textkritische Informationen und Literaturhinweise hinaus sowohl die zum Verständnis der Briefe erforderlichen sachlichen Erläuterungen als auch zahlreiche sprachliche Erklärungen. Die wenigen fremdsprachigen (italienischsprachigen) Schreiben werden zudem mit Hilfe von Regesten erschlossen. Quellen- und Literaturverzeichnisse sowie ausführliche Register, die einen gezielten Zugriff auf bestimmte Themen ermöglichen, schließen die überaus gelungene Edition ab.

Erschienen am 03.03.2011

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