(Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte 22), München 2010, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, 176 Seiten, zahlr. Abbildungen
Rezensiert von Daniela Stöppel (München) PDF-Datei
Der schmale Sammelband, der auf den Ergebnissen einer Tagung von 2007 basiert, widmet sich in dreizehn Einzeldarstellungen der Münchener Kunstgeschichte der Nachkriegszeit. Er nimmt dabei sowohl die Forschungs- und Hochschulinstitute (Zentralinstitut, Kunsthistorische Lehrstühle an Universität, Technischer Hochschule und Kunstakademie), die wichtigsten Museen und Einrichtungen (Städtische Galerie, Historisches Museum, Staatsgemäldesammlungen, Doerner-Institut, Bayerisches Nationalmuseum, Graphische Sammlung) als auch die Denkmalpflege (Landesamt, Schlösserverwaltung) in den Blick. Dem Jahr 1947 kommt dabei die Funktion eines symbolischen Schwellenjahrs zu, das den Umbruch von den Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeit zu einer Phase beginnender personeller und institutioneller Neuordnung sowie architektonischen Wiederaufbaus markiert. Die einzelnen Beiträge erweitern den Zeitrahmen ihrer Darstellung jedoch teils beträchtlich, so dass der Band mitnichten auf das Jahr 1947 beschränkt bleibt. Vielmehr liefern viele der Artikel erstmals grundlegende Daten und Fakten zur personellen, räumlichen und finanziellen Ausstattung der fraglichen Kunst-Institutionen auch für die Zeit weit vor und während des Nationalsozialismus.
Hinter diese verdienstvolle und dichte Aufarbeitung von bislang oft unausgewertetem Quellenmaterial treten jedoch die brisanten Fragen nach politischer und weltanschaulicher Kontinuität und Neuausrichtung mitunter zurück. Schon angesichts der enormen Rückführungs-, Sicherungs- und Aufbauleistungen, die auf künstlerischem und denkmalpflegerischem Gebiet von Einzelpersonen und Institutionen in Zeiten allgemeiner Not geschultert wurden, erscheinen Fragen nach einer moralischen Bewertung - beispielsweise der Wiedereinsetzung von während der NS-Zeit führenden Kunsthistorikern - fast zwangsläufig relativiert. Dies zeigt beispielsweise der Fall Ernst Buchner, der während des "Dritten Reiches" und nach seiner zeitweisen Enthebung erneut von 1953 bis 1957 Direktor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen war: Der Fokus auf die Nachkriegszeit lässt Buchner, der unter anderem in verschiedene Fälle von Raubkunst involviert war, nun vor allem als Fürsprecher für den Erhalt des stark beschädigten Baus der Alten Pinakothek erscheinen. Auch im Falle Georg Lills, der von 1929 bis 1950 als Leiter der Denkmalpflege amtierte, rücken nun dessen gewichtige Leistungen im Wiederaufbau deutlich in den Vordergrund, während seine nicht unproblematische Rolle während des NS-Regimes auch aufgrund der geforderten Kürze der Beiträge nur angeschnitten werden konnte. Gerade solche ambivalenten Figuren böten jedoch Gelegenheit, die moralischen und weltanschaulichen Kriterien der Zeit explizit herauszuarbeiten.
Einzig Christian Fuhrmeister stellt in seinem Beitrag zur Kunstgeschichte an der Universität München in grundsätzlicherer Weise die Frage, welches methodische Vorgehen dem Themenfeld angemessen sei. Er verweist zurecht darauf, dass vor allem der vergleichende Blick auf realisierte und gescheiterte Projekte, auf erfolgreiche und erfolglose Rehabilitierungsversuche, auf bruchlos fortgesetzte und abgebrochene Karrieren Aufschlüsse über die politische und weltanschauliche Verfassung der Nachkriegszeit geben könne.
Bezieht man dies nun auf den vorliegenden Band, hätte beispielsweise die - institutionsimmanent betrachtet so plausibel aus dem Central Collecting Point hervorgehende - Gründung des Münchener Zentralinstituts stärker kontextualisiert werden können. So fand die Gründung des Münchener Instituts nicht in konkurrenzloser Atmosphäre statt, sondern es stand längere Zeit auch zur Debatte, das Bildarchiv "Foto Marburg" in den Rang eines deutschen Zentralinstituts für Kunstgeschichte zu erheben. Dieses, vom NS-kritischen Kunsthistoriker Richard Hamann gegründete Institut setzte sich jedoch letztlich gegen München nicht durch. Eine vergleichende Untersuchung könnte hier helfen, die politische Bedeutung des Kunst-Standorts München im Nachkriegs-Deutschland genauer zu fassen und auch die spezifischen kulturpolitischen Interessen benennen zu können.
Bezeichnend für die vorwiegend institutionsinterne Betrachtungsweise des vorliegenden Sammelbands ist weiterhin, dass in den meisten Fällen die Autoren und Autorinnen sich derjenigen Institution widmen, an der sie selbst beschäftigt sind. Dies ist zum einen der Zugänglichkeit von Quellenmaterial und zum anderen wohl dem legitimen Interesse an der Geschichte des 'eigenen' Hauses geschuldet, zeigt aber auch, dass eine übergeordnete Aufarbeitung immer noch aussteht. Eine eigene Studie wert gewesen wäre zudem die politische Entscheidungsebene in Kultusministerium und Stadtrat. Dies bleibt jedoch der zukünftigen Auseinandersetzung mit dem Thema vorbehalten, für die der Band fraglos eine unverzichtbare Grundlage liefert.
Erschienen am 08.07.2011
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