Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Richard Hölzl

Umkämpfte Wälder. Die Geschichte einer ökologischen Reform in Deutschland 1760-1860

(Campus Historische Studien 51), Frankfurt a.M. 2010, Campus, 551 Seiten

Rezensiert von Winfried Freitag (Ebersberg)      PDF-Datei


Hölzls Dissertation handelt von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um den Wald im 18. und 19. Jahrhundert. Wie dieser zu nutzen und zu gestalten sei, dazu gab es damals verschiedene Positionen. Der Autor stellt sie als "ökologische Erzählungen" (S. 41) oder "diskursiv produzierte Teilwirklichkeiten" (S. 39) gegenüber. Schwerpunkt seiner Darstellung ist Bayern.
Am Anfang stehen die Aufklärer und Reformer der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Ihre Erzählung warnt vor einer allgemeinen Holznot und Energiekrise, nennt deren Verursacher und verspricht eine Lösung. Verantwortlich für die Zerstörung der Wälder in Mitteleuropa seien die Bevölkerungszunahme, der Aufschwung "holzfressender" Industrien und die waldschädlichen Praktiken der Landbevölkerung, so vor allem die Waldweide, das Streurechen und die Laubheugewinnung. In den Augen der Neuerer ist der Wald von Natur aus unvollkommen und chaotisch, ist er "Wüsteney" (S. 52). Sie sei durch Menschen aus ihrem Rohzustand zu heben. Allerdings nicht von irgendwelchen! Als wenig geeignet erscheinen die Landbewohner in ihrem auf Gewohnheit und Vorurteil beruhenden Umgang mit der Natur. Erforderlich seien vielmehr eine Waldnutzung auf Basis der neu entstandenen Forstwissenschaft und der Aufbau einer professionalisierten staatlichen Forstverwaltung. Damit sich diese ihrer Hauptaufgabe, nämlich der nachhaltigen Produktion von Holz, widmen könne, müssten die Wälder allerdings zuerst "purifiziert", das heißt von den traditionellen Nutzungsrechten der Bevölkerung befreit werden.
Ganz anders lautet die Erzählung, mit der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Bauern des Zellertals im Bayerischen Wald auf die neuen Forstbeamten und deren Versuche, sie aus dem Wald zu verdrängen, reagierten. Sie wehrten sich gegen den Angriff auf ihre Lebensgrundlagen mit einer Vielzahl von Verwaltungsbeschwerden, Zivilprozessen gegen die Forstverwaltung und indem sie - aller Forstfrevelstrafen zum Trotz - ihre Waldrechte weiterhin praktizierten. Aus ihren Prozessschriften und ihrem Verhalten geht hervor, dass sie sich einer "sukzessiven Entrechtung durch die Obrigkeit und das Forstpersonal" (S. 228) ausgesetzt sahen. Purifikation forderten auch sie. Aber sie verstanden darunter die "Befreiung von den als Schikane empfundenen Nutzungsregeln der Forstverwaltung" (S. 203) und "das Ende der Überwachung durch das Forstpersonal." (S. 219) Detailliert geht Hölzl auch auf die Situation im Hochspessart ein, wo die meisten Bewohner wenig oder gar kein Land besaßen. Sie waren auf den Wald angewiesen nicht nur zur Versorgung ihres Viehs, sondern auch des Holzes wegen, das sie für ihr Kleinhandwerk benötigten. Daher nahm man auch hier Entrechtungs- und Disziplinierungsversuche keineswegs widerstandslos hin. Holzdiebstahl schwoll vielmehr zu einem Massendelikt an.
Die Widerstände, auf die die Forstreform traf, erzwangen in der Praxis komplizierte, zeitraubende Prozesse des Aushandelns von Kompromissen. Und sie gaben Anlass zu Revisionen im vorherrschenden forstwissenschaftlichen Diskurs. Seine Vertreter akzeptierten nun, sofern die Bevölkerung darauf angewiesen war, die traditionellen Waldrechte und suchten nach Wegen, sie in die Bewirtschaftungspläne zu integrieren. Der Begriff der Nachhaltigkeit erfuhr eine Modifikation. Die dauerhafte Versorgung eines Landes mit Holz wurde in den 1820er Jahren als oberstes Ziel verdrängt von der Rendite, die ein Wald langfristig abwarf. Das geschah unter dem Druck des Staates, der von seinen Wäldern finanzielle Erträge erwartete, und es entsprach der Forderung liberaler Ökonomen, die der Forstwirtschaft ihre im Vergleich zu anderen Bodenutzungsformen geringe Kapitalrendite vorhielten. Diese Umorientierung begünstigte die Anlage von Nadelholzmonokulturen. Sie wuchsen streng in Altersklassen aufgeteilt heran und wurden per Kahlschlag abgeerntet. Das erlaubte die kostengünstige Produktion der Nutz- und Bauholzsortimente, die der Markt verlangte.
