(Regensburger Beiträge zur Regionalgeschichte 9), Regensburg 2010, edition vulpes, 226 Seiten
Rezensiert von Claudius Stein (München) PDF-Datei
Das Erstlingswerk von Andreas Kraus hat der Fachwelt den Sankt Emmeramer Benediktinerpater Roman Zirngibl als "Historiker der Alten Akademie" vorgeführt. Zirngibl war, nach den Worten von Kraus, das erfolgreichste und arbeitsamste Mitglied der Kurbayerischen Akademie der Wissenschaften, insbesondere der Historischen Klasse, bis zu seinem Tod 1816. Von den 43 Abhandlungen der Akademie aus den Jahren 1779 und 1818 haben 16 ihn zum Verfasser, mit 3900 Seiten bestritt er mehr als die Hälfte des Umfanges aller Bände. Keiner wurde so oft mit dem Akademiepreis ausgezeichnet wie er. Seinen Ruhm hatten die großen Preisschriften der ersten Periode begründet: über die Herzogsreihe der Agilolfinger, die Grafschaftseinteilung unter den bayerischen Karolingern, die Entwicklung der Vogtei in Bayern, die Genealogie der Babonen im Donaugau, vor allem über die Verfassungsgeschichte Bayerns zur Zeit Friedrich Barbarossas. Allerdings traten ab 1782 Aufgaben im Rahmen seines Klosters an ihn heran, die seine Zeit völlig mit Beschlag belegten und ihn damit jahrelang von der allgemeinen Entwicklung der historischen Forschung abschnitten; erst 1805, als er wieder von allen Klosterämtern frei war, versuchte er noch einmal, an seine früheren Erfolge anzuknüpfen, aber seine Geschichte des bayerischen Handels beispielsweise zeigte, daß er hinter dem aktuellen Stand seiner Disziplin zurückgeblieben war.
Die in Regensburg bei Peter Schmid entstandene Magisterarbeit Maria Rottlers stellt eine andere, bisher weniger beleuchtete Facette im Leben und Wirken Zirngibls in den Vordergrund: Zirngibl als Tagebuchschreiber, als sensibler Chronist seiner eigenen Zeit. Um den Rahmen einer Magisterarbeit nicht zu sprengen, wurden nicht alle Aspekte, die für den Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert wesentlich sind, erörtert, sondern nur ein einziger, dafür aber umso gewichtigerer, nämlich die Säkularisation der geistlichen Territorien sowie der Klöster und Stifte. Die autobiographischen Aufzeichnungen Zirngibls visualisieren geradezu, was in den amtlichen Akten nicht zur Sprache kommen kann: die Gefühle derjenigen, die von einem Tag auf den anderen ihre angestammte klösterliche Welt verlassen mußten. Dieser Hinauswurf war gleichbedeutend mit einer Abänderung des eigenen - wohlgemerkt mit staatlicher Zustimmung gewählten! - Lebensplanes. Im Falle Regensburgs waren die Säkularisationsmaßnahmen freilich nicht denen in Kurbayern an die Seite zu stellen. Unter Karl Theodor von Dalberg ging die Stadt einen Eigenweg. Und als Regensburg schließlich 1810 an Bayern fiel, wurde zwar säkularisiert, aber erheblich behutsamer und überlegter als von 1802/03 her gewohnt. Die Regierung hatte aus ihren Fehlern gelernt, was freilich einzelne Härten nicht ausschloß, wozu eine die Mönchsgemeinschaft von Sankt Emmeram zermürbende Ungewißheit über das künftige Schicksal gerechnet werden kann. Um die wirkliche Tragweite der von der Französischen Revolution eingeleiteten Veränderungen zu erfahren, sind solche autobiographischen Aufzeichnungen von unschätzbarem Wert, auch um die jeweiligen Mentalitäten kennenzulernen. Denn der Untergang des Ancien régime wurde je auf eigene Weise vielfältig bedauert, von dem Sankt Emmeramer Mönch während seines einsamen Studiums (dies klingt bereits im Zitat an, welches das Buch im Titel führt) und von einem Bischof von Autun, der als nachmaliger französischer Außenminister sagte, wer das Ancien régime nicht erlebt habe, der kenne auch "la douceur de la vie" nicht, wobei man auf diese mit Pathos vorgetragenen Wahrnehmungen von Umbruchszeiten immer trifft, sei es nach dem Sacco di Roma oder nach dem Untergang der Monarchie.
Dem zu besprechenden Buch ist die Charakteristik größter Quellennähe zu eigen, was aber durchaus als Vorzug, den viele Anfängerarbeiten aufweisen, zu werten ist. P. Roman Zirngibl spricht direkt zum Leser, in Form von Zitaten oder häufigen Paraphrasen; falsche oder schiefe Darstellungen können so sichergehend vermieden werden. Auf eigene Wertungen verzichtet die Verfasserin fast ganz, weshalb man bei tiefergehendem Interesse an der geistesgeschichtlichen Verortung Zirngibls weiterhin auf das Erstlingswerk von Kraus verwiesen ist. Ein weiterer Vorzug der Arbeit liegt im stark prosopographisch ausgerichteten und mit größtem Fleiß gearbeiteten Anmerkungsteil, der nicht nur Einblicke in die personelle Zusammensetzung der Mönchsgemeinschaft, sondern auch der tragenden Schichten der Regensburger Gesellschaft ermöglicht. Einen diesbezüglichen Zugang schafft auf primärer Ebene der Registerteil, der neben den Personen auch auf fünf Seiten die im Text behandelten Institutionen vor Ort nachweist.
Im fest umgrenzten Rahmen der Untersuchung bleiben keine Fragen offen. Aufgrund der inhaltlichen Bedeutung der Tagebücher Zirngibls wäre es aber wünschenswert, dieses Corpus in Form einer vollständigen Edition vorzulegen, wie sie bereits für ausgewählte Korrespondenzen Zirngibls existiert; genannt seien hier dessen Briefe an seinen Freund Lorenz Westenrieder, in den Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg, besorgt ebenfalls von Kraus. So würde das exemplarische Bild eines Vertreters benediktinischen Mönchtums am Ausgang des Alten Reiches auferstehen.
Erschienen am 11.10.2010
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