Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

Hanns Christof Brennecke / Dirk Niefanger / Werner Wilhelm Schnabel (Hg.)

Akademie und Universität Altdorf. Studien zur Hochschulgeschichte Nürnbergs

(Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte 69), Köln 2011, Böhlau, 464 Seiten, 28 Abbildungen

Rezensiert von Rainald Becker (Bayreuth)      PDF-Datei


Die Universität Altdorf gehört wie die Hochschulen von Bamberg, Dillingen, Innsbruck, Salzburg und Aschaffenburg zu den Opfern des großen bayerischen "Universitätssterbens" (Laetitia Boehm) zu Beginn des 19. Jahrhunderts. 1809 wurde sie durch König Max I. Joseph aufgehoben - sowohl wegen mangelnder Studentenzahlen als auch wegen angeblich fehlender wissenschaftlicher Innovationspotentiale. Treibende Kraft hinter dem Auflösungsdekret war Montgelas, dessen zentralistisch bestimmte Strukturplanungen für Bayern eine strikte Reduktion der Universitäten vorsahen. Bekanntermaßen überlebten nur drei Hochschulen den aufklärerisch-revolutionären Bildungskahlschlag: Ingolstadt (1800 nach Landshut, 1826 nach München transferiert), Würzburg und Erlangen, langjähriger Rivale und in gewisser Weise "Erbe" von Altdorf. Erst die optimistischen Gründungsdynamiken der 1960er und 70er Jahre sollten - auf Vorleistungen unter Ludwig I., Maximilian II. und dem Prinzregenten aufbauend - zu einer neuerlichen Verdichtung der bayerischen Hochschullandschaft führen. Erst diese konnten an die Vielfalt des frühneuzeitlichen Universitätskosmos in Süddeutschland anknüpfen.
Indes brach mit der Aufhebung der reichsstädtisch-nürnbergischen Hochschule in Altdorf nicht nur eine große Bildungstradition ab. In deren Folge ging auch eine hochrangige historiographische Erinnerungskultur zugrunde. Gerade Altdorf hatte mit Georg Andreas Will († 1798) einen bedeutenden Historiker der eigenen Alma Mater vorzuweisen - im süddeutschen Zusammenhang nur noch mit Johann Nepomuk Mederer († 1808), dem Chronisten der Universität Ingolstadt, zu vergleichen. Neuansätze zu einer systematischen Altdorfer Universitätsgeschichte, die sich eben nicht mehr auf den Selbstvergewisserungsbedarf einer noch bestehenden Institution stützen kann, lassen sich erst wieder nach 1945 erkennen: angefangen bei den eher rhapsodischen Überblicken von Horst Claus Recktenwald und Hans Recknagel bis hin zu den tiefdringenden, sich dafür notwendigerweise auf einzelne Entwicklungsabschnitte beschränkenden Darstellungen, etwa in den Pilotstudien von Wolfgang Mährle zur Frühzeit der 1578 errichteten Altdorphina.
Der vorliegende Sammelband - aus Anlaß des 200-jährigen Aufhebungsgedenkens entstanden - unternimmt nun den Versuch, das Universitätsprofil in großen Längs- und Querschnitten zu erfassen. Der Zugriff erfolgt mehrdimensional auf unterschiedlichen Methodenebenen. In ihm spiegeln sich die Problemtendenzen aktueller universitätsgeschichtlicher Forschung wider. Insgesamt sind vier größere, sich teilweise überschneidende Sektoren auszumachen: Es geht erstens um institutionengeschichtliche Dimensionen (etwa im Beitrag von Peter Fleischmann über die Fundierung der Hochschule, deren Verhältnis zur Obrigkeit in Gestalt des Nürnberger Rats). Zweitens ist ein spezifischer Akzent auf die Fakultätsgeschichte unter breiter Berücksichtigung der disziplinen- und wissenschaftsimmanenten Entwicklung gelegt - beispielsweise in den Aufsätzen von Walter Sparn über den protestantischen Aristotelismus, von Hanns Christof Brennecke über die theologischen Auseinandersetzungen mit den Sozinianern, von Cornel Zwierlein über die Machiavelli-Rezeption. In diesen Rahmen gehören auch die Beobachtungen zu Medizin- und Musikgeschichte (Marion Maria Ruisinger, Jörg Krämer) oder zur Orientalistik (Hartmut Bobzin).
Drittens: Außenverflechtung und Vergleich sind weitere Betrachtungsebenen. Altdorf strahlte stark auf das böhmische und polnische Studentenpublikum aus. Zugleich bildete es eine wichtige Schnittstelle zwischen dem protestantischen Hochschulraum im Alten Reich und der italienischen Jurisprudenz speziell Paduaner Prägung (mit entsprechender Professorenmobilität). Die Nürnberger Universität unterhielt auch enge Beziehungen nach Norddeutschland, etwa nach Helmstädt, also zu einer Hochschule, die mit Altdorf das Schicksal des Verschwindens während des Revolutionszeitalters zu teilen hatte. Weitere Beiträge beleuchten den engeren fränkischen Kontext, einerseits mit dem reichsstädtischen "gymnasium illustre" in Nürnberg (Egidianum), mit den hochstiftischen Universitäten in Würzburg und Bamberg, mit der kurzlebigen Academia Fridericiana in Bayreuth (Dieter J. Weiß), andererseits mit der Universität Erlangen, zu der die Altdorfer in einem zwischen Rivalität und Kooperation changierenden Verhältnis standen (Andreas Jakob). Viertens: Bedacht werden die zeremoniellen und sozialen Aspekte der Universitätsgeschichte - systematisch ausgearbeitet am Beispiel der Prämienmedaillen oder der literarischen Sodalitäten. Diese akademischen Vereinigungen zeigten eine erstaunliche vom Späthumanismus bis in die Aufklärung reichende Vitalität, wie Dirk Niefanger und Werner Wilhelm Schnabel nachweisen können.
Was blieb von Altdorf? Auch wenn die Hochschule 1809 unterging, entfaltete sie doch eine gewisse Nachwirkung. Das ehemalige Kollegiengebäude bezog eine bis in die 1920er Jahre bestehende Akademie zur Ausbildung von Primarschullehrern (Hartmut Heller). Die reichsstädtische Hochschule lebt aber auch in ihren vielfältigen Sammlungen - Archiv- wie Buchbeständen - fort. Daß sich kein eigener Beitrag mit diesen bedeutenden, heute in Erlangen stationierten Sammlungen beschäftigt, kann man vermissen. Freilich tut dies dem sehr verdienstvollen Werk keinen wesentlichen Abbruch. Vielmehr sind von ihm maßgebliche Impulse für die künftige universitätsgeschichtliche Forschung zu erwarten. Nicht nur verhilft der Band der von Montgelas ins Aus beförderten Institution wieder zu ihrem historischen Recht. Der lange überfällige Rehabilitationsakt kann zudem nachhaltige Anregungen für landesgeschichtlich vergleichende, dabei die universitäre Wirkungsgeschichte im europäischen Rahmen breit erfassende Studien geben. Oder noch anders: Sollte es nach dem hier erreichten Erkenntnisfortschritt nicht endlich möglich sein, eine umfassende Darstellung des proto-akademischen und akademischen Bildungswesens im frühneuzeitlichen Franken, Altbayern und Schwaben anzugehen?

Erschienen am 26.06.2012

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