Neben den Reaktionen der Betroffenen oder Interessierten zwangen auch die der Natur zum Umdenken. Die neuen Monokulturen erwiesen sich als höchst anfällig für die massenhafte Vermehrung von Schädlingen, die Kahlschläge leisteten Bodenerosion und Sturmschäden Vorschub. Der Begriff der Nachhaltigkeit wurde abermals angepasst. Er wurde erweitert um die Pflege und Bewahrung des Produktionsmittels Wald und um seine Schutzfunktionen für die Allgemeinheit. Der Wald soll seither Klima und Wasserhaushalt stabil halten sowie Bodenerosion, Lawinen und Erdrutschen vorbeugen. Die Forderung Karl Gayers, in Art und Alter gemischte Hochwaldbestände anzulegen und Bäume nur mehr einzeln oder gruppenweise zu entnehmen, verhallte allerdings weitgehend ungehört.
Der anhaltende Widerstand der Landbevölkerung gegen die Ablösung ihrer Waldrechte, das Ansteigen der Holzpreise, der zum Massendelikt werdende Holzdiebstahl, die Radikalisierung der Unterschichten während der 1848er Revolution - all das setzte auf Seiten des Bürgertums eine Neubewertung der bäuerlichen Lebensform und des Waldes in Gang. Für Wilhelm Heinrich Riehl, einen Wortführer des nationalkonservativen Bürgertums, waren die Forstfrevel von 1848 nicht "Zeichen der Entsittlichung, sondern bäuerlichen Freiheitsverständnisses" (S. 437), die überkommenen Waldrechte "ein letztes überlebendes Stück Mittelalter" (S. 439) und extensiv genutzter Wald keine Wüstenei. Der "Gedanke, jeden Fleck Erde von Menschenhänden umgewühlt zu sehen", sei vielmehr für natürliche Menschen grauenhaft und unheimlich, ganz besonders aber "dem deutschen Geiste zuwider" (S. 439). Der Wald wurde zum Gegenbild der urbanen, säkularisierten Zivilisation und zum Heilmittel gegen die Entwurzelung und Entsittlichung des Proletariats. Er bewahre, so Riehl, in "unserem Volksleben noch die Reste uranfänglicher Gesittung" (S. 440) und erweise sich damit als "Rettungsanker der 'deutschen Kultur'" (S. 497). Im Umfeld solcher Vorstellungen finden sich auch die Anfänge der bürgerlichen Naturschutzbewegung.
Was hier in groben Zügen skizziert wurde, war in Wirklichkeit viel komplexer. Keines der Narrative war in sich geschlossen oder auf eine einzige Wahrnehmung der Verhältnisse beschränkt. So trat etwa unter den bayerischen Aufklärern und Reformern Stubenrauch für die Beibehaltung der Waldweide ein oder Hazzi für einen raschen Verkauf der Staatswälder an Privatleute. Es gab neben den Hauptströmungen mehr oder weniger starke Nebenströme und Übergänge. Ein Verdienst Hölzls liegt darin, diese Komplexität aufzuzeigen. Man mag einzig kritisieren, dass er manchmal auf zu viele Verästelungen eingeht und die Lektüre dadurch etwas mühsam wird.
Überzeugend ist auch sein Gesamtkonzept. Er präsentiert den "Wandel vom frühneuzeitlichen Multifunktionswald zum modernen Holzproduktionswald" (S. 17) nicht als Umsetzung eines monostrukturellen Programms. Er zeigt vielmehr, wie sehr der neue Wald mitgeprägt wurde durch zweierlei Art von Widerständigkeit: die der gesellschaftlichen Akteure, mit denen unzählige Kompromisse ausgehandelt werden mussten, und die der Natur, die auf die Anwendung gelehrter Rezepte mit "Nebenwirkungen" reagierte. Hölzl gelingt eine sehr differenzierte, multiperspektivische Darstellung, weil er gekonnt Wissens-, Umwelt-, Kriminalitäts-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte miteinander verbindet.

Erschienen am 11.10.2010

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