Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Christian M. Geyer

Der Sinn für Kunst. Die Skulpturen Antonio Canovas für München

(Neue Frankfurter Forschungen zur Kunst 11), Berlin 2010, Gebr. Mann, 428 Seiten, 88 Abbildungen

Rezensiert von Hannelore Putz (München)      PDF-Datei


Die Dissertationsschrift, die 2009 in Frankfurt eingereicht worden ist, beschäftigt sich mit den Skulpturen Antonio Canovas, die Mitglieder des Hauses Wittelsbach gekauft haben oder die ihnen zugeeignet wurden. Geyer geht zunächst der Erwerbungsgeschichte nach, dann nimmt er sich der Werkgeschichte an, um in einem dritten Teil den "Canova-Diskurs" zu untersuchen. Im ersten Teil der Arbeit werden die Erwerbungsgeschichte der Psyche, der Venus, des Paris und der Parisbüste eingebettet in eine breite, ereignisgeschichtliche Darstellung. Auf Quellen basierend gelingt es dem Autor, die Beziehung zwischen Auftraggeber und Künstler zu erarbeiten und gleichzeitig auch die jeweilige Erwerbungsgeschichte beinahe minutiös nachzuzeichnen. Es ist sehr verdienstvoll, dass sich der Autor breit mit den Briefwechseln des bayerischen Kronprinzen Ludwig mit Künstlern beschäftigt hat und hier immer wieder auch bisher wenig bekannte Stellen aus unterschiedlichsten Künstler-Korrespondenzen wiedergibt. Auf diese Weise wird das persönliche Engagement des Kronprinzen im künstlerischen Bereich sehr deutlich sichtbar. Dass der Autor in der Kontaktpflege mit den Künstlern eine Akzeptanz der "bürgerlichen Idee der Meritokratie" (S. 92) erkennen möchte, sei allerdings kritisch hinterfragt; vielmehr ist doch daran zu denken, dass sich Ludwig gerne in die Tradition der großen Mäzene der Antike und der Renaissancezeit stellte. Gerade diese hatten aber den persönlichen Kontakt zu Künstlern besonders gepflegt. Auch sein Wunsch, durch ein Kunstwerk oder in der Begegnung mit dem Künstler immer wieder emotionale Erlebnisse zu provozieren, führten zu diesem außergewöhnlich engen Kontakt zu den Künstlern. Darüber hinaus spielte das Verlangen, das Schaffen der Künstler sehr eng mit zu erleben, zu kritisieren und zu beeinflussen, doch eine große Rolle.
Im zweiten Teil der Arbeit, der Werkgeschichte, geht Geyer sehr profund auf den Werkstattbetrieb Antonio Canovas und dessen Selbstverständnis als Künstler ein. Er macht deutlich, wie schwierig für einen Bildhauer die Beschaffung der Materialien gewesen ist, in welch hohe finanzielle Vorleistung er gehen musste und wie professionell Canova seine Werkstatt organisierte. Anhand einer sehr detaillierten, auch die zeitgenössische Diskussion aufnehmenden Werkgeschichte von sechs Skulpturen Canovas kann Geyer zeigen, dass der Künstler sehr wohl die Wünsche seiner Auftraggeber berücksichtigte und dabei sehr geschickt mit deren Vorstellungen umging. Wichtig ist, dass Canova offensichtlich versuchte, die Rezeption seiner Werke durchaus auf dem Weg der Einflussnahme auf Kritiker zu steuern. Canova wollte mit ihnen "in zentralen zeitgenössischen Diskursfeldern (Grazie, Antikenbezug) mit ästhetischen Mitteln und sparsamster Narration neue Inhalte (emotionale Befindlichkeiten, Körpersprache) und ästhetische Formen zur Geltung bringen" (S. 345). Überzeugend argumentiert Geyer, dass der Bildhauer weniger von dem im deutschsprachigen Kontext virulenten Autonomiegedanken der Kunst geleitet worden ist. Canova habe sich nie aus gesellschaftlichen Verpflichtungen gelöst und sich aufgrund seines Faches, der hohen Kosten in der Bildhauerei, der repräsentativen Anforderungen für die Aufstellung der Werke immer an zahlungskräftigen und einflussreichen Kunden orientiert. Der Bildhauer habe allerdings, wenn man sich den Entstehungsprozess seiner Werke ansieht, durchaus frei agiert. Vor allem gelte das für Skulpturen, die er aufgrund seines beruflichen und finanziellen Erfolgs ohne Auftrag anfertigen konnte und dann auf dem Markt anbot. Auch die immer wieder neue Auseinandersetzung mit seinem Werk, die zu Varianten führte, ist zu nennen. Dass später seine hohe künstlerische Anerkennung und nicht auch seine Nobilitierung als für andere Künstler erstrebenswert galt, wäre zu diskutieren, sieht man sich das allgemein zu beobachtende Streben der erfolgreichen Künstler an, zu eben solchen Rangerhöhungen zu gelangen.
In Teil III steht der "Canova-Diskurs" im Mittelpunkt. Geyer macht deutlich, dass nach einer anfänglich großen Begeisterung für Canova ein Wertewandel im deutschsprachigen Raum ihn zurückdrängte: "Die Ablehnung Canovas, und spiegelbildlich die Bewunderung Thorvaldsens, war zu dem Zeitpunkt symbolische Aktion (...). Nationale Abgrenzung, Propagierung männlicher kriegerischer Werte (Helden) und Beherrschung der eigenen Person gegen erotische Verlockung und Emotionalität standen dabei im Vordergrund" (S. 346).
Die vorliegende Dissertation liefert einen wertvollen Beitrag zur Rezeptionsgeschichte Canovas im deutschsprachigen Raum, sie bietet bemerkenswerte Einblicke in den Werkprozess des Bildhauers und ordnet die bayerischen Erwerbungen in den Kontext der Sammlungsgeschichte zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein.

Erschienen am 08.07.2014

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