(Tübinger Bausteine zur Landesgeschichte 15), Ostfildern 2010, Thorbecke, VIII, 423 Seiten, zahlr. Abbildungen, 1 CD-ROM
Rezensiert von Bernhold Schmid (München) PDF-Datei
Friedrich I. von Württemberg, einer schillernden, machtbewußten Persönlichkeit im Zeitalter des aufkommenden Absolutismus, wurde zum 400. Todestag ein Symposium gewidmet, in dessen Zentrum die Musik am Württemberger Hof im Vergleich zu anderen deutschen und europäischen Höfen stand; daneben wurden weitere Aspekte höfischer Kultur in Stuttgart abgehandelt, um so ein umfassendes Bild von der Kulturpolitik des Herrschers nicht zuletzt im Dienst von Repräsentation und Machtanspruch zu zeichnen. Die Rahmenbedingungen werden in zwei grundlegenden Beiträgen vorgestellt: Sönke Lorenz, "Herzog Friedrich I. von Württemberg (1557-1608): ein Fürst zwischen Ambition und Wirklichkeit" führt eine zwiespältige Herrscherpersönlichkeit vor, die mithilfe der neuen Möglichkeiten der Wirtschafts- und Verkehrspolitik die Ressourcen seines Landes auszuschöpfen trachtete, dabei aber rücksichtslos vorging; Lorenz bescheinigt Friedrich "Züge von gewissenloser und erpresserischer Niedertracht" (S. 22). Oliver Auge beleuchtet das Phänomen des Hofes und kommt in seinem Beitrag "Unfaßliche Erscheinungen? Mittelalterliche und frühneuzeitliche Höfe als Forschungsthema" zum Ergebnis, daß der "Hof" ein vielgestaltiges und komplexes Gebilde ist; von "Hof" könne man letztendlich nicht sprechen, angemessen sei stattdessen eher der Plural "Höfe" (S. 58).
In den Künsten spiegeln sich Selbstverständnis und Machtanspruch des Herrschers. Friedrich umgab sich anders als sein Vorgänger Ludwig III. mit einem großen Hofstaat und beschäftigte zahlreiche Künstler, die denn auch neue Impulse gaben, wie Nicole Bickhoff, "'Gott kann der Welschen Pracht nicht leiden': Hof und Festkultur unter Herzog Friedrich I. von Württemberg" darlegt. Den Machtanspruch dokumentiert exemplarisch die gewichtige Arbeit Fritz Fischers ("Stuttgarter Aufbruch. Eine Fallstudie zur Kulturpolitik Herzog Friedrichs I."): Anhand der Beschreibung eines Gemäldes aus der Regierungszeit Friedrichs mit der Darstellung der Hochzeit von Graf Eberhard IV. von Württemberg (geb. 1388, reg. 1417-1419) und Henriette, Enkelin und Haupterbin des Grafen Stephan von Mömpelgard, skizziert er den politischen Anspruch Friedrichs I. Der Herzog habe sich auf einer Ebene mit Heinrich IV. und Elisabeth I. gesehen; Ziel sei gewesen, das katholische Habsburg zurückzudrängen (S. 137). Zur den Anspruch dokumentierenden Repräsentation dienen auch Festivitäten, über deren Hergang dann Publikationen wie Jakob Frischlins Beschreibung des Ringrennens von 1599 berichten; die Requisiten für das Turnier hatte man der herzoglichen Kunstkammer entnommen (Sabine Hesse, "Die Neue Welt in Stuttgart. Die Kunstkammer Herzog Friedrichs I. und der Aufzug zum Ringrennen am 25. Februar 1599").
Nicht zuletzt trägt die Musik zur Repräsentation bei. Joachim Kremer ("Englische Musiker am württembergischen Hof in Stuttgart - Musikermobilität und der strukturelle Wandel der Hofkantorei um 1600") thematisiert die Englandkontakte: Zwar sind englische Musiker am Hof nachweisbar, Konkretes über das musikalische Repertoire lässt sich indes nicht sagen. Hofkapellmeister zu Friedrichs Zeit war Leonhard Lechner, ein Schüler des Münchener Kapellmeisters Orlando di Lasso. Andreas Traub ("Die Stuttgarter Hofkapelle im späten 16. Jahrhundert") berichtet, daß Lechner wie sein Vorgänger Hoyoul (ebenfalls ein Schüler Lassos) die "Moderne" ihrer Zeit vertraten, und belegt dies insbesondere für Hoyoul mit einer Anzahl von Beispielen aus seinem Werk. Überhaupt sind enge Beziehungen zwischen der Stuttgarter und der Münchener Hofkapelle belegt, wie Franz Körndle ("Die bayerische Hofkapelle unter Orlando di Lasso im Wettstreit mit dem württembergischen Nachbarn") erläutert. So fällt in die Zeit des 1572 aus München gekommenen Kapellmeisters Ludwig Daser die Organisation der Hofkapelle nach Münchener Vorbild. Aus einem Vergleich beider Kapellen ergibt sich schließlich die Möglichkeit, das Wenige, das man aus der Zeit Friedrichs I. weiß, mit einigen Thesen versuchsweise zu beantworten. Hier wie dort hatte man dem "Wandel der musikalischen Mode" (S. 274) Rechnung zu tragen: Kammer- und Instrumentalmusik treten in den Vordergrund. Dörte Schmidt ("Zwischen Wissen, Repräsentation und Kommunikation. Moritz