(Dachauer Diskurse 4), München 2010, Utz, 173 Seiten
Rezensiert von Michael Fellner (München) PDF-Datei
Wenig wurde bisher über Dachau als Gedenkort geschrieben. Dies überrascht, ist doch die Gedenkstätte Dachau seit ihrer Eröffnung im Jahre 1965 die am meisten besuchte ihrer Art in Deutschland. An den bis heute vorgenommenen Veränderungen in der Darstellungskonzeption lassen sich sowohl der Wandel museumspädagogischer Vermittlungsformen im engeren als auch gesellschaftspolitische Einstellungen im weiteren Sinne nachvollziehen. Letzteres trifft auch auf den wechselhaften Umgang der Stadt und ihrer Bürger mit diesem schwierigen Erbe zu.
Wie lohnend eine nähere wissenschaftliche Beschäftigung sein kann, zeigt die von Christian König vorgelegte Magisterarbeit zu dem seit Sommer 1969 in der Gedenkstätte gezeigten Dokumentarfilm "KZ Dachau". Obwohl sich König nicht, wie man erwarten könnte, des theoretischen und begrifflichen Instrumentariums der Erinnerungsgeschichte (Maurice Halbwachs, Jan Assmann, Aleida Assmann etc.) bedient, ist seine Studie überaus komplex und multiperspektivisch angelegt.
Auf relativ bescheidenem Raum, aber mit hohem Erkenntniswert werden drei eng miteinander verwobene Bereiche dargestellt. Erstens die detaillierte Abbildung der Entstehungsgeschichte, des filmtechnischen Zuschnitts und des formalen Aufbaus des Dokumentarfilms. Zweitens eine minutiöse inhaltliche Analyse des Filmes, die punktuell auch einen Abgleich mit neueren historischen Erkenntnissen vornimmt. Drittens die Frage, was uns die Entstehungsgeschichte über den gesellschaftlichen Kontext Ende der 1960er Jahre, das heißt über "zeitgenössische Wissensbestände, Erinnerungs- und Umgangsformen" (S. 17) sagt.
Auf nicht einfacher archivalischer Ausgangsbasis gelingt es König, den Entstehungszusammenhang des Dokumentarfilms zu verorten. Als wichtigen Bestandteil der 1965 im ehemaligen Wirtschaftsgebäude des KZ Dachau eröffneten Ausstellung hatte man bereits einen Filmvorführraum eingerichtet. Der zu zeigende Film sollte nach damaliger Vorstellung an Hand originalgetreuer Aufnahmen und eines sachlich-nüchtern unterlegten Kommentars einen möglichst authentischen Überblick über die zwölfjährige Lagergeschichte geben. Mit der Produktion wurde im Jahr 1967 begonnen, wobei als Rohmaterial vor allem Filmrollen der in den Tagen der Befreiung anwesenden US-Militärberichterstatter, aber auch einige Aufnahmen des SS-Fotografen Friedrich Franz Bauer zur Verfügung standen.
Mit viel Gespür für Details und Kontextualisierungen versteht es König, "KZ Dachau" in die damals gängigen Genres des NS-Dokumentarfilms einzubetten beziehungsweise ihn davon abzugrenzen. Ein deutlicher Unterschied bestand etwa zu den aus der unmittelbaren Nachkriegszeit zum Zwecke der Aufklärung und Re-education hergestellten amerikanischen "Atrocity -Filmen", indem man bewusst auf eine allzu brutale Bebilderung verzichtete. Dies hatte vornehmlich seinen Grund in der Angst, dass eine zu starke Fokussierung auf die Grausamkeiten in der Gesellschaft eine Abwehrreaktion gegen die Gedenkstätte hervorrufen könnte. Wie bei der Erstkonzeption der Ausstellung insgesamt, so hielt man auch bei der Herstellung des Films nichts von einer Personalisierung der Opferperspektive. Dies bedeutete etwa den Verzicht auf Zeitzeugeninterviews. Dem Anspruch der Authentizität sollte allein die Kombination aus sachlich nüchternem Kommentar und einer möglichst stringenten und widerspruchsfreien Bebilderung genügen.
Insgesamt ist der Film "KZ Dachau" in drei Teile untergliedert: ein mittels Wochenschauaufnahmen montierter Vorspann über die Geschichte des Nationalsozialismus, dann ein Überblick über die Lagergeschichte und schließlich die Befreiung des KZ Dachau. Dass die Korrespondenz zwischen Text und Bild ein schwieriges Unterfangen war, zeigte sich gerade beim Gesamtüberblick, da Bildmaterial eben nur aus bestimmten Phasen der zwölfjährigen Lagergeschichte zur Verfügung stand. Problematisch ist zudem, dass die eingesetzten Aufnahmen des SS-Fotografen eine intentional die Häftlinge erniedrigende Aussage beinhalteten, die dieser durch die bildtechnische Wahl von Blickwinkel und Belichtung verstärkte. Eine differenzierte Illustrierung über alle Phasen des Lagers und Haltungen der Häftlinge war also von vornherein nicht möglich, sondern konnte nur durch einen teilweise die Bilder konterkarierenden Kommentar hergestellt werden.
Wie König aufzeigt, begingen die Macher des Films auch einige gravierende faktische Fehler. So wenn im abschließenden Befreiungsteil ein jüdischer Gottesdienst vom 6. Mai 1945 als allgemeine Befreiungsfeier vom 1. Mai tituliert wurde. Bilder von ausgemergelten Leichen, die vermutlich von einem Evakuierungstransport aus dem KZ Buchenwald stammen, wurden Dachau zugeschrieben. Darüber hinaus weist König auf Begründungszusammenhänge bewusster Simplifizierungen und Auslassungen im Film hin. So wurde der Einsatz von Funktionshäftlingen (Kapos) und das System der Stoffwinkel an der Kleigung ebenso wenig erläutert wie politische und nationale Gegensätze unter den Häftlingen. "Problematische" Gruppen wie Berufsverbrecher und Homosexuelle wurden verzerrt dargestellt oder blieben gänzlich ausgespart, aber auch die Tatsache von privilegierten Häftlingsgruppen fand keinen Eingang. All dies diente dazu, den vor allem vom Internationalen Häftlingskomitee Dachau (CID) beschworenen Mythos einer geschlossenen Solidargemeinschaft aller Häftlinge nicht in Frage zu stellen. Schließlich fehlt dem Film neben einer sozialen Aufschlüsselung der Häftlingsgruppen auch eine räumliche Differenzierung des Gesamtkomplexes Dachau, das heißt die Darstellung von Außenlagern und Außenkommandos. Dies verstärkt den Gesamteindruck eines von der Stadt Dachau und ihren Bürgern völlig losgelösten und isolierten Täterortes KZ Dachau. Auch dies eine Konzession an die Zeit.
Wie die von König in der Einleitung angerissene Frage nach der zukünftigen Tauglichkeit dieses trotz der genannten Mängel sehr verdienstvollen Dokumentarfilmes aus den 1960er Jahren von den Verantwortlichen beantwortet wird, bleibt abzuwarten. Dass der Film nun inzwischen selbst historische Deutungskraft entwickelt hat, hat König in seiner Studie eindrücklich dargelegt. Eine in vielfacher Hinsicht lohnende Erweiterung des Themas wäre eine vergleichende Analyse mit ähnlichen Dokumentarfilmen aus anderen deutschen Gedenkstätten oder mit dem Film, der den Besuchern von der Gedenkstätte von Auschwitz gezeigt wird.
Erschienen am 29.05.2012
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