(Residenzenforschung 23), Ostfildern 2010, Thorbecke, 464 Seiten, 48 Tafeln
Rezensiert von Dieter J. Weiß (Bayreuth) PDF-Datei
Die Göttinger Residenzenkommission hat im Jahr 2008 ihr 11. Symposium in Wien abgehalten und entsprechend die dortige Hofburg ins Zentrum gerückt. Werner Paravicini formuliert als Rahmenthema die wechselseitige Wahrnehmung von Höfen und Residenzen. Hellmut Lorenz legt unter dem Titel "Vienna Gloriosa" einen souveränen Überblick der Etappen der Planungs- und Baugeschichte der Wiener Hofburg vor, der gleichzeitig die Arbeit einer Forschergruppe bei der Österreichischen Akademie zu dieser Thematik vorstellt.
Im Abschnitt "Information und Informationsbeschaffung" liefert Torsten Hiltmann einen instruktiven Überblick des Heroldswesens und der Kommunikationsformen zwischen den Höfen für das 14. bis 16. Jahrhundert. Tünde Radek behandelt die Nachrichtenübermittlung zwischen ungarischen und deutschen Höfen anhand von Quellentexten aus der Chronistik. Volker Bauer betont den Zeichencharakter von Schloßnamen und wertet diese für Herrschaftsverständnis und dynastische Ansprüche in der Frühneuzeit aus, wobei besonders sächsische und thüringische Residenzen aussagekräftige Beispiele bilden. Der Kenner der Polizeiordnungen Wolfgang Wüst untersucht deutsche Hofordnungen als Medien politisch-kulturellen Normenaustausches.
Im Themenkomplex "Konkurrenz und Anpassung" behandelt Katrin Keller die Verbindungen zwischen den Residenzen Wien und Dresden für das 17. Jahrhundert. Werner Rösener widmet sich Wandlungen besonders an den südwestdeutschen Höfen des Spätmittelalters, die durch Austausch oder Rivalität ausgelöst wurden. Unter dem schönen Titel "Im Wettstreit mit Apelles" stellt Matthias Müller Hofkünstler im Austausch- und Konkurrenzverhältnis europäischer Höfe vor. Heiko Lass erarbeitet eine kleine Monographie zur Selbstdarstellung des Erzjägermeisters im 16. Jahrhundert durch die Wettiner - einem Erzamt ohne Kurwürde. Jörg Martin Merz untersucht Architekturwettbewerbe an europäischen Höfen, wobei die Louvre-Konkurrenz im Mittelpunkt steht.
Im Kapitel über die Wiener Hofburg in europäischer Wahrnehmung stellt zunächst Mario Schwarz die mittelalterlichen Anfänge dieser Residenz vor, wobei er sich auf jüngere Entdeckungen der Bauforschung stützen kann. Als Ursprungsbau nimmt er den gleichen Grundrißtyp wie bei den seit 1231 entstandenen staufischen Kastellen in Sizilien und Apulien an. Paul Mitchell, ebenfalls Mitarbeiter des Projekts zur "Bau- und Funktionsgeschichte der Wiener Hofburg", legt einen Überblick zur Baugeschichte des 14. und 15. Jahrhunderts vor. Renate Holzschuh-Hofer liefert eine spannende Analyse der Ikonologie der Hofburg unter Ferdinand I., der in ihrer überzeugenden Deutung mit seinem Bauanteil bewußt eine Reduktionsarchitektur als Sitz und Symbol reiner und rechtmäßiger Macht errichtet habe - "Kaisertum auf der Basis des christlichen Glaubens". Das Schweizertor, entstanden zur Zeit des Passauer Vertrags, interpretiert sie als Ausdruck des herrscherlichen Selbstbewußtseins Ferdinands I., das im Gewinn der Kaiserwürde münden sollte. Herbert Karner untersucht die Raumfolge und den Appartementaufbau in der Wiener Hofburg im Vergleich mit weiteren habsburgischen Residenzen (Pläne S. 448-451) nach spanischen Vorbildern und stellt die Frage nach einer internationalen Repräsentationsarchitektur der Casa de Austria. Einen Wandel zu französischen Einflüssen auf die Architektur kann Manuel Weinberger für das beginnende 18. Jahrhundert mit der Hofbibliothek und der geplanten Michaelerfassade ausmachen.
Im abschließenden Kapitel, das nach Vorbildern für das höfische Leben fragt, würdigen Christian Berger und Tomas Tomasek Oswald von Wolkenstein als Mittler im spätmittelalterlichen Kulturtransfer. Guido von Büren stellt die Reise Herzog Wilhelms V. von Jülich-Kleve-Berg nach Frankreich im Jahr 1541 und ihre kulturellen Folgen besonders für die Musikgeschichte vor. Dominik Collet behandelt für den Komplex der frühneuzeitlichen Kunst- und Wunderkammern Formen des Austausches zwischen Sammlern und Experten. Dabei versteht er das Modell Kunstkammer als eine Institution, "die herrschaftliche Repräsentation zugleich ermöglichte und beschränkte". Carola Fey untersucht Reliquiengeschenke als Zeugnisse höfischen Austausches, wobei sie die durch Pfalzgraf Ruprecht I. vermittelte Stiftung eines Teils des Tischtuchs vom Letzten Abendmahl an das Liebfrauenstift in Neustadt an der Weinstraße durch König Ludwig I. von Ungarn als Ausgangspunkt wählt. Dieser König nutzte offenbar Reliquienschenkungen nach dem Vorbild des französischen Königshauses zur Repräsentation und hatte Anteil an der Ausbildung einer gesamteuropäischen höfischen Sakralkultur. Jaroslava Hausenblasová analysiert in ihrem grundlegenden Beitrag den Aufbau des Hofes König Ferdinands I. in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, wobei sie sich auf unedierte Hofordnungen stützen kann. Als Spezifikum macht sie die Präzision der Hofordnungen und die Verknüpfungen der Hofabteilungen und Ämter aus.
In einem abschließenden Beitrag behandelt Peter-Michael Hahn dynastische Rivalitäten und höfische Konkurrenzen und liefert eine Zusammenschau der Erträge des Bandes, als dessen Schwerpunkte sich die Wiener Hofburg und die Regierungszeit Kaiser Ferdinands I. herauskristallisieren. Am Ende des Bandes sind Farbabbildungen zu den einzelnen Beiträgen gegeben. Wie bei einem Symposium nicht anders zu erwarten, wird - stets auf höchstem Niveau - ein breites Themenspektrum behandelt; insgesamt ist ein wichtiger Beitrag zur Residenzenforschung mit neuen Erkenntnissen und anregenden Thesen gelungen.
Erschienen am 03.06.2011
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