von Hessen-Kassel und die Bedeutung der Musik für das Herrscherbild der Zeit") setzt sich mit den kulturpolitischen Bedingungen der Musikpflege an deutschen Höfen um 1600 auseinander. Ole Kongsted ("Die dänische Hofkapelle im europäischen Kontext. Von Christian II. bis zu Christian IV. (ca. 1515-ca. 1615") räumt mit diversen Fehleinschätzungen auf: So diskutiert er den Beginn einer festen Kapelltradition und setzt diese später an als bisher von Niels Friis behauptet (erst ab 1539 kann ein geschlossenes Bild skizziert werden; 1448 als Gründungsjahr ist nicht haltbar; S. 299ff.). Fraglich ist seiner Einschätzung nach ferner, ob wir es bei Josquin Baston mit einem sogenannten "Doppelmeister"-Phänomen zu tun haben; er plädiert für nur einen Musiker dieses Namens (S. 303ff.). Joachim Kremer beschäftigt sich abschließend mit dem Madrigal um 1600, das eine der repräsentativen Gattungen der Zeit war ("Madrigal und Kulturtransfer zur Zeit Friedrichs I. von Württemberg") und in mehreren europäischen Ländern gepflegt wurde. Eines der Zentren war indes Venedig, wo mehrere europäische Musiker bei Giovanni Gabrieli studiert hatten. Der Beitrag versteht sich als Einführung "Zu einem Konzert mit Werken von Schütz, Monteverdi, Grabbe, Lechner und Zeitgenossen" (so der Untertitel des Beitrags), das als Mitschnitt auf einer außerordentlich hörenswerten und instruktiven CD dem Band beigegeben ist.
Einige Studien bleiben noch zu erwähnen: "Drei unbekannte Dokumente aus Mömpelgard zu Friedrich I. von Württemberg" legt André Bouvard vor: zum einen ein Portrait Friedrichs, zum zweiten den Treueeid der Bürger von Mömpelgard vom Mai 1587 mit einer fast vollständigen Liste der Einwohner, und schließlich Jean Bodins "Les six livres de la République", eine Staatstheorie, die Friedrich ins Deutsche übersetzen ließ, da sie seinem Konzept von Staat, Regierung (Monarchie) und Wirtschaft (merkantilistische Ideen) entsprach. Christine Krämer stellt "Die 'Historia Plantarum Universalis' von Jehan Bauhin (1541-1612) als einzigartige Quelle für die württembergische Weinbaugeschichte" vor und liefert eine Teiledition der Beschreibung einiger heute zum Teil nicht mehr bekannter Rebsorten, etwa des "Lausanois" oder "Fiderling", der "bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als Fütterer zu den originellsten und besten alten württembergischen Landsorten [zählte], die meist als Beimischung zusammen mit anderen Trauben zur Weinbereitung verwandt wurde, um die Qualität des Erzeugnisses zu steigern." (S. 105). Sönke Lorenz ("Friedrich I. und das 'Mömpelgarder Fischweiblein'. Zu den heraldischen Ambitionen des Herzogs") berichtet von den Änderungen, die Friedrich zunächst am Wappen von Württemberg-Mömpelgard, später dann auch an demjenigen des Herzogtums Württemberg vornehmen ließ. Schließlich handelt Peter Rückert über die Reisen Friedrichs ("Fürst ohne Grenzen: Herzog Friedrich I. von Württemberg auf Reisen"), die ihn 1580 nach Böhmen, Dänemark, Schlesien und Ungarn, 1592 in die Niederlande und nach England sowie 1599/1600 nach Italien führten (in Venedig hatte er übrigens den Komponisten Giovanni Gabrieli kennengelernt, S. 228). Gedruckte Reiseberichte geben darüber Auskunft und zeugen von den Wirkungen der Reisen auf den Herzog und sein Land; umgekehrt hat aber auch Friedrich in den besuchten Ländern Spuren hinterlassen; besonders in England, wo Shakespeare ihm ein Denkmal in den "Merry Wives of Windsor" setzte (S. 231ff.).
In den Band aufgenommen ist ferner der Katalog zur Ausstellung "Fürst ohne Grenzen - Duc sans frontières: Herzog Friedrich I. von Württemberg († 1608)", deren Exponate vorzüglich geeignet sind, den Aufsatzteil des Bandes zu illustrieren. Da die Ausstellung auch in Mömpelgard/Montbéliard zu sehen war, sind die Legenden auch ins Französische übersetzt. Die Exponate sind teils abgebildet, teils wird auf Tafeln im Hauptteil des Buches verwiesen.
Den Herausgebern und Autoren gelingt es, mit dem repräsentativen, aufwendig hergestellten Band (Kunstdruckpapier, geradezu verschwenderische Ausstattung mit zahlreichen, vorzüglichen Farbabbildungen), ein weitgefaßtes und detailliertes Bild von Friedrich I., seiner Regierungsführung sowie dem kulturellen Umfeld zu vermitteln, das zum Teil im Dienst der Selbstdarstellung des Herrschers stand und daraus zu erklären ist.
Erschienen am 07.07.2011
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