(Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg 16), Würzburg 2010, Schöningh, 358 Seiten, 8 Tafeln
Rezensiert von Herbert Schott (Nürnberg) PDF-Datei
Der Angelpunkt der vorliegenden Würzburger Dissertation ist der Satz "Unter dem Krummstab ist gut leben", das heißt, dass die Bevölkerung in den geistlichen Staaten des Alten Reiches verhältnismäßig gut leben konnte. Dieser schon zeitgenössisch geläufige Spruch wird in der Forschung teilweise geteilt; die Verfasserin steht ihm eindeutig kritisch gegenüber. Ihr Ziel ist es, "im Rahmen einer wirtschaftsgeschichtlichen Strukturanalyse aufzuzeigen, unter welchen Bedingungen sich die Ökonomie der Stadt Würzburg vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zur Säkularisation entwickelte", "Interdependenzen von Konjunktur, Handel und Gewerbe" aufzuzeigen und wie "strukturelle Veränderungen auf die ökonomische Existenz der Bewohner eingewirkt haben" (S. 3f.). Dieses wahrlich anspruchsvolle Vorhaben versucht die Autorin auf mehrfache Weise zu verwirklichen: Sie analysiert den Getreidehandel und vor allem die Getreidepreise (nur Mittelpreise für Roggen und Weizen), das städtische Gewerbe und Zunfthandwerk und den Handel, insbesondere den Weinhandel. Die Politik der Fürstbischöfe sieht sie sehr kritisch, bezüglich der Getreidepolitik sei sie eher Wohlfahrtshilfe gewesen, ansonsten wenig effektiv und definitiv nicht innovativ. Gemessen an der Kaufkraft sieht sie die Getreidepolitik der Fürstbischöfe "letztlich als gescheitert" (S. 65). Bei der Gewerbepolitik beschreibt sie die Politik der Bischöfe als Eingriff in die Autorität der Zünfte, die unterminiert wurden, sie sieht gar eine "Zuwendung hin zur Gewerbefreiheit" (S. 142). Sowohl eine Förderung von Manufakturen als auch Beschränkungen für die Zünfte sieht die Autorin kritisch. Die Handelspolitik der Obrigkeit schildert sie als ambivalent. Grundsätzlich hebt sie die Bedeutung von Frauen in der Wirtschaftsgeschichte hervor.
Bei der hier vorliegenden Arbeit sind trotz zahlreicher neuer und interessanter Details allerdings Kritikpunkte auch nicht zu übersehen. Die Verfasserin spricht generell von der "Obrigkeit", wobei sie darunter Bischöfe, fürstliches Gebrechenamt und den Oberrat versteht; leider analysiert sie die Zusammensetzung dieser Gremien nicht, ihre teils unterschiedliche Politik könnte klarer herausgearbeitet werden. Insbesondere beim Oberrat werden die Änderungen, wie sie vor allem Fürstbischof Friedrich Karl 1745 durch seine neue Oberratsordnung umsetzte, die kurz darauf teilweise modifiziert wurde, nicht thematisiert. Auch Aufbau und Funktion des Gebrechenamtes (eigentlich nur das dem Gebrechensenat als Teil der fürstlichen Regierung zugehörige Amt) werden offenbar als bekannt vorausgesetzt. Die für die Wirtschaftspolitik des Hochstifts zentrale Hofkammer wird nur selten erwähnt; die von der Verfasserin angeführte Unterstellung des Stadtrats unter die Hofkammer (S. 117) bezog sich nur auf wenige Fragen, außerdem wurde die entsprechende Ratsordnung von 1724 nach nur wenigen Monaten aufgehoben und durch diejenige von 1618 wieder ersetzt - dies wird leider nicht erwähnt. Die Politik des Würzburger Stadtrates wird wohl nicht im gebührenden Umfang thematisiert, die bischöfliche Politik zielte dagegen nicht nur auf die Stadt Würzburg, sie musste das ganze Land umfassen und konnte sich nicht allein auf städtische Interessen fixieren. Die Verfasserin führt im Literaturverzeichnis die einschlägige wissenschaftliche Literatur zu Würzburg auf, man hätte sich aber gewünscht, dass diese konsequenter durchgearbeitet und verwertet worden wäre. Dann hätten sich manche Fehleinschätzungen vermeiden lassen, so wenn behauptet wird, die Hofhandwerker hätten die regelmäßigen Steuern, vor allem die Schatzung, wie andere Handwerker gezahlt - in der Realität musste etwa der Hofschmied Oegg, dessen Tore noch heute berühmt sind, bis auf eine kurze Zeit unter Karl Philipp von Greiffenklau nur zwei Gesellen verschatzen, obwohl er mehr Gesellen beschäftigte, als die ganze Zunft zusammen (S. 98). Die Verfasserin stützt sich im wesentlichen auf die Oberrats- und Gebrechenprotokolle, die Ratsprotokolle spielen für sie keine so große Rolle, auch die Quellengattung der Rechnungen wird leider kaum berücksichtigt, was für eine wirtschaftsgeschichtliche Arbeit überrascht. Obwohl der Weinhandel als zentral für Würzburg bezeichnet wird - die Verfasserin spricht vom "unbestrittenen Hauptexportartikel im Hochstift" (S. 183 Anm. 645) -, kann sie keine Zahlen dazu vorlegen; hier hätte man zum Beispiel auf die Quittungen der Weinunterkäufer aus dem 18. Jahrhundert verweisen können, die im Stadtarchiv Würzburg im Bestand "Rechnungen" in nicht kleiner Anzahl überliefert sind. Überhaupt wäre es wichtig gewesen, mehr Zahlen zur Wirtschaftsentwicklung zu eruieren. Wenn etwa das in Würzburg ansässige Gewerbe nur in einer zusammenfassenden Statistik aus dem Jahr 1800, also dem Ende des Untersuchungszeitraums, dargestellt wird (eingeteilt in sechs Gruppen, S. 71), so erscheint dies als Basis für Interpretationen erweiterungsfähig.
Der Band wird durch zahlreiche Graphiken, einige Farbfotos, Karten und eine umfangreiche Liste zur Entwicklung der Getreidepreise ergänzt und durch ein kombiniertes Orts- und Personenregister abgeschlossen.
Erschienen am 17.02.2011
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