Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Matthias Kirchhoff

Gedächtnis in Nürnberger Texten des 15. Jahrhunderts. Gedenkbücher, Brüderbücher, Städtelob, Chroniken

(Nürnberger Werkstücke zur Stadt- und Landesgeschichte 68), Nürnberg 2009, Stadtarachiv, X, 369 Seiten, 16 Abbildungen

Rezensiert von Werner Wilhelm Schnabel (Erlangen)      PDF-Datei


Die Tübinger Dissertation von 2007 verortet sich innerhalb eines Themenkomplexes, zu dem seit rund dreißig Jahren zahlreiche interessante Darstellungen erschienen sind. Die Memorialkulturforschung, die Gedächtnis und Erinnerung als sozial ausgerichtete und sozial bestimmte Handlungen versteht, begreift ihren Gegenstand in Theorie und Praxis als ausgeprägt interdisziplinäres Feld. Mit der Orientierung an den derzeit modischen kognitionswissenschaftlichen Welterklärungsansätzen neigt sie - gerade aus historiographischer Perspektive - freilich oft auch zu einer gewissen Vagheit und ist sich bis heute über die Definition und Abgrenzung ihrer Untersuchungsgegenstände ebensowenig einig wie über die angemessenen Methoden, die ja immer aus bestimmten Fachdisziplinen stammen und sich gegen eine interdisziplinäre Vereinnahmung oft sperren.
Die Entscheidung des Verfassers, angesichts der unübersichtlichen Situation kein weiteres theoretisches Makrokonzept auf den Wissenschaftsmarkt zu werfen, sondern mit einer solide analysierenden Untersuchung nahe an den Quellen Basisarbeit zu leisten, ist deshalb sicher zu begrüßen. Seiner Darstellung geht es um den Aufweis verschiedener Formen und Funktionen von Gedächtnis, Erinnerungssetzung und Erinnerung, die sich in bestimmten spätmittelalterlichen Gattungen und Textsorten niedergeschlagen und auf jeweils charakteristische Weise durchmischt haben. Das in der Mittelalterphilologie lange dominante, religiös-liturgisch fundierte Memoria-Konzept, wie es Otto Gerhard Oexle seinerzeit in wichtigen und breit wahrgenommenen Arbeiten behandelt hat, ergänzt der Verfasser durch eine Mehrzahl historischer, wirtschaftlicher, religiöser und familiär-sozialer Funktionen, die die bisher manchmal etwas einseitige Perspektivierung zu differenzieren vermögen. Dabei hätte ihm in systematischen Fragen bei der Abgrenzung von Textsorten und Überlieferungsträgern die kurz zuvor erschienene Arbeit von Barbara Schmid (Schreiben für Status und Herrschaft. Deutsche Autobiographik in Spätmittelalter und früher Neuzeit, 2006), die ebenfalls wichtige Nürnberger Quellen verarbeitet hat, sicher eine willkommene Folie sein können; leider konnte sie - wohl aus Gründen der zeitlichen Überschneidung - nicht mehr berücksichtigt werden.
Sein Argumentationsziel verfolgt der Verfasser anhand von vier Textkorpora, die auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammengehören, wegen ihrer gelegentlich gemeinsamen Überlieferung aber einen vergleichenden Blick immerhin verdienen. Am überzeugendsten gelingt der Differenzierungsansatz im umfangreichen Kapitel über die Nürnberger 'Gedenkbücher', deren einigermaßen schwammige Bezeichnung in kritischer Auseinandersetzung mit der bisherigen Forschung problematisiert wird. Neben dem "Püchel von mein geslechte und von abentewr" von Ulman Stromer gilt das Interesse hier den "Memorialen" Endres und Berthold Tuchers und den "Gedechtnussen und schriefft" Niclas Muffels. Die drei ausgewählten Nürnberger 'Gedenkbücher' - zurückführbar auf die oberitalienischen 'Ricordanzen' - werden dabei nicht nur einer kodikologischen Beschreibung mit oft neuen Detailbeobachtungen unterzogen, sondern auch inhaltlich und hinsichtlich der Autorinstanzen analysiert. Dabei erweist sich, daß die heterogenen Informationen mit vielschichtigen, sich überlagernden "Gedächtnisanliegen" der Verfasser korrespondieren, die nicht zuletzt eine Selbstdarstellung ihrer Person oder ihrer Familie intendieren. Im Unterschied zu den ebenso repräsentativen wie kompilatorischen Familien- bzw. Geschlechterbüchern späterer Zeit gehen die durchwegs patrizischen Aufzeichnungen jeweils auf eine bestimmte Person zurück, die innerhalb ihrer Familie und nach außen als "Kanonstifter" fungiert.
