Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Klaus-Dieter Herbst

Die Schreibkalender im Kontext der Frühaufklärung

(Acta Calendariographica, Forschungsberichte 2), Jena 2010, Verlag HKD, 310 Seiten, 14 Abbildungen

Rezensiert von Georg Seiderer (Erlangen)      PDF-Datei


Der Beginn der Aufklärung in Deutschland wurde und wird vielfach mit Christian Thomasius in Verbindung gebracht: Seine deutsche Ankündigung einer deutschsprachigen Vorlesung im Jahre 1687 und seine Herausgabe der "Monatsgespräche" als einer gelehrten, aber deutschsprachigen und zugleich in einer lockeren literarischen Form geschriebenen Zeitschrift seit 1688 wurden und werden immer wieder als symbolhafte Initialereignisse am Beginn jener geistesgeschichtlichen Bewegung in Deutschland genannt, die vor allem das 18. Jahrhundert umspannte. Freilich wurde in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt auch der Blick auf deren Vorläufer und Protagonisten im 17. Jahrhundert gerichtet, ob es sich nun etwa um klandestine Schriften des späten 17. Jahrhunderts handelte oder um die eklektische Philosophie v o r Thomasius, als deren Hauptvertreter der Altdorfer Professor für Mathematik Johann Christoph Sturm gelten kann. Klaus-Dieter Herbst stellt seine Untersuchung über Schreibkalender im 17. Jahrhundert in den Kontext der Diskussion um die Periodisierung der deutschen Aufklärung, zu der er einen wichtigen Beitrag liefert.
Im Zentrum der Arbeit steht die in deutschen Schreibkalendern des dritten Viertels des 17. Jahrhunderts geführte Diskussion über die Vorbedeutung von Sonnen- und Mondfinsternissen, die noch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts keineswegs etwa nur im "Volk", sondern auch unter den Gelehrten als unheilverkündende Vorboten unmittelbar bevorstehenden Unglücks galten - bis hin zu der ernsthaft vertretenen These, sie kündigten das unmittelbar bevorstehende Jüngste Gericht an. Herbst stellt die Sonnenfinsternis vom 2./12. August 1654, die in weiten Teilen Europas zu beobachten war, und die in Schreibkalendern geführte Diskussion um ihre Bedeutung in den Mittelpunkt seiner Darstellung. Die Debatte macht die Spannbreite der um die Mitte des 17. Jahrhunderts in Deutschland vertretenen Positionen deutlich: Während einige Autoren die bevorstehende Sonnenfinsternis als Vorzeichen des nahen Weltenendes betrachten mochten, lehnten die meisten eine so weitreichende Deutung ab, ohne doch den Glauben an die Vorbedeutung von Sonnenfinsternissen und das astrologische Weltbild grundsätzlich aufzugeben. Zu den namhaften Vertretern dieser Haltung zählte der Altdorfer Professor für Mathematik Abdias Trew, der zwar an der Prognostik seiner Zeitgenossen Kritik übte, wenn sie ihm zu weit ging und nicht begründet erschien, der aber, als Vertreter einer Astronomie im Übergang, noch nicht bereit war, das astrologische Weltbild grundsätzlich in Frage zu stellen: In der Debatte um die Bedeutung der Sonnenfinsternis von 1654 war es mit Pierre Gassendi ein Franzose, der an diesem Weltbild in einer auch ins Deutsche übersetzten Schrift grundsätzlich rüttelte. Bereits in den folgenden Jahrzehnten läßt sich allerdings ein grundlegender Wandel beobachten. Obgleich das astrologische Weltbild noch von zahlreichen Autoren vertreten wurde, mehrten sich doch zunehmend die Stimmen, die es grundsätzlich ablehnten; Kalendermacher wie Johann Christoph Sturm oder Gottfried Kirch widmeten ihre Kalender zum Teil ausdrücklich dem Anliegen, durch ihre astronomischen Beiträge dem Aberglauben entgegenzuwirken. Die Debatte über die Bedeutung der Sonnenfinsternis von 1654 stellte nach Herbst einen Wendepunkt in einem längeren Prozeß dar, in dem die Überwindung des astrologischen Weltbilds seit den 1660er Jahren vor allem von jüngeren Wissenschaftlern getragen wurde.
In mehrfacher Hinsicht sind seit den 1660er/1670er Jahren entstandene Schreibkalender zum "Quellenfundus der Frühaufklärung" zu rechnen. Zum einen strebten sie, mehr oder weniger ausgeprägt, ausdrücklich die Überwindung des astrologischen Weltbildes an und leisteten damit einen wichtigen Beitrag im Übergang zur frühen Aufklärung. Zum zweiten waren sie mit ihren in deutscher Sprache geschriebenen wissenschaftlichen Abhandlungen, die sich nicht selten der literarischen Form des Gesprächs bedienten, frühe Medien zur Popularisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Drittens schließlich zeigt sich auch an ihnen die Bedeutung, die den Naturwissenschaften im Prozeß der Genese der Aufklärung zukam: Die Untersuchung von Klaus-Dieter Herbst unterstreicht damit die Rolle, die Astronomen und Mathematiker wie Erhard Weigel, Johann Christoph Sturm oder Gottfried Kirch in der Frühgeschichte der deutschen Aufklärung besaßen.
Daß der Autor dabei schließlich über die Grenzen der Historiographie in das Gebiet der literarischen Fiktion vorstößt, indem er ein Gespräch im Jahre 1676 konstruiert, an dem er unter anderen Jakob Thomasius, Christoph Richter, Gottfried Kirch und Ehrenfried Walther von Tschirnhaus teilnehmen läßt, mag nicht nach jedermanns Geschmack sein, doch macht es den geistigen Aufbruch anschaulich, der die Naturwissenschaft in den Jahrzehnten um 1670, 1680 auch in Deutschland kennzeichnete. Herbsts Untersuchung leistet einen wichtigen Beitrag zur Frühgeschichte der deutschen Aufklärung, der dazu geeignet ist, immer noch beliebte Zäsuren und Bilder von der Verspätung der deutschen Aufklärung infragezustellen.

Erschienen am 13.12.2012

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