(Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg B 179), Stuttgart 2010, Kohlhammer, XXXIV, 333 Seiten, 8 Abbildungen, 1 CD-ROM
Rezensiert von Manfred Knedlik (Neumarkt) PDF-Datei
Gemessen an dem Interesse, das dem Theater der Jesuiten seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zuteil wurde, hat das dramatische Schaffen der Prälatenklöster und -stifte - mit Ausnahme der benediktinischen Theaterkultur, der sich die Forschung seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in stärkerem Maße zuwandte - bislang eher geringe Aufmerksamkeit gefunden. Eine Ursache dafür liegt sicherlich in der fehlenden Erschließung und Aufarbeitung der materiellen Grundlagen. Diesem Forschungsdesiderat stellt sich die vorliegende, aus einer Eichstätter kirchengeschichtlichen Dissertation hervorgegangene Studie, die einen aus der oberschwäbischen Prämonstratenserabtei Marchtal überlieferten Bestand an lateinischen und deutschen Ordensdramen aus der Zeit zwischen 1657 und 1778 systematisch untersucht. Die neunbändige "Theater-Sammlung", als Strandgut der Säkularisation heute im Fürst Thurn und Taxis Zentralarchiv in Regensburg verwahrt (Sign.: Ma 1367 bis 1375), bietet in ihrer breiten Streuung eine wertvolle Quelle. Mit 525 Texten unterschiedlicher Herkunft, Gattungszugehörigkeit und Aussageweise - ohne Berücksichtigung der Dubletten sind es immerhin noch 452 Titel - vermittelt der "Marchtaler Bestand" einen umfassenden, durchaus repräsentativen Einblick in das frühneuzeitliche Ordenstheater als Teil der deutschen Kulturgeschichte, selbst wenn der Fokus, entsprechend der Sammelpraxis des Reichsstiftes Marchtal, weitgehend auf den oberschwäbischen Raum beschränkt bleibt.
Den Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Aufarbeitung bildet eine formal-deskriptive Analyse der Sammlung (Kap. I) nach Überlieferungsart, Herkunftsort und Gattungsform. Gut vertreten sind jesuitische (42) wie auch benediktinische (66) Stücke; ebenso aber lassen die gesammelten Aufführungsbelege die Theaterleidenschaft anderer (Prälaten-)Orden, der Prämonstratenser (zumal in Marchtal), der Zisterzienser und der Augustiner-Chorherren, erkennen, und gelegentlich widmeten sich selbst Franziskaner und Karmeliten dem Theaterspiel. An den zeitgenössischen Gattungsbezeichnungen wird die - nur selten in die heute gängigen Begriffe zu fassende - Gattungsvielfalt der frühneuzeitlichen Ordensdramatik sichtbar; der überlieferte Bestand bietet reiches Quellenmaterial für eine differenzierte Beschreibung der unterschiedlichen Phänomene, eine Gattungskritik im engeren Sinn, die allerdings von der künftigen - literatur-, theater- und musikwissenschaftlichen - Forschung noch geleistet werden muss.
Der systematischen Einordnung des versammelten Textmaterials folgt eine Untersuchung der konkreten, als multimedial zu bezeichnenden Aufführungs- und Inszenierungspraxis (Kap. II), wie sie sich aus den Regieanweisungen der Dramen, Periochen und Libretti und anderen Quellen, etwa einer eingehend analysierten Kostümbeschreibung zur Marchtaler Tragödie "Sancius Martyr" von 1772, erschließen lässt. Mit der faktenreichen Präsentation des ästhetisch-künstlerischen Aufwands, der die klösterlichen Aufführungen als sinnlich wahrzunehmende, die Affekte von Zuschauern und Mitwirkenden erregende und emotional erschütternde 'Großereignisse' verstehbar macht, ist der Sinnhorizont abgesteckt für weitere, kulturhistorische und funktionale Zusammenhänge betreffende Analysen: Beleuchtet wird das Ordenstheater im "Kontext der Schule" (Kap. 3), im "Kontext von Seelsorge und Verkündigung" (Kap. IV) und im "Kontext klösterlicher Festkultur" (Kap. V). Vielfach greift die Verfasserin dabei auf bereits (zum Beispiel für das Jesuitentheater) erzielte Forschungsergebnisse zurück, die anhand des Marchtaler Bestandes überprüft und auch für bislang vernachlässigte Orden bestätigt werden können, doch ermöglicht die reichhaltige Quellenbasis, gerade unter einem entwicklungsgeschichtlichen Blickwinkel, mitunter auch die korrigierende Differenzierung.
Insgesamt ist Manuela Oberst ihrem bescheiden formulierten Anliegen, die theatergeschichtlichen Quellen zuallererst in ihrer ganzen Breite vorzustellen und systematisch zu ordnen sowie in unterschiedlichen Textumfeldern zu erfassen, mehr als gerecht geworden. Dass sie bestimmte Fragen, zum Beispiel nach genuinen Unterschieden zwischen jesuitischen, benediktinischen und prämonstratensischen Dramen in der Behandlung theologischer Probleme, in ihrer Repräsentativität oder in ihren Verfahren der Seelenführung und Affektsteuerung?? bewusst ausklammert, ist durchaus kein Manko, sondern bietet hinreichend Anreiz zu neuer Forschung. Von großem Nutzen ist die beiliegende CD-ROM, die unter anderem eine präzise chronologische Auflistung der verschiedenen Titel mit den zeitgenössischen Gattungsbezeichnungen sowie ein Verzeichnis der Autoren und Komponisten bietet. Welche Fundgrube der Marchtaler Bestand bereithält, hat zuletzt die Edition eines "Wortspiels" gezeigt (Manuela Oberst, "Die Klagende Musicalische Instrumenten". Ein Obermarchtaler Theaterstück von Sixtus Bachmann aus dem Jahr 1772, in: Wolfgang Schürle (Hg.), Bausteine zur Geschichte, Bd. 2, 2003, 21-35; als Quelle für das klösterliche Musiktheater vgl. Berthold Büchele, Herzrührende Schaubühne. Das oberschwäbische Theater und die Musik, in: Hans Ulrich Rudolf (Hg.), Alte Klöster - Neue Herren. Die Säkularisation im deutschen Südwesten 1803, Aufsätze, Bd. I, 2003, 187-200). Den Blick für diesen Schatz geöffnet und der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Ordenstheater neue Impulse verliehen zu haben, ist das unzweifelhafte Verdienst des vorliegenden Buches.
Erschienen am 02.09.2011
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