Wesentlich geringere Verbreitung - mit nur zwei erhaltenen Belegen - haben demgegenüber die "Brüderbücher" gefunden, denen sich das zweite Hauptkapitel widmet. Offensichtlich haben mittelalterliche Sozialstiftungen nur in Nürnberg eine Form der Aufzeichnung entwickelt, wie sie aus der Mendelschen und der Landauerschen Zwölfbrüderstiftung erhalten ist. Auch für diese Buchgattung können nicht nur pragmatische Anlässe, sondern zumindest teilweise auch die Intention familiärer Gedächtnisbildung plausibel gemacht werden; immerhin stammten die Initiatoren der Stiftungen aus zwar vermögenden, aber doch nur nicht-patrizischen Geschlechtern und konnten sich und ihre Nachfahren hier gewissermaßen durch ihre Werke verewigen. Nicht recht überzeugen kann in diesem Zusammenhang freilich die Behauptung, die Brüderbücher hätten für die Insassen eine ebenso reputationssteigernde Gedächtnissetzung bedeutet wie die Zunftbücher etwa in Augsburg. Eine solche Äquivalenzbildung läßt unberücksichtigt, daß die Beitexte zu den eher typisierenden als porträtierenden Miniaturen gelegentlich auch ausgesprochen kritische Aussagen zu Charakter und Verhalten einzelner Zwölfbrüder vermitteln; angelegt in der Verantwortung der Pfleger, dienten sie doch wohl weniger der individuellen Erinnerung an die alten und oft kranken Angehörigen der Mittel- und Unterschicht, die hier bis zu ihrem Tod verpflegt wurden, als dem repräsentativen Tätigkeitsnachweis der Institution und ihrer Verantwortlichen, die in den Büchern die Durchführung des Stiftungsauftrags dokumentierten.
Als dritte Textgruppe wird das Städtelob ins Blickfeld genommen, dem das Moment des posthumen Gedächtnisses erkennbar abgeht, das in der Frühzeit aber gelegentlich zusammen mit patrizischen Gedächtnistexten überliefert wird. Zwar kann die versuchte Rückführung des Genres auf das Vorbild der 'Ehrenreden' über verstorbene Adelige und damit eine Verbindung zum personalen Erinnerungsschrifttum der Heroldsdichtung die antiken und humanistischen Wurzeln der Städte-Enkomiastik nur ergänzen, nicht ersetzen; aber die Analyse der anonymen "Sag von Nürnberg" und des "Lobspruchs auf Nürnberg" von Hans Rosenplüt stellt - neben der "Norimberga" des Conrad Celtis - doch bisher kaum beachtete Texte in einen Entwicklungszusammenhang und macht vor allem den Pluralismus gruppenspezifischer Perspektiven deutlich, die sich auch in der Erinnerungssetzung niederschlugen.
Gedächtnisbildung ist ohne Zweifel die Aufgabe chronikalischer Historiographie, der sich das letzte Kapitel der Arbeit widmet. Sinnvollerweise beschränkt sich der Vf. hier auf den Vergleich eines einzelnen Motivs, nämlich zünftischer Aufruhrbewegungen, um Strategien geschichtlicher Erinnerungssetzung zu konturieren. Indem er als Vergleichsbeispiel zur 'Nürnberger Chronik' Sigmund Meisterlins hier die 'Weberchronik' des Augsburgers Clemens Jäger heranzieht, werden prinzipiell Vergleiche zwischen zwei verschieden strukturierten politischen Systemen möglich. Die festgestellten Gemeinsamkeiten dann aber nicht nur auf Gattungskonventionen, sondern gleich auf 'allgemein gültige Humana' (S. 296) zurückführen zu wollen, erscheint denn doch als hypertroph.
So entkommt die Arbeit einem systembedingten Dilemma leider nicht, das bei vielen Untersuchungen aus betont interdisziplinären Graduiertenkollegs zu beobachten ist. Die an sich guten und immer wieder Neues bietenden Analysen und Kontextualisierungen beschäftigen sich mit einem Quellenkorpus, das trotz aller Argumentationsbemühungen beliebig erscheint - die Konzentration auf ein Genre hätte hier insgesamt überzeugender gewirkt. Damit hätte man am Ende auch den Zwang umschifft, das disparate Material gewaltsam mit einem gesucht wirkenden theoretischen Überbau zu versehen, der nicht nur eine geschlossene Argumentation sicherstellen, sondern - unter der Prämisse der Interdisziplinarität offenbar noch wichtiger - die Wahrnehmung momentan modischer kulturanthropologischer oder neurowissenschaftlicher Forschungsströmungen dokumentieren soll. Die historisierende Perspektive, die im Hauptteil aus guten Gründen gewählt wurde, wird damit auf merkwürdige Weise konterkariert. Wer zunächst durchaus überzeugend intentionale Prozesse der Erinnerungssetzung im 15. Jahrhundert aufgezeigt hat, sollte Sprünge zu Thietmar von Merseburg, zu kongolesischen Stämmen und Hopi-Indianern des 19. Jahrhunderts oder zu erfahrungsgemäß kurzlebigen neuronalen oder psychologischen Modellen der Informationsverarbeitung nicht nötig haben. Ein wenig mehr Selbstbewußtsein bei der Vertretung historisch-hermeneutischer Quellenanalyse gegenüber dem offensiven Alleinerklärungsanspruch der Neurowissenschaften wäre hier durchaus angebracht gewesen. Dafür hätte der Leser auf den manchmal recht überheblichen Ton gerne verzichtet, mit dem immer wieder auf Versäumnisse bisheriger Forschungs- und Editionsarbeiten hingewiesen wird - wie auch diese Untersuchung selbst stellen sie nicht etwa das 'letzte Wort' zum jeweiligen Thema dar, sondern bieten Zwischenergebnisse, die der Ergänzung oder auch der Kritik und Umakzentuierung durch rezente oder folgende Forschergenerationen nicht entgehen werden.

Erschienen am 11.03.2